Arbeit aus dem Magazin

Mythos Vollbeschäftigung

Aus der Sperre Sommer 2019

Von Arbeitslosigkeit redet kaum noch jemand

Foto: pixabay.com

Es werden ständig neue Erfolgszahlen am Arbeitsmarkt präsentiert. Das Wort Vollbeschäftigung macht die Runde. Der Arbeitsmarkt sei leergefegt mit vier oder fünf Prozent Arbeitslosigkeit, offene Stellen könnten kaum besetzt werden, heißt es. Fachkräftemangel treibe die Wirtschaft in den Ruin oder sei zumindest eine gravierende Wachstumsbremse. Schleunigst müssten Fachkräfte aus dem Ausland angeworben werden. Doch die wirklichen Arbeitslosen hierzulande werden dabei großzügig übersehen.

7767 Arbeitslose zählen die Arbeitsämter (Arbeitsagentur und Jobcenter) in Münster, die Arbeitslosenquote beträgt 4,6 Prozent (Agentur für Arbeit vom April 2019).
Aber viele Personen werden nicht als Arbeitslose gezählt, sie sind krank gemeldet, sie nehmen an einer Integrationsmaßnahme teil oder sie gelten als alt und nicht vermittelbar. Sie sind jedoch in einem der Arbeitsämter gemeldet ‑ fast alle beziehen Leistungen. Die Arbeitsämter zählen mit ihnen zusammen eine sogenannte Unterbeschäftigung von 10.884 Personen, ihre Quote beträgt 6,3 Prozent.

Vollbeschäftigung heißt: Wer arbeiten will, findet auch eine Arbeit. Vier, fünf oder sieben Prozent Arbeitslosigkeit sind keine Vollbeschäftigung. Die Landesverfassung NRW sagt in Artikel 24: Jedermann hat ein Recht auf Arbeit.

Daneben gibt es weitere gut 3000 als arbeitssuchend, aber nicht als arbeitslos Gemeldete. Zusätzlich sind viele Arbeitnehmer*Innen unfreiwillig in Teilzeit oder im Minijob beschäftigt und haben den Wunsch nach mehr und gut bezahlter Arbeit; das dürften in Münster 6000 bis 10.000 sein. Weitere Menschen suchen eine Arbeit und sind gar nicht gemeldet, weil sie von einem der Arbeitsämter nichts erwarten, beispielsweise viele Frauen, deren Arbeitslosengeld abgelaufen ist, die kein Arbeitslosengeld II beziehen und bislang nur über ihren Mann abgesichert sind. Deren Zahl lässt sich nur grob schätzen. Sie alle bilden die sogenannte stille Reserve. Wenn die Zahl der besetzten Stellen doppelt so schnell steigt, wie die Arbeitslosigkeit sinkt, dann genau wegen dieser nicht berücksichtigten stillen Reserve.

Vollbeschäftigung und Arbeitslosigkeit in besseren Zeiten
Auf Bundesebene sind aktuell 2,23 Millionen offizielle Arbeitslose gezählt, das entspricht einer Quote von 4,9 Prozent. Durch die sogenannte Unterbeschäftigung kommen weitere 970.000 „Nichtarbeitslose“ dazu, damit sind 3,2 Millionen Personen arbeitslos.

1960 bis Anfang der 1970er-Jahre (ohne die Krise 1967) hatten wir in Westdeutschland im Jahresdurchschnitt etwa 150.000 Arbeitslose, die Arbeitslosenquote betrug durchschnittlich 0,7 Prozent (Zahlen: Bundeszentrale für politische Bildung). Die Arbeitslosigkeit war geprägt durch saisonale Einflüsse, sie war im Winter höher, und im Sommer lagen die Zahlen unter 50.000. Den 150.000 Arbeitslosen standen etwa 500.000 bis 800.000 offene Stellen gegenüber. Kranke oder schwer vermittelbare ältere Arbeitslose wurden damals noch nicht herausgerechnet.
Da war zwar immer noch nicht jeder und jede Arbeitswillige beschäftigt, aber doch annähernd. Solche Zahlen zeigen in die Richtung Vollbeschäftigung.

