aus dem Magazin

Kaufen und Sparen

● Kaufen und Sparen ●

von Gerrit Hoekman

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bald nur noch eine in Münster
Die Unternehmensgruppe Aschendorff übernimmt MZ – und entlässt erst einmal die Hälfte der Mitarbeiter

Verlautbarungen aus dem Innenleben des Aschendorff Verlags sind noch seltener als eine Thronrede der Queen von London. Deshalb war die Nachricht, die das Medienunternehmen am Montag in den Westfälischen Nachrichten verbreitete, auch schnell Stadtgespräch. „Die Zukunft der Münsterschen Zeitung ist gesichert!“ Im Laufe der kurzen Mitteilung stellte sich jedoch schnell heraus, dass es sich bei der Rettung wohl mehr um eine lebensverlängernde Maßnahme handelt, denn zur „Erhaltung des Titels sind gravierende Sanierungsschritte notwendig“. Das heißt: Entlassungen.

Im Sommer erweiterte die Verlegerfamilie Hüffer ihr Münsterland-Imperium durch die Übernahme der MZ, die jahrzehntelang vergeblich versuchte den Westfälischen Nachrichten den Rang abzulaufen. Vor einigen Wochen schmiss das in Dortmund ansässige Medienhaus Lensing (Ruhr Nachrichten) das Handtuch und bot Aschendorff das verlustbringende Traditionsblatt an. Die Hüffers griffen schnell zu, denn mit dem Kauf haben sie nun in Münster das Medienmonopol.

Das Bundeskartellamt segnete den Deal ab. Es handele sich um eine sogenannte Sanierungsfusion, die angeblich einzige Möglichkeit, die MZ überhaupt noch vor der Pleite zu retten. In diesem Fall darf das Kartellamt einem Kauf zustimmen, auch wenn als Folge ein Monopol entsteht. Damit sollen Arbeitsplätze erhalten bleiben, die durch die Insolvenz ganz sicher wegfallen würden. Die Gewerkschaften trauten dem Braten schon damals nicht: „Absehbar sind erhebliche Arbeitsplatzverluste“, warnte da schon die Deutsche Journalisten Union.

In einer Betriebsversammlung erhielten die Beschäftigten der Münstersche Zeitung nun tatsächlich die schlechte Nachricht: Gut die Hälfte der 79 Angestellten kann demnächst stempeln gehen. Wie viele der freien Autoren betroffen sind, ist unbekannt. Auch ein Drittel der Zusteller steht in Zukunft auf der Straße. Gerade sie trifft es besonders hart, denn viele Mini-Jobber verdienen sich auf diese Art ein paar Euro hinzu. Die Redakteure, die ihre Stelle behalten dürfen, kommen scheinbar erst einmal bei den Westfälischen Nachrichten unter. „Der Arbeitsplatzabbau soll so sozialverträglich wie möglich gestaltet werden; die Gespräche über einen Interessenausgleich und Sozialplan stehen unmittelbar bevor“, schreiben die WN. Als Alternative komme der Eintritt in eine Transfergesellschaft in Frage.

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viele Leser hielten sie für notwendig

Der Aschendorff Verlag versichert zwar, die Münstersche Zeitung werde „in der bewährten Form und Qualität weiter erscheinen“, aber das ist Augenwischerei. Die MZ wird in Zukunft nämlich keine eigene Redaktion mehr haben. Das Ressort Lokales übernehmen komplett die WN. Was das konkret bedeutet, können aufmerksame Leser bereits seit einigen Tagen beobachten – die beiden einzigen Tageszeitungen in Münster erscheinen nun mit einem identischen Lokalteil. Ironie des Schicksals: Vor sieben Jahren profitierte die heutige Belegschaft der Münsterschen Zeitung selbst von einer dubiosen Entlassung, als das Medienhaus Lensing über Nacht fast die gesamte alte Redaktion freigestellt hatte und bereits am nächsten Tag die neue, angeblich billigere Mannschaft installierte.

siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Medienhaus_Lensing

Ganz nebenbei erhält der Aschendorff Verlag mit der Fusion wohl auch noch die Mehrheit beim Lokalsender Antenne Münster. Bislang besaßen die Westfälischen Nachrichten und die Münstersche Zeitung zu gleichen Teilen drei Viertel der Radiostation. Die letzten 25 Prozent gehören den Stadtwerken, das heißt der Kommune. Demnächst kann also der Aschendorff Verlag quasi alleine bestimmen, was Antenne Münster sendet. Nicht von der Übernahme betroffen ist offenbar das kostenlose Anzeigenblatt „Kaufen + Sparen“, das weiterhin bei Lensing erscheinen soll.

Für die Medienvielfalt in der Universitätsstadt ist die Entwicklung bei der Münsterschen Zeitung eine Katastrophe. Auch wenn die MZ nicht gerade ein Kampfblatt der Arbeiterklasse war, so war sie immerhin ein leichtes Gegengewicht zur den tiefschwarzen und erzkatholischen Westfälischen Nachrichten, die traditionell die CDU protegieren und umgekehrt. Wem die politische Richtung der WN nicht gefiel, las die Münstersche. Die Flucht vor dem Aschendorff-Verlag ist für diese Leser nun zu Ende, die Meinungsmacht im Münsterland hat sie jetzt auch bei der MZ am Wickel. Es ist unter diesen Umständen nur eine Frage der Zeit, wann die Münstersche Zeitung komplett vom Markt verschwindet.

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