aus dem Magazin Zum Leben zu wenig

„Ein Bett wäre schön“

Aus der Sperre Frühjahr 2019

Versteckte Armut: Viele Menschen verzichten darauf, Hartz IV zu beantragen

Die Zahl der Menschen, die Hartz IV beziehen, liegt auf einem stabil hohen Niveau. Was besonders erschreckend ist: Noch einmal so viele Menschen nehmen die staatliche Sozialleistung Hartz IV erst gar nicht in Anspruch, obwohl sie ihnen zustünde – ob aus Scham, aus Stolz oder aber aus Unwissenheit.  Helene K.¹ ist so ein Mensch. Und ihre Geschichte geht so:

Wer Helene K. sieht, käme nicht auf die Idee, sie mit dieser Geschichte in Verbindung zu brin­gen. Sie ist Anfang 60 und macht einen ordent­lichen eindruck. Im Jahr 2007 wurde ihr die Arbeit in einem großen Konzern gekündigt. Als langjährige Mitarbeiterin erhielt sie aber eine gute Abfindung. Der erste Gang führte sie damals zur Arbeitsagentur. Als Frau K. dort ihren Antrag abgeben wollte, fragte die Mitarbeiterin sie, ob denn nicht die Arbeit in einem Callcenter etwas für sie wäre. Helene K. sagte: „Auf gar keinen Fall. Diese Art Arbeit hat mich doch erst richtig krank gemacht.“ „So geht das aber nicht“, meinte daraufhin die Mitarbeiterin der Ar­beitsagentur, „Sie müssen hier schon mitarbeiten.“ Helene K. nahm wortlos ihren Antrag wieder an sich und verließ die Arbeitsagentur.

Foto: Agneta Becker

Als Mahlzeit die angegessene Pizza aus dem Abfallkorb

Zu Hause setzte sie sich hin und rechnete aus, wie lange sie ohne staatliche Unterstützung von der Abfindung leben könne. Da sie erst in einigen Jahren einen Antrag auf Rente stellen könnte, stünden ihr bis dahin monatlich 590 Euro zur Verfügung, lautete ihr Ergebnis. 180 Euro gingen davon für die Krankenkasse ab und nach Zahlung der Miete, sie wohnt recht günstig, blieben noch knapp 80 Euro monatlich für sie zum Leben. Da dies nicht ausreichte, begann sie Flaschen zu sammeln. Gleichzeitig sparte sie an ihren Ausgaben, wo es nur ging. „In diesem Jahr“, berichtet sie mir, „habe ich erst 14 Kilowatt an Strom verbraucht!“ Das war im November, zehn Monate des Abrechnungszeitraums waren also bereits verstrichen. „Ich spare, wo ich nur kann. Die angegessene Pizza auf
dem Weihnachtmarkt. ich hol‘ sie mir aus dem Abfallkorb und ess‘ sie auf“. Hin und wieder, sagt sie, werde ihr das Flaschen-sammeln sogar gedankt. So vor Kurzem, als ihr ein Jugendli­cher hinterherlief und ihr eine leere Bierflasche überreichte. „Danke“, habe er gesagt, „dass Sie das so machen“. Das war einer der wenigen guten Tage, an denen sie das Gefühl gehabt habe, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu leisten.
Warum sie denn jetzt nicht endlich zum Jobcenter gehe, um die ihr zustehenden Leistungen zu beantragen, frage ich sie. Sie weicht aus. Sie habe sich informiert, sagt sie, aber das Geld, das sie noch auf dem Konto habe, wäre noch immer zu viel, um Leistungen vom Jobcenter zu erhalten: „Genau um 3000 Euro zu viel.“ „Aber es dürfte doch nicht so schwer sein, innerhalb von vielleicht vier Monaten 3000 Euro zu verbrauchen“, wende ich ein.
Helene K. ist skeptisch, „so viel ausgeben, das macht mich ganz schwindelig“. „Kaufen sie sich doch ein paar neue Möbel. Ein neues Sofa oder so“. „Ja, vielleicht – ein Bett wäre schön. Ich hab nämlich keins“.

¹(Name von der Redaktion geändert)

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Norbert Attermeyer
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