Vermittlungszahlen sind verbesserungsbedürftig
Die Arbeitslosen werden heute zu einem Drittel von der Arbeitsagentur und zwei Dritteln vom Jobcenter betreut und vermittelt. Mehr als die Hälfte der Arbeitslosen im Jobcenter sind langzeitarbeitslos. Münsters Jobcenter zählt 3400 berufliche Integrationen – also Jobvermittlungen – im Jahr. Das Jobcenter verwaltet aber 7481 Arbeitslose (im weiten Sinne, also 7481 Menschen in Unterbeschäftigung). Um durchschnittlich jede und jeden Arbeitslosen einmal in Arbeit zu vermitteln, braucht das Jobcenter also zwei Jahre.
Wer einmal länger arbeitslos war oder die einschlägige Literatur gelesen hat, weiß, was längere Arbeitslosigkeit mit Arbeitslosen macht: Sie macht die Betroffenen mürbe, nimmt den Mut, raubt Arbeitserfahrung, ruiniert Familien, schließt aus sozialen Zusammenhängen aus und bringt viele dauerhaft in die Armut.

Verhältnis Arbeitslose zu offenen Stellen
Auch in dem Zahlenverhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen zeigt sich eine deutliche Schieflage. 7767 Arbeitslosen oder 10.884 Personen in „Unterbeschäftigung“ (bei beiden Ämtern in Münster) stehen 2672 offene Stellen in Münster gegenüber. Rein rechnerisch kommen drei oder vier Arbeitslose auf eine offene Stelle.
Für diejenigen, die an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit stehen, herrschen raue Zeiten. Auf dem Arbeitsmarkt findet sich bestimmt jemand, der*die leistungsfähiger ist. Am Ende haben wir olympiareife Mannschaften in den Betrieben und in den Arbeitsämtern diejenigen, die mühselig und beladen sind.
Zu den Zeiten der Nahezu-Vollbeschäftigung kamen in Westdeutschland fünf offene Stellen auf einen Arbeitslosen. Umgekehrt zu heute gab es mehr offene Stellen als Arbeitslose. Eine solche Situation verringert die Auswahlmöglichkeiten der Personalchef*innen. Der Ruf nach ausländischen Fachkräften wird laut, aber es steigt auch die Kompromissbereitschaft der Arbeitgeber*innen in den Bewerbungsverfahren. Die „Mühseligen und Beladenen“ haben tatsächlich Chancen in einem Vorstellungsgespräch. Das macht Mut, sich zu bewerben.

„Working Poor“ – Ist alles sozial, was Arbeit schafft?

Der Verdienst aus der Arbeit auf den vermittelten Arbeitsstellen deckt nicht den finanziellen Bedarf der vermittelten Personen. Die Beschäftigten beziehen weiterhin Leistungen von Jobcentern, Wohngeldstellen und Kinderzuschlagstellen. Die zusätzliche Bürokratie nervt.
Viele prekär bezahlte Stellen dauern nur kurz. In der Leiharbeit dauert beispielsweise jede zweite Beschäftigung weniger als drei Monate, dann sind die Ex-Arbeitslosen wieder arbeitslos. Nicht wenige gehen dann erneut in die Leiharbeit – die Drehtür der sogenannten Working Poor. Andere arbeiten sich krank. Das jedoch ist ein anderes Thema.
Wenn man fünf Prozent Arbeitslosigkeit gleichmäßig auf alle verteilte, dann bekäme jede*r in seinem Arbeitsleben fünf Prozent Arbeitslosigkeit ab. Fünf Prozent sind bei 40 Jahren Erwerbsarbeit für jede*n Einzelne*n zwei Jahre im Leben ohne Arbeit. Wie gesagt bei gleichmäßiger Verteilung, Beamte eingeschlossen. So gleich verteilt ist es aber nicht, denn die einen übernehmen die Arbeitslosigkeit für die anderen mit.

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Arnold Voskamp
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