Gesundheit & Pflege

Bei Krankheit droht Armut! Ein Gastbeitrag von Christian Schultz vom Sozialverband Deutschland, Schleswig Holstein

In vielen Ländern führen ernsthafte Erkrankungen zu existentiellen Problemen. Selbst in den USA, einem der reichsten Länder der Welt, leben nach wie vor viele Millionen Menschen ohne Krankenversicherung. Wer dann an Krebs erkrankt, muss vielleicht sein Haus verkaufen.

Zum Glück gilt bei uns in Deutschland nach wie vor das Sozialstaatsprinzip. Bis auf wenige Ausnahme läuft hier niemand ohne Krankenversicherung herum. Notwendige Operationen und Medikamente werden von der Solidargemeinschaft gezahlt. Können wir uns im Krankheitsfall also voll und ganz auf die Genesung konzentrieren? Sind wir selbst bei einer schweren Erkrankung finanziell abgesichert?

Beim Sozialverband in Schleswig-Holstein, www.sovd-sh.de, kümmern wir uns um etwas mehr als 150.000 Mitglieder. Die meisten davon sind über 60. Doch wer erstmals unsere Sozialberatung aufsucht, ist in der Regel deutlich jünger – vielleicht Mitte 40 oder Anfang 50. Den meisten dieser ratsuchenden Menschen ist gemein, dass sie zwar einen Job haben, diesen aufgrund einer Krankheit aber schon längere Zeit nicht mehr ausüben können.

Wer die Grippe hat oder mit dem Fuß umknickt, erfährt in den meisten Fällen tatsächlich keine Probleme. Sechs Wochen lang zahlt der Chef im Krankheitsfall das Gehalt weiter. Schwierig wird es erst danach.

Ab der siebten Woche müssen Arbeitgeber ihren Angestellten kein Gehalt mehr überweisen. Jetzt ist die Krankenversicherung am Zug. Statt dem normalen Netto-Gehalt zahlt diese nun am Ende des Monats das sogenannte Krankengeld. Hierbei handelt es sich jedoch um keinen vollen Lohnersatz. 70 Prozent des Bruttogehalts überweist die Kasse, gleichzeitig aber nie mehr als 90 Prozent vom Netto. Ab der siebten Woche müssen erkrankte Bürgerinnen und Bürger also auf mindestens zehn Prozent ihres Einkommens verzichten.

Das allein schmerzt schon, zumal viele Erkrankungen länger anhalten. Krankengeld gibt es bis zu 78 Wochen (abzüglich der sechs Wochen, in denen der Chef noch gezahlt hat). Finanziell haarig wird es, wenn sich am Horizont das Ende des Krankengeldes abzeichnet. Die über allem hängende Frage lautet dann: Von wem bekomme ich dann Geld, um Miete und Rechnungen zu bezahlen?

Perspektivisch sollte man sich in diesem Fall bereits frühzeitig mit der Erwerbsminderungsrente beschäftigen. Doch die meisten Menschen wollen das nicht. Solange noch Hoffnung auf eine Rückkehr in den alten Job besteht, ist vor allem wichtig, der Krankenkasse lückenlos die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen weiterzuleiten. Kurz vor Ablaufen der 78 Wochen gehen Sie dann bitte zur Arbeitsagentur.

Sie haben richtig gehört. Obwohl Sie seit anderthalb Jahren krankgeschrieben sind und formell einen gültigen Arbeitsvertrag haben, ist der Weg zur Agentur für Arbeit in dieser Situation der einzig richtige. Je nach Versicherungszeit besteht noch ein Anspruch von mindestens zwölf Monaten auf Arbeitslosengeld I. In dieser Zeit können Sie abwarten, ob Sie doch wieder zurück in den Beruf kommen oder eben doch eine Rente ins Auge fassen müssen.

Doch die Arbeitsagentur macht es den Menschen in dieser Situation leider nicht immer ganz einfach. Wer ehrlich ist und auf seine Krankheit verweist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit weggeschickt – zum Jobcenter, wo dann die entwürdigende Vermögensprüfung (auch für den Ehepartner) ansteht. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich bei der Agentur für Arbeit „im Rahmen Ihrer Möglichkeiten“ dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. Zunächst einmal muss die Miete bezahlt werden, dafür brauchen Sie das Arbeitslosengeld. Es steht Ihnen zu, dafür haben Sie jahrelang Beiträge abgeführt.

Wenn eine Rückkehr in den Job aussichtslos erscheint, sollten sich Betroffene frühzeitig um die Erwerbsminderungsrente kümmern. Doch bei einer durchschnittlichen Auszahlung von 716 Euro im Monat (für 2017 erstmals bewilligte Renten) droht spätestens jetzt ein Abrutschen in die Armut.

Wer ernsthaft erkrankt, sieht sich eben auch in Deutschland drohender Armut ausgesetzt.

Christian Schultz ist Referent für Sozialpolitik beim SoVD Schleswig Holstein.

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