Arbeit und Soziales Zum Leben zu wenig

Rentenreform: Warum junge Menschen die größten Verlierer sein könnten

 

Die gesetzliche Rente wird für viele junge Menschen künftig kaum noch ausreichen. Gleichzeitig fordert die Politik mehr Eigenverantwortung bei der Altersvorsorge. Doch die Reform der Grundsicherung könnte genau diejenigen bestrafen, die privat vorsorgen. Wer arbeitslos wird oder Lücken in seiner Erwerbsbiografie hat, riskiert unter Umständen, sein über Jahre aufgebautes Vermögen für den Lebensunterhalt aufbrauchen zu müssen. Das wirft Fragen nach der Fairness der Reform auf.

Mehr Eigenverantwortung – aber zu welchem Preis?

Seit Jahren macht die Politik deutlich, dass sich die gesetzliche Rente zunehmend von einer umfassenden Alterssicherung zu einer Grundversorgung entwickelt. Gerade jüngere Generationen sollen deshalb verstärkt privat vorsorgen. ETF-Sparpläne, Aktienfonds oder andere langfristige Geldanlagen gelten dabei als sinnvolle Ergänzung zur gesetzlichen Rente.

Doch genau an diesem Punkt entsteht ein Widerspruch. Mit der Einführung der neuen Grundsicherung werden die Vermögensregeln deutlich verschärft. Wer seinen Arbeitsplatz verliert und auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, muss künftig wesentlich früher auf sein eigenes Erspartes zurückgreifen. Damit steigt das Risiko, dass ausgerechnet das Geld, das eigentlich für den Ruhestand vorgesehen war, schon Jahre oder Jahrzehnte vorher aufgebraucht werden muss.

Arbeitslosigkeit kann jeden treffen

Oft wird argumentiert, jeder sei selbst dafür verantwortlich, nicht auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Arbeitslosigkeit entsteht keineswegs immer durch persönliches Fehlverhalten.

Wirtschaftliche Krisen, Unternehmensinsolvenzen oder Stellenabbau können jeden Arbeitnehmer treffen. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme oder familiäre Verpflichtungen, die eine Erwerbstätigkeit zeitweise unmöglich machen. Gerade junge Eltern oder Menschen mit schweren Erkrankungen erleben häufig Phasen, in denen eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit nicht möglich ist. Lücken in der Erwerbsbiografie sind deshalb keine Ausnahme mehr, sondern gehören für viele Menschen inzwischen zur Realität. Wer in einer solchen Situation seine Altersvorsorge auflösen muss, verliert einen wichtigen Baustein seiner finanziellen Zukunft.

Der Zinseszinseffekt braucht Zeit

Private Altersvorsorge lebt vor allem von einem Faktor: Zeit. Wer früh beginnt, regelmäßig Geld anzulegen, profitiert über Jahrzehnte vom sogenannten Zinseszinseffekt. Dabei erwirtschaften nicht nur die eingezahlten Beträge Erträge, sondern auch die bereits erzielten Gewinne werden erneut verzinst.

Genau dieser langfristige Vermögensaufbau wird jedoch unterbrochen, wenn angespartes Kapital während einer Phase der Arbeitslosigkeit verbraucht werden muss. Die später entstehenden Verluste lassen sich kaum noch ausgleichen. Selbst wenn nach einigen Jahren wieder regelmäßig gespart wird, fehlt die Zeit, in der das Vermögen bereits hätte wachsen können. Besonders junge Menschen verlieren dadurch einen ihrer größten Vorteile: den langen Anlagehorizont.

Foto: Agneta Becker

Demografischer Wandel verschärft das Problem

Die Herausforderungen für das Rentensystem wachsen seit Jahren. Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Rentnerinnen und Rentner. Während Anfang der 1990er-Jahre noch deutlich mehr Beitragszahler auf einen Rentenempfänger kamen, verschlechtert sich dieses Verhältnis kontinuierlich.

Für die jüngeren Generationen bedeutet das, dass sie voraussichtlich geringere Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung erhalten werden als heutige Rentner. Umso wichtiger wird deshalb der Aufbau einer zusätzlichen privaten Altersvorsorge. Wenn jedoch genau diese Rücklagen bei einer vorübergehenden Arbeitslosigkeit aufgebraucht werden müssen, verschlechtert sich die finanzielle Perspektive vieler junger Menschen erheblich.

Neue Regeln erhöhen das finanzielle Risiko

Mit der neuen Grundsicherung wurden die Vermögensfreibeträge abgesenkt und stärker nach Alter gestaffelt. Wer Leistungen beantragt, darf künftig weniger eigenes Vermögen behalten als bisher. Außerdem entfällt die bisherige großzügigere Schonfrist weitgehend. Besonders betroffen sind Sparformen wie ETF-Depots oder andere frei verfügbare Geldanlagen. Zwar bleiben einige staatlich geförderte Altersvorsorgeprodukte geschützt. Diese spielen in der Praxis jedoch bislang nur eine begrenzte Rolle oder gelten wegen hoher Kosten und geringer Renditechancen für viele Sparer als wenig attraktiv.

Damit entsteht eine Ungleichbehandlung verschiedener Vorsorgeformen. Ausgerechnet moderne und kostengünstige Anlageformen, die besonders junge Menschen bevorzugen, können im Ernstfall zum Problem werden.

Eigenverantwortung braucht verlässliche Rahmenbedingungen

Es ist nachvollziehbar, dass der Staat erwartet, dass Bürgerinnen und Bürger Verantwortung für ihre finanzielle Zukunft übernehmen. Eigenvorsorge funktioniert jedoch nur dann, wenn die politischen Rahmenbedingungen langfristig verlässlich sind.

Die junge Generation braucht Planungssicherheit

Wer über Jahrzehnte konsequent spart, sollte nicht befürchten müssen, dass sein Alterskapital bereits nach einer vorübergehenden Phase der Arbeitslosigkeit vollständig oder teilweise verloren geht. Sonst entsteht der Eindruck, dass sich langfristiges Sparen kaum lohnt. Eine mögliche Lösung wäre deshalb, privat angespartes Altersvorsorgevermögen – insbesondere langfristige ETF-Sparpläne – stärker vor dem Zugriff im Leistungsbezug zu schützen. Dadurch bliebe die Motivation erhalten, frühzeitig für das Alter vorzusorgen.

Die Reform der Grundsicherung verfolgt das Ziel, Menschen schneller wieder in Arbeit zu bringen und staatliche Ausgaben zu begrenzen. Dieses Anliegen ist grundsätzlich nachvollziehbar. Gleichzeitig dürfen jedoch die langfristigen Folgen für die Altersvorsorge nicht außer Acht gelassen werden.

Gerade junge Menschen stehen bereits vor großen Herausforderungen: steigende Wohnkosten, unsichere Arbeitsmärkte und ein Rentensystem, das unter dem demografischen Wandel zunehmend unter Druck gerät. Wenn zusätzlich das Risiko steigt, im Falle einer Arbeitslosigkeit die mühsam aufgebaute private Altersvorsorge auflösen zu müssen, verschlechtert sich ihre finanzielle Perspektive weiter.

Eine nachhaltige Rentenpolitik sollte deshalb nicht nur Eigenverantwortung einfordern, sondern diese auch konsequent unterstützen. Denn wer früh und regelmäßig vorsorgt, entlastet langfristig auch den Sozialstaat. Dafür braucht es Regeln, die langfristiges Sparen belohnen und nicht bestrafen.