aus dem Magazin

„Münster ist eine Insel der Glückseligen“

Ein Gespräch mit dem Sozialmediziner und Epidemiologen Prof. Klaus Berger über die bundesweite Gesundheitsstudie NAKO

Interview: Thomas Krämer

Armut macht krank. Arme Menschen sterben früher. Das ist nicht erst seit gestern bekannt. Doch woran im Einzelnen das liegt, welche Lebensumstände krank machen, darüber sind sich Wissenschaftler*inner und Mediziner*innen weit weniger im Klaren. Unter anderem dazu soll eine Langzeit-Studie namens NAKO mit 200.000 Proband*innen Informationen liefern. Das wissenschaftliche Mammutprojekt läuft bereits seit 2014 und ist auf bis zu zwei Jahrzehnte angelegt. Es geht der Frage nach: Woher (genau) kommen die großen Volkskrankheiten?

NAKO – Die abstrakte Abkürzung steht für die „Nationale Kohorte“. Das klingt eher nach einem militärischen Hintergrund oder einer neuen rechten Bewegung. Doch weit gefehlt: Die vier Großbuchstaben stehen für die bisher größte Gesundheitsstudie in Deutschland. Dazu werden zufällig ausgewählte Personen, deren Teilnahme freiwillig ist, in jeweils einem von 18 Studienzentren medizinisch untersucht. Dazu gehört unter anderem die Entnahme von Blutproben, die eingelagert werden. Außerdem werden die Proband*innen ausführlich nach ihren Lebensumständen und -gewohnheiten befragt, also etwa nach Beruf, Ernährung, persönlicher Fitness oder dem eigenen Befinden.
Die Wissenschaftler*innen hoffen, durch die Ergebnisse mehr darüber zu erfahren, in wieweit bestimmte Faktoren die Entstehung von Krankheiten beeinflussen. Welche Rolle spielen dabei etwa Umweltbedingungen und Erbanlagen? In wieweit sind Krankheiten sozial bedingt, etwa durch Armut oder Arbeitslosigkeit? Letztlich sollen die gewonnenen Erkenntnisse die Möglichkeiten zur Vorbeugung und Behandlung von Erkrankungen verbessern helfen.
Auch die Universität Münster ist mit einem Studienzentrum an der Gesundheitsstudie NAKO beteiligt. Dafür zuständig ist der Hochschullehrer Prof. Dr. med. Klaus Berger (59), seit 2010 Leiter des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin. Mit ihm haben wir über Inhalt und Chancen des Großprojekts gesprochen.

SPERRE: Herr Berger, erklären Sie uns bitte zunächst, was es mit der Gesundheitsstudie NAKO auf sich hat und wie sie durchgeführt wird.

Klaus Berger: Die NAKO-Gesundheitsstudie wird an 18 Standorten in ganz Deutschland durchgeführt. Dort werden jeweils 10.000 oder 20.000 Bürgerinnen und Bürger aus der jeweiligen Stadt und Region untersucht. Das dauert natürlich seine Zeit.

In Münster auch?

Ja, in Münster sind es 10.000 Teilnehmer oder Probanden, wie wir sie nennen. Davon haben wir seit Sommer 2014 ungefähr 8.500 untersucht. Die restlichen 1.500 müssen wir noch bis zum April 2019 in die Studie aufnehmen.

Wie sind Sie denn an Ihre Probanden gekommen?

Wir stützen uns auf eine repräsentative und statistisch abgesicherte Auswahl aus den jeweiligen Melderegistern der Kommunen. Die zufällig im Einwohnermeldeamt ausgewählten Personen, Männer und Frauen zwischen 20 und 69 Jahren, wurden angeschrieben, über die Studie informiert und um Teilnahme gebeten. Zwar ist die Teilnahme freiwillig. Es kann aber auch nicht jeder oder jede mitmachen, sondern nur die zufällig ausgewählten Personen, weil sonst kein repräsentativer Ausschnitt der Bevölkerung möglich wäre.

Und wie sieht der weitere Fahrplan aus, die Studie ist ja auf etliche Jahre angelegt.

