Verschiedenes

Diese Welt braucht Musik

15 aus 330 – ein kleiner Konzertreigen vom größten Weltmusikfestival Europas

Von Norbert Attermeyer

Rudolstadt, das beschauliche Städtchen an der Saale hatte wieder zu einem langen Wochenende mit Tanz und Weltmusik gerufen und die Menschen kamen in Scharen – wie immer. Mehr als 90.000 (verteilt über die vier Festivaltage) wurden in diesem Jahr gezählt. Gemessen an der aktuellen Einwohnerzahl Rudolstadts eine beachtliche logistische Leistung. Hinzu kam noch, dass eine wichtige Verkehrsader in Rudolstadt aufgrund von Bauarbeiten komplett gesperrt war.

 

Fotos: (ug)

Wer erstmals zu diesem Festival kommt, sollte nicht den Fehler machen, möglichst viele Konzerte erleben zu wollen. Auch die hier besprochenen Konzerte sind nur eine kleine Auswahl. Verpassen wird man immer etwas. Bei allein 330 (!) Konzerten an diesem Wochenende geht das auch gar nicht anders. Klug ist es, für jeden Tag ein oder zwei „muss ich unbedingt sehen“ zu haben und sich ansonsten treiben zu lassen. Denn an den vielen Ständen gibt es einiges festivaltypisches und untypisches zu sehen. Die Instrumentenbauergasse sei hier einmal nur am Rande erwähnt. Oder man lässt sich einfach von der zahlreichen Straßenmusik überraschen.
Wie zum Beispiel in diesem Jahr, als einen Tag vor dem Festival im Garten des Schillerhauses eine bierselige Männerrunde im Schatten der Bäume zusammensaß um plötzlich voller Inbrunst alte unbekannte Lieder anstimmte. Wunderbar. Waren das Finnen? Nein, sie kamen aus Estland und hießen Lüü-Türr und gehörten zum Straßenmusiker-Programm. Sie würden so ihren Urlaub in Deutschland verbringen. Was auffiel: Jeder der Männer hatte ein Trinkhorn am Gürtel baumeln. Also würde der Urlaub wohl auch einen ganz eigenen alkoholischen Schwerpunkt haben.

Das Festival erstmals ohne Heidecksburg

Eine weitere Herausforderung des diesjährigen Festivals war, dass erstmalig die über der Stadt thronende Heidecksburg als Veranstaltungsort komplett ausfiel. Auch hier waren dringende Renovierungen der Grund für die Einschränkungen. Diesmal also ein Festival ohne Barterrasse und Burginnenhof? Ohne den malerischen Blick auf die Altstadt?
Die Veranstalter versuchten dies mit zusätzlichen Bühnen und einer Verdichtung der Konzerte im Heine Park auszugleichen. So begann das Festival am Donnerstagabend bereits um 19.00 Uhr statt um 21.00 Uhr. Diesmal mit der deutschen Brass-Kapelle Make A Move. Mit druckvollen Grooves und fetten Bläsern verbreiteten sie direkt eine ansteckend gute Laune. „Es muss gar nicht so schwer sein“, sangen und tanzten sie, und an diesem lauen Sommerabend im Heine Park sprachen sie tausenden von Zuhörenden direkt aus dem Herzen.

Was eigentlich auch für die auf der großen Bühne später auftretenden The Congo & Culture galt. Seit den 70ern spielen die Congos in ihrer Gründungsformation und sie brachten eine routinierten, mitreißenden Roots Reggae auf die Bühne. Die alten Herren groovten frisch und hatten Klasse. Bob Marley hätt’s gefallen. Eine tolle Live-Band. Das Problem war der neue Sänger, Kenyatta Hill, Sohn des verstorbenen Sängers Joseph Hill. Kenyatta versuchte immer wieder eine Mission herüberzubringen und brachte es hierfür sogar fertig, die Band direkt, als sie wieder zu spielen begann abzustoppen, weil seine Botschaft wohl noch immer nicht richtig von den Zuschauenden verstanden wurde. Und was war die Botschaft? Das Altbekannte: Rastafarai, Haile Selassie und Ganja, den man gar nicht früh genug rauchen könne. Nun ja, wer’s mag. Aber ein wenig antiquiert wirkte es schon.

