Arbeit und Soziales

Zwischen Akkord und Erschöpfung

Kontroll-Besuch bei den Spargelstechern

Von Christoph Cramer

Bei einem Vor-Ort-Besuch durch BEAM (Beratungszentrum gegen Arbeitsausbeutung und Menschenhandel NRW) in Kooperation mit der Gewerkschaft IG BAU und der cuba Beratungsstelle Arbeit auf mehreren Spargelfeldern rund um Münster wird ein Arbeitsalltag sichtbar, der von harter körperlicher Belastung und engen wirtschaftlichen Spielräumen geprägt ist.

Lange Tage auf dem Feld

Der Arbeitstag beginnt früh und endet oft erst nach zehn Stunden oder mehr. Gearbeitet wird nahezu durchgehend im Akkord. Das bedeutet: Der Verdienst hängt maßgeblich von der geernteten Menge ab. Üblich sind rund 60 Cent pro Kilo gestochenem Spargel. Am Feldrand ist zu hören, dass durchschnittlich 15 Kg pro Stunde zu schaffen sind. Das wären nur 9,-€ brutto pro Stunde anstatt dem gesetzlich festgelegten Mindeststundenlohn von 13,90€ brutto. Von einem Vorarbeiter war zu hören, dass rund 11 Euro netto pro Stunde gezahlt würden. Sicher scheint: wer weniger erntet, verdient entsprechend weniger – bei gleichbleibend langen Arbeitstagen.

Körperliche Belastung am Limit

Die Tätigkeit selbst ist äußerst kräftezehrend. Spargel wird unter Folien angebaut, die zum Stechen immer wieder angehoben werden müssen. Der Ablauf wiederholt sich im Minutentakt: Kiste abstellen, Plane anheben, Spargel stechen, ablegen, Plane zurückziehen, Kiste aufnehmen, weitergehen. Jede Kiste fasst etwa 15 Kilogramm und muss regelmäßig zum Feldrand getragen werden. Die Arbeit erfolgt fast ausschließlich in gebückter Haltung – eine enorme Belastung für Rücken und Gelenke. Gearbeitet wird bei jedem Wetter.

Unterkunft: teuer und beengt

Neben der körperlichen Arbeit kritisieren BEAM und IG BAU insbesondere die Unterbringung. Viele Arbeiter, die überwiegend aus Rumänien und Ungarn stammen, vereinzelt auch aus Polen, leben in Mehrbett-Containern. Für einen Schlafplatz werden in der Region Münster durchschnittlich etwa 10 Euro pro Tag berechnet – Kosten, die direkt vom Lohn abgezogen werden. In einem dokumentierten Fall lagen die Unterkunftskosten sogar bei 27 Euro täglich. Zwar waren hier zwei Mahlzeiten enthalten, dennoch bleibt die finanzielle Belastung erheblich.

Abhängigkeit und fehlende Alternativen

Die Kombination aus Akkordarbeit, hohen Unterkunftskosten und körperlicher Belastung schafft ein System, in dem viele Beschäftigte kaum Spielraum haben. Sprachbarrieren, kurze Vertragslaufzeiten und die Abhängigkeit vom Arbeitgeber erschweren es zusätzlich, Missstände zu melden oder Verbesserungen einzufordern.
Die BSA, Beam und die IG BAU fordern daher strengere Kontrollen, transparente Abrechnungen und verbindliche Standards für Unterbringung und Arbeitszeiten.

Christoph Cramer ist Mitarbeiter cuba-Beratungsstelle Arbeit