Danach fängt die Zweituntersuchung der Studie in allen Studienzentren an. Das wird für die meisten Studienzentren ab Mai 2019 sein. NAKO ist so angelegt, dass im Verlauf von zehn Jahren die von uns eingeladenen Probanden mindestens zweimal umfangreich untersucht und befragt werden. Der Löwenanteil von ihnen durchläuft ein normales Untersuchungsprogramm, so wie man das von Untersuchungen beim Hausarzt oder im Krankenhaus kennt und das drei bis vier Stunden dauert. Ein kleinerer Teil, etwa jede(r) Fünfte, nimmt an einem Intensivprogramm mit fünf bis sechs Stunden teil.

Wozu treiben Sie den enormen Aufwand? Immerhin wollen Sie bundesweit 200.000 Männer und Frauen untersuchen, auf deren Freiwilligkeit Sie bauen müssen.

Ziel ist es vor allem, die großen Volkskrankheiten und ihre Ursachen besser zu verstehen. Wir hoffen, später Empfehlungen für wirksamere Behandlungen geben zu können. Wir haben zwar schon viele wissenschaftliche Daten und Versuchsergebnisse in der Vergangenheit dazu gewinnen können. So ist inzwischen allgemein bekannt, dass Rauchen schädlich ist und Lungen- sowie Brustkrebs befördert. Was ist aber dann, wenn jemand regelmäßig Sport treibt und sich ausgewogen ernährt, aber hin und wieder raucht? Über diese gegenseitige Beeinflussung von vielen gesundheitsfördernden und -abträglichen Gewohnheiten und deren Auswirkungen wissen wir noch wenig. Um darüber aussagekräftige und verlässliche Daten zu erhalten, brauchen Sie eine große Probandenzahl, wie wir sie bei NAKO haben. Auch auf Fragen wie ‘Warum bekommt jemand Krebs und jemand anderer gleichen Alters und mit gleichen Lebensumständen nicht?’ hoffen wir Antworten zu bekommen.

Wie gehen Sie dabei vor?

Jede Untersuchung und damit auch die NAKO ist breit angelegt. Von jedem Teilnehmer werden die relevanten soziodemographischen und gesundheitlichen Daten erhoben, auch über seinen bzw. ihren Alltag, die Arbeit und anderes mehr. Das Ernährungsprotokoll liefert interessante Informationen, zum Beispiel bei einem Diabetiker. Zusätzlich erstellen wir ein Bewegungsprofil. Ein Aktimeter zeichnet dafür eine Woche lang die Daten in den Aktivitäts- und Ruhephasen auf. Das Gerät kann auch die Schlafdauer und die eingenommene Schlafposition des Probanden registrieren.

Und dann?

Mittels dieser und anderer Daten lassen sich die Probanden mehreren Bewegungsmustern zuordnen. Aus dem Vergleich der jeweiligen Daten mit denen aus der zweiten Untersuchung der Studie in einigen Jahren versprechen wir uns wichtige Rückschlüsse, beim Beispiel Diabetes sind es Unterschiede zwischen verschiedenen Bewegungsmustern, die den Verlauf der Zuckerkrankheit negativ oder positiv beeinflussen. Und wir können unter Umständen Empfehlungen geben, um Komplikationen zu vermeiden oder abzumildern.

Sie sagen, es gehe um die sogenannten Volkskrankheiten. Als da wären?

Der Begriff Volkskrankheit ist nicht definiert. Die meisten denken dabei an häufige Erkrankungen, andere an besonders schwerwiegende. Auch die Kombination von häufig und schwer sehen einige als Kriterium an. Dazu gehöre ich auch. Also eine relativ häufige Erkrankung, die im Alltag des Betroffenen zu teils starken Einschränkungen führt.
In der NAKO werden die folgenden großen Gruppen von Volkskrankheiten erfasst: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurologische und psychiatrische Erkrankungen, muskuloskelettale Erkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen und Infektionskrankheiten. Zu jeder dieser Gruppen werden Untersuchungen, Befragungen und Messverfahren eingesetzt. Diese große Breite erklärt, warum das Programm so lang dauert.

In wieweit finden soziale Faktoren Eingang in die Studie?

Für Sozialmediziner und Epidemiologen ist unbestritten: Soziale Faktoren können einen sehr großen Einfluss auf das Entstehen von Krankheiten haben. Nicht bei allen Erkrankungen, aber bei einem großen Teil der Volkskrankheiten zählen sie zu den wichtigsten Einflussfaktoren. Das gilt für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einige Arten von Krebserkrankungen, außerdem für Diabetes, bestimmte psychiatrische Erkrankungen wie etwa die Depression und für einige Infektionskrankheiten.