Manche der Tanzenden verbringen gar das ganze Wochenende nahezu ausschließlich im Tanzzelt

Das fanden anscheinend auch einige andere der Zuschauenden, und so füllte sich das nahe gelegene Tanzzelt mangels Alternative immer mehr, in Erwartung der bald auftretenden schottischen Tanzkapelle Whirligig. Whirligig heißt Wirbelwind und hierfür braucht es natürlich Platz, um sich zu drehen. Was bei der Fülle der Zuschauenden unmöglich schien. Der Moderator der Veranstaltung löste dies aber ganz gekonnt: „Wer ist zum ersten Mal im Tanzzelt?“, fragte er und eine paar Hände gingen nach oben. Dann fragte er „Und wer weiß, dass dies ein Tanzzelt ist?“ Da fiel der Groschen. Schnell wurde die Mitte freigemacht und die nur Zuschauenden begaben sich an den Rand des Zelts. Whirligig konnten ihre erste Choreographie vorstellen und die Tanzenden folgten der Musik mit allen nur erdenklichen Drehungen und Wendungen. Manche der Tanzenden, so wurde gesagt, verbringen gar das ganze Festivalwochenende nahezu ausschließlich im Tanzzelt. Wer sie sah, wie gekonnt und mit welcher Begeisterung sie die Choreografie meisterten, konnte dies gut nachvollziehen.

Zu einem richtigen Höhepunkt geriet das Konzert der Vandoliers auf der Konzertbühne. Die aus Texas stammende Band überzeugte mit einem druckvollen Americana-Sound. Kein Wunder, dass sie In ihrer Heimat als Outlaws oder Country-Punks gehandelt werden. Der Sänger der Band hatte sich nach Erscheinen des letzten Albums „Life behind Bars“ als Trans-Frau geoutet und heißt jetzt Jenni Rose. Für eine Band aus Texas ein wahrlich mutiger Schritt. Die Wärme und die Empathie des Rudolstädter Publikums hatte sie dann aber doch glatt umgehauen. „I`ve not expected this,“ war das Erste, was sie auf der Bühne sagte. Und was folgte, war eines dieser phantastischen Konzerte, an die man sich noch lange erinnert.

Das Wetter spielte in diesem Jahr gut mit. Es war nicht so heiß, wie noch eine Woche zuvor. Trotzdem schien die Sonne, und der Regen machte einen Bogen um Rudolstadt. Das Publikum war wie immer tiefenentspannt. Bei aller Freude an Tanz und Musik gab es keine Randale, keine Besoffkis. Wenn man sich auf etwas verlassen kann in Rudolstadt, dann auf dieses emphatische und friedliche Publikum.

Am zweiten Tag rockte zu früher Stunde die Band Tolstoys aus Berlin auf der Konzertbühne im Heine Park. Ein slowakisch-neuseeländisch deutsches Quintett. Nach eigenen Angaben wollen sie mit ihrer Musik den Geist der 60iger Jahre mit der Energie von Woodstock verbinden. Tatsächlich erinnerten die stellenweise tranceartigen Musikschleifen an diese Zeit. Wobei die Tolstoys mit ihrer Sängerin Eva Tolstova einen ganz eigenen Zugang zu dieser Musik finden zwischen Trip Hop und Psychedelika. Musik mit Suchtgefahr.

Länderschwerpunkt Österreich

Zum diesjährigen Länderschwerpunkt gehörten auch die aus Wien kommenden Nifty´s. Benannt haben sie sich nach einer Legende der Klezmer-Musik des 20. Jahrhunderts, dem aus Galizien stammenden Naftule Brandwein. Die seit 25 Jahren aufspielenden Musiker bereichern die Klezmer-Musik mit Anleihen aus dem Jazz. Diesmal genau das Richtige für einen Sommernachmittag im Park.

