Rund um Münster

Selbstverwaltete Fabriken am Beispiel von Vio.Me in Thessaloniki und Kazova

Ein Gastbeitrag von Georgios Tsakalidis.

Am Freitag, den 11. Oktober 2019, fand im Odak-Kulturzentrum eine Veranstaltung zum Thema „Besetzte Fabriken in Thessaloniki und İstanbul – Vio.Me & Kazova“ statt.

Der kleine Raum war gut gefüllt. Der Anlass der Veranstaltung: Eine Delegation hatte im Sommer 2018 die besetzte Seifenfabrik Vio.Me in Thessaloniki in Griechenland besucht, so Hidir Ates, der im Namen des Odak-Kulturzentrums kurz zum Thema eingeleitet hatte. Um die Projekte vorzustellen, wurden zwei kurze filmische Reportagen über die besetzten Fabriken der Vio.Me in Thessaloniki und der Bekleidungskooperative Kazova in İstanbul, Türkei, gezeigt.

Hidir Ates vom Odak-Kulturzentrum führt in die Veranstaltung ein. Foto: Odak-Kulturzentrum.

Unter erheblichem Druck der neuen konservativen griechischen Regierung

2011, zum Höhepunkt der weltweiten Wirtschaftskrise, ging in Thessaloniki eine Baustoff-Fabrik Bankrott. Ab Mai des Jahres hatte der Betrieb keine Löhne und auch keine Steuern und Sozialversicherungsabgaben mehr gezahlt. Die Arbeiter*innen besetzten das Fabrikgelände. Ab Februar 2013 wurde dann unter selbstverwalteten Bedingungen wieder produziert. zwölf Arbeiter*innen produzieren nun Reinigungsmittel – darunter die bekannte Seife. In Griechenland werden die Produkte auf Direktmärkten vertrieben. Weltweit werden die Produkte in alternativ-ökologischen Läden verbreitet. Inzwischen steht der Kollektiv-Betrieb unter erheblichem Druck der neuen konservativen griechischen Regierung.

Auch die Arbeiter*innen der Bekleidungskooperative Kazova in İstanbul besetzten die Fabrik. Nachdem der Besitzer sie nicht mehr bezahlt und in Urlaub schicken wollte, um die Fabrik leer zu räumen. Ab Februar 2013 leisteten 94 Arbeiter*innen über 200 Tage Widerstand und bauten eine eigene Produktion auf. Später zog der selbstverwaltete Textilbetrieb in neue Räumlichkeiten, wo weiterhin eigenverantwortlich und solidarisch produziert wird.

Es müssen zentrale Instrumente wie die Solidarität, die Selbstorganisation und die Würde des Menschen, erkämpft werden

In der anschließenden Diskussion wurde lebhaft über selbstverwaltete autonome sozioökonomische Prozesse diskutiert. Es wurden die verschiedenen Modelle kollektiver Strukturen aus Griechenland, der Türkei und auch aus Münster besprochen. Im Fokus war sowohl die Frage nach den Produktionsmitteln, als auch die Frage nach gesamtheitlichen Konzepten. Einhellige Meinung war, dass Kultur, Produktion und Interaktion in selbstverwalteten Projekten immer „auf Augenhöhe“ basieren müsse. Und das könne nur geschehen, wenn es zu direktem Austausch, ohne Zwischenhändler*innen oder Mittelsmänner*frauen, komme.

Um solche Modelle umzusetzen, so die einhellige Meinung der Anwesenden, müssen zentrale Instrumente wie die Solidarität, die Selbstorganisation und die Würde des Menschen, erkämpft werden.

Am Ende der Veranstaltung konnten die Anwesenden ihre Solidarität gleich auf die Probe stellen, in dem Sie nämlich die VIO.ME Natur-Seifen, die ausgestellt waren, zu fairen Preisen erwerben konnten. Und viele taten es auch. Der Erlös ging an das VIO.ME-Arbeiter*innen-Kollektiv in Thessaloniki, Griechenland.

In Münster können die Vio.Me-Produkte zum Beispiel bei „roots of compassion“ erworben werden.

Georgios Tsakalidis war Mitglied der damaligen Delegation.

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