
Viel Stimmung wird gemacht gegen die gesetzliche Rente. Die Rente gilt als zu teuer, das sei nicht mehr zu finanzieren, heißt es. Die Leute wollten nicht mehr arbeiten. Die Alten würden sich auf Kosten der Jungen einen guten (zweiten) Lenz machen. Das lässt sich untersuchen.
Die Kosten der Rentenversicherung
Jüngst wurde eine Untersuchung aus dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut zu diesem Thema veröffentlicht. Mit überraschenden Ergebnissen: Die gesetzliche Rentenversicherung kostet die Beitragszahler heute und seit etlichen Jahren unverändert 18,6 % des Bruttolohns. Zum Vergleich: 1997 waren es 20,3 %, 2009 waren es 19,9 %.
1997 kostete die Deutsche Rentenversicherung uns 10 % des gesamten Volkseinkommens (Bruttoinlandsprodukt), 2003 waren es 10,3 % und 2024 waren es 9,3 % – also deutlich weniger. Gleichzeitig hat die Zahl der Rentenbeziehenden um 3 Millionen zugenommen.
Immer weniger Menschen würden arbeiten und sich auf die faule Haut legen. Die Unternehmen fänden keine Leute, weil keiner mehr richtig arbeiten wolle. Stimmt das? Nein.
Es wurde noch nie so viele Stunden in Deutschland gearbeitet wie 2024, Jahr für Jahr sind sie weiter angestiegen, sagen die offiziellen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. Das Renteneinstiegsalter nimmt Jahr für Jahr zu. Die Zahl erwerbstätiger alter Menschen steigt regelmäßig weiter an. Von Arbeitsverweigerung gibt es keine Spur.
Der Zuschuss der Bundesregierung
Die Bundesregierung beklagt, dass sie 29 % des Haushalts der Rentenversicherung bezahlen muss, das ist ein Viertel des Bundeshaushalts. Diese Kosten sind jedoch auf politisch gewollte Sonderausgaben zurückzuführen. Sie sind nicht denen zuzurechnen, die arbeiten und Beiträge bezahlen: zum Beispiel die Rente aus Kindererziehungszeiten oder der Übergang der ostdeutschen Rentenversicherung in das westdeutsche System. Zwischen 1991 und 2003 hatte sich der Bundeszuschuss fast verdoppelt auf 33,7 %, seitdem sinkt er auf jetzt 29%.
Rente: Rendite und Risiko
Die gesetzliche Rente solle immer weniger taugen, sagen viele. Viel besser sei die private Vorsorge, am Kapitalmarkt sei zudem eine höhere Rendite zu erwirtschaften.
Auch das kann man genauer angucken. Die Rendite der Beiträge in die gesetzliche Rente ist je nach persönlichen Merkmalen, beispielsweise Geschlecht, stabil zwischen 3 % und 4 %. Das ist so schlecht nicht. Die langfristige Rendite am Kapitalmarkt ist durchschnittlich etwa 5 %. Am Kapitalmarkt schwankt es jedoch mehr, auch abhängig von politischen Entwicklungen. Als Leser mag man ehrlich anschauen, wieweit man selbst in der Lage ist, die Risiken zu beurteilen und die eigene Altersvorsorge entsprechend zu steuern.
Viele Menschen fühlen sich damit überfordert, für mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind Kapitalanlagen böhmische Dörfer. In Westdeutschland sind nach Informationen aus dem Bundesarbeitsministerium 52 % aller Menschen nur über die Altersrente abgesichert, in Ostdeutschland sogar 75 %. Kapitalgedeckte Vorsorge denken sich die Menschen aus, die selbst genug Geld haben, um damit spielen zu können.
Riester-Rente als abschreckendes Beispiel
Der Versuch mit der Riester-Rente als privat organisierter Ersatz von einem Stück gesetzlicher Rente wirkt abschreckend. Riestern konnte nur für eine ärmere Minderheit lohnen, und zwar aufgrund der staatlichen Zuschüsse. Für mittlere und höhere Einkommen kam dabei weniger heraus als bei sonst üblichen Formen des Sparens und der Geldanlage, insbesondere auch wegen der Verwaltungskosten bei Banken und Anlage-Fonds. Viele Anbieter von Geldanlageprodukten zogen nach und nach ihre Angebote zurück, weil sie garantieren mussten, dass zumindest das eingezahlte Geld wieder herauskommt.
Gering verdienende Menschen hatten jedoch oftmals nichts übrig für eine extra Rücklage. Zwar wurden die Arbeitgeberinnen entlastet, indem sie ihre Rentenbeiträge senken konnten. Aber es fielen hohe Verwaltungskosten an. Nur mit höheren Vermögenssummen lohnt sich Vermögensverwaltung. Der einzige Ertrag, mit dem bei Riester geworben wurde, waren auch die Zuschüsse des Staates. Letztlich diente die Riesterrente nur dazu, die Arbeitgeber bei den Rentenbeiträgen finanziell zu entlasten.
Adenauer ganz schlau – Rentenreform 1957
Die gesetzliche Rente ist ein Umlageverfahren. Die aktuellen Beschäftigten zahlen für die aktuellen Rentnerinnen und Rentner. Das Umlage-System wurde 1957 eingeführt und ersetzte die kapitalgedeckte Altersrente. Die bis dahin praktizierte Rente basierte auf dem Kapitalmarkt, der war jedoch politisch bedingt durch Rüstungsausgaben und die Folgen des zweiten Weltkriegs langfristig zerstört und hatte vielen alten Menschen Kleinstrenten und die Armut gebracht.
Mit dem Beschluss der Regierung Adenauer wurde die Höhe der Rente an den Verdienst der aktuell Beschäftigten