Arbeitslosigkeit ist einer dieser sozialen Faktoren.

Ja, die zählt sicher zu den sozialen Faktoren, die sehr wichtig sind – neben anderen. Wir haben unter anderem dazu vor einiger Zeit eine Studie in Dortmund gemacht. Das Ruhrgebiet eignet sich für Untersuchungen von Einflüssen der sozialen Faktoren auf Gesundheit und Krankheit sehr gut, weil die soziale Spannbreite dort von ganz reich bis ganz arm reicht. Verglichen damit ist Münster die Insel der Glückseligen.

Ihre Ergebnisse werden dementsprechend ausgefallen sein…

Nun, obwohl Münster und Dortmund nur rund 75 Kilometer voneinander entfernt sind, zeigen sich deutliche Unterschiede. Im Bevölkerungsdurchschnitt ist die mittlere Lebenserwartung in Münster um ein bis eineinhalb Jahre höher. Dementsprechend ist die Häufigkeit von Schlaganfall, Diabetes und Herzinfarkt in Dortmund spürbar erhöht, der Bildungsgrad dagegen niedriger.
In der NAKO-Studie werden viele soziale Faktoren erhoben: Bildungsniveau, Sozial- und Arbeitsstatus, Krankengeschichte der Familie, Migrationshintergrund – weil der zum Beispiel das Ernährungsverhalten erklären kann –, auch soziale Unterstützung durch Freunde, Bekannte usw. Alle diese Faktoren haben einen relativ hohen Einfluss auf die genannten Krankheiten. Die Daten erheben wir mittels etablierter Fragebögen.

Und was passiert mit all den gewonnenen Daten?

Die Daten werden aus den Studienzentren zusammengeführt und zentral unter einem Pseudonym gespeichert. Der Datenschutz bleibt so dabei gewahrt. Jeder Wissenschaftler aus dem In- und Ausland kann die Daten dann für seine Fragestellungen nutzen und auswerten, selbst wenn er gar nicht an der Studie beteiligt war. Dazu stellt er einen Antrag, in dem er kurz darlegt, wofür die Daten genutzt werden sollen. Der Antrag wird von einer Kommission geprüft und die Daten bei Zustimmung innerhalb von vier Wochen freigegeben.

Soweit sind Sie aber noch nicht, oder?

Nein, noch haben wir die erste Studienphase nicht abgeschlossen und können keine Daten auswerten. Aber im Herbst 2019 denken wir, mit unserer Datenerfassung und
-aufbereitung soweit zu sein, dass wir die Daten unseren und anderen Wissenschaftlern zur Verfügung stellen können. Die Auswertung der gesamten Daten wird erst nach Abschluss der NAKO möglich sein und bestimmt 20 Jahre dauern.
Wir arbeiten hier im Institut auch mit der Stadt Münster zusammen. Es ist verabredet, dass wir die Daten zur Häufigkeit von Krankheiten und von Risikofaktoren in Münster dem Gesundheitsamt zur Verfügung stellen.

Herr Berger, ich danke Ihnen für das Gespräch.

  • Die Gesundheitsstudie NAKO wird vom Bundesministerium für Forschung und Bildung finanziert. Darüber hinaus fördern 14 Bundesländer und die Helmholtz-Gesellschaft das Projekt. Dazu kommen Eigenleistungen der beteiligten Institutionen wie etwa Institute.
  • Die Fördersumme beträgt 256 Millionen Euro für zehn Jahre. Der nicht unerheblichen Summe stellt das NAKO-Projekt auf seiner Internetseite die rund 80 Milliarden Euro an Kosten für die jährliche Behandlung der Volkskrankheiten gegenüber.
  • Die in der Studie erhobenen personenbezogenen Daten werden räumlich und rechentechnisch getrennt von den Daten gespeichert, die bei den Befragungen und Untersuchungen anfallen.
  • Epidemiologie ist die Wissenschaft von der Entstehung, Verbreitung, Bekämpfung und den sozialen Folgen von Epidemien, zeittypischen Massenerkrankungen und Zivilisationsschäden.
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Sperre Redaktion

Gastredakteur bei der Sperre
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