Zum Abend hin gab es dann die ganz große Bühne: Die Thüringer Symphoniker begleiteten Manu Delago. Der Tiroler Musiker (ebenfalls Länderschwerpunkt) gehört zu den weltweit gefragtesten Handpan-Spielern. Im Wesentlichen spielte er Musik von seinem Album „Snow from yesterday“, neu arrangiert für das Zusammenspiel mit den Symphonikern. Unterstützt wurde er von dem Vokal Trio Mad About Lemon. Für die Thüringer Symphoniker war dieser Auftritt Neuland. Traten sie bisher doch immer oben auf der Heidecksburg auf. Vom Innenhof der Heidecksburg also rein in den Party-verwöhnten Heine Park. Es wurde ein wunderbares Konzert. Ruhige, sphärische Klänge zogen durch den Park. Wer konnte, legte sich auf den Boden und ließ sich einfach wegtreiben. Die Erkenntnis: Heine Park kann auch ruhig und verträumt, kann auch Klassik.

Wie farbenfroh das Festival sein kann, konnte man gut beim Auftritt des La Vespa Cougourdon Ourchestra erleben. Hier wurde von den aus Nizza stammenden Musikern ursprünglicher Karneval wieder belebt. Okzitanische Karnevalslieder kombiniert mit New Orleans Brass-Sound. Gespielt wurde auf selbst gebauten Kürbis-Instrumenten. Cougourdon bedeutet Flaschenkürbis. Mit ihrer tranceartigen Musik will das Ourchestra „tief im Inneren berühren und uns unmerklich zu alten Riten zurückversetzen“. Das Publikum wurde bei diesem Auftritt tatkräftig mit einbezogen. Prinz und Prinzessin Carnevalo wurden aus dem Publikum erkoren und auf der Bühne wurde ihnen vom Ourchestra gehuldigt.

Beeindruckend war auch der Auftritt des Legiana Collectivs. Dieser Zusammenschluss ehemaliger Straßenmusiker aus den Niederlanden, Italien, Dänemark und Spanien brachte einen ganz eigenen mitreißenden Folk auf die Bühne. Dass sie von der Straße kommen, wurde schnell klar. Das Publikum wurde direkt angesprochen mit Spielfreude und mehrstimmigem Gesang. Was selbst nach dem Auftritt kein Ende fand. Vor der Bühne, in einer Traube von Zuschauenden, sangen sie einfach weiter. Ein letzter Gruß in die späte Nacht.

Ein besonderes Ereignis war auch der Auftritt der jungen Kanadierin Joce Reyome. Als Sängerin und Liedermacherin hat sie sich ganz dem Blues verschrieben und belegte 2025 bei der International Blues Challenge in Memphis den ersten Platz. Wer sie hört und die Augen schließt, meint gar Janis Joplin zu hören. Ursprünglicher, kompromissloser wuchtiger Blues mit Seele.
Am Ende trat sie noch einmal in der Abschlussrevue auf dem Markt auf. Wo man immer noch einmal die Möglichkeit hat in viertelstündigen Beiträgen, das zu sehen, was man oft verpasst hat. Wie beispielsweise den finnischen Akkordeonspieler Antti Paalanen, der eigentlich Rockstar werden wollte und nun mit seinem Instrument und seiner Stimme so loslegte, dass der Eindruck entstand, das könnte noch was werden.
Oder das aus Sardinien stammenden Quartett Tenores di Oreiso. Ihr Gesang versetzte das Publikum in eine ganz eigene archaische Welt dieser Insel im Mittelmeer.

Den letzten Rausschmeißer gab es dann im Heine Park mit der aus Salento, dem äußersten Südwesten Italiens, stammenden Band Adriatica. Mit ihrer Mischung aus Balkan Brass, Sirtaki und Tarantella nahmen sie die Zuhörenden mit auf eine rauschhafte Rundreise durch das südliche Mittelmeer. Zum Schluss: Tanzen bis zum Abwinken.

Soweit Rudolstadt 2026. Im nächsten Jahr soll es den Länderschwerpunkt Korea geben. Aus über 30-jähriger Erfahrung weiß man, es wird wieder einmalig und es wird gut werden.