Arbeit und Soziales Kommentar

Arbeitsteilung 2.0

Der Mensch als Servicekraft der Maschine

Von Christoph Theligmann

Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir uns selbst zur buchbaren Ressource erklären. Auf der Internetplattform Rentahuman dürfen KI-Agenten jetzt Menschen beauftragen, Aufgaben in der analogen Welt zu erledigen. „Finden Sie menschliche Arbeitskraft für den KI-Agenten“, heißt es dort. Endlich die angemessene Bezeichnung: Wir sind nur noch humane Randfiguren. Spielmasse.

Collage: Agneta Becker

Während die Tech-Welt hyperventiliert, weil KI-Agenten angeblich Start-ups gründen, Termine managen und vermutlich bald ihren eigenen Burn-out kuratieren, geht Rentahuman den nächsten logischen Schritt: Wenn die Maschine schon denkt, plant und optimiert – warum sollte sie nicht auch delegieren? Irgendwer muss schließlich die handwerkliche Arbeit verrichten. Und wer, wenn nicht die Krone der Schöpfung?

Hunderttausende sollen sich registriert haben, um im Auftrag von Algorithmen E-Mail-Konten zu eröffnen oder Umfragen durchzuführen. Bezahlt wird in Kryptowährung – also in jener besonders greifbaren Form von Geld, die hervorragend zur von der KI delegierten Arbeit passt: Man schwitzt real und bekommt dafür etwas, das man nur mit Fantasie anfassen kann. Hornhaut gegen Blockchain. Evolution rückwärts.

Die Gründer verkaufen das als Emanzipation. Endlich ein Chef, der nicht schreit. Stimmt: Der Algorithmus schreit nicht. Er priorisiert. Er optimiert. Er ersetzt. Keine Launen, nur Logik. Der alte Vorgesetzte hatte wenigstens einen Puls. Der neue hat ein Update.

Neu ist das alles allerdings kaum. Menschen waren schon immer flexibel buchbar, modular einsetzbar und austauschbar. Jetzt heißt das nur nicht mehr „Arbeitsmarkt“, sondern „Plattform“. Früher gab es Arbeitspläne am Aushang, heute Eingaben auf der Befehlszeile. Der Rest bleibt: Einer denkt, ein anderer macht sich auf zur Schicht.

Und doch verschiebt sich etwas. Die KI war einmal Werkzeug und ein Hammer mit WLAN. Jetzt verteilt der Hammer Aufgaben, und der Nagel meldet sich freiwillig. Die Maschine delegiert, der Mensch führt aus. Wir hatten Angst, ersetzt zu werden. Stattdessen werden wir befördert. Zum Assistenten unseres eigenen Tools.

Das eigentlich Ätzende daran: Die meisten Jobs dienen vor allem dazu, den KI-Hype weiter zu befeuern. Menschen arbeiten, damit Algorithmen autonom wirken. Bot-Propaganda im Schweiße unseres Angesichts. Die Blase füttert sich selbst. Jetzt auch mit Muskelkraft.

Vielleicht ist das die ehrlichste Form der Arbeitsteilung. Die KI rechnet, wir schuften. Sie plant, wir erscheinen. Sie kassiert die Vision, wir die Kryptowährung. Und solange sie noch kein Werkzeug halten kann, bleiben wir systemrelevant. Als letzte analoge Schnittstelle zwischen WLAN- Router und Straße.

Man muss es der Maschine lassen: Sie hat die Hierarchie nicht zerstört. Sie hat sie nur effizienter gemacht.