Arbeit und Soziales

Bequemlichkeit trifft auf prekäre Arbeit

Ausbeuterische Beschäftigung im Lieferbereich

Von Nevenka Schöneich und Christoph Cramer

Mit wenigen Klicks ist das Essen bestellt, die Lebensmittel sind oft innerhalb weniger Minuten vor der Haustür und Pakete erreichen ihre Empfänger teilweise noch am selben Tag. Lieferdienste sind aus dem Alltag vieler Menschen kaum noch wegzudenken. Aber…

Bild: Agneta Becker

Hinter dem Komfort der digitalen Plattformökonomie stehen häufig Arbeitsbedingungen, die von hohem Leistungsdruck, geringer Bezahlung und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen geprägt sind.

Die Branche ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)1 hat die Zahl der Beschäftigten in appbasierten Lieferdiensten deutlich zugenommen. Gleichzeitig verdienen viele Fahrerinnen und Fahrer weniger als Beschäftigte in vergleichbaren Helferberufen.

Fahrer*innen berichteten von fehlenden schriftlichen Arbeitsverträgen, Barauszahlungen, unbezahlten Überstunden und einer Vergütung unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns. In einigen Fällen sollen Arbeitszeiten manipuliert oder Beschäftigte als Minijobber angemeldet worden sein, obwohl sie deutlich mehr Stunden arbeiteten.

Neben den rechtlichen Problemen belastet auch der hohe Zeitdruck die Beschäftigten. Die Arbeit wird überwiegend über Apps organisiert, die den gesamten Arbeitsprozess steuern. Algorithmen vergeben Aufträge, berechnen Lieferzeiten und erfassen die Leistung der Fahrer*innen in Echtzeit. Wer Bestellungen ablehnt oder langsamer arbeitet, muss häufig mit schlechteren Schichten oder geringeren Verdienstmöglichkeiten rechnen.

Hinzu kommen körperliche Belastungen. Lieferfahrende sind täglich viele Stunden mit dem Fahrrad oder Motorroller unterwegs, tragen schwere Lasten und arbeiten bei Hitze, Regen oder Schnee. Arbeitsunfälle gehören ebenso zum Berufsalltag wie gesundheitliche Beschwerden durch dauerhafte körperliche Beanspruchung.

Besonders problematisch ist die Situation für ausländische Arbeitskräfte. Migrantisierte Personen kennen ihre arbeitsrechtlichen Ansprüche nicht oder nicht ausreichend. Diese Abhängigkeit macht sie anfällig für Ausbeutung. Es zeigt sich, dass prekäre Beschäftigung weiterhin ein strukturelles Problem des Liefersektors darstellt.

Für Verbraucher*innen stellt sich damit auch eine ethische Frage. Der Wunsch nach möglichst schneller und günstiger Lieferung erzeugt einen enormen Kostendruck entlang der gesamten Lieferkette. Faire Arbeitsbedingungen verursachen höhere Kosten, die von Unternehmen Kunden oder beiden gemeinsam getragen werden müssten.

1 Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): „Gig-Work bei Lieferdiensten in Deutschland: Beschäftigung hat in den letzten Jahren stark zugenommen (2024).“

Die Autor:Innen bilden das Beratungsteam der Beratungsstelle Arbeit (BSA) im cuba Münster (Cultur- und Begegnungszentrum Achtermannstraße e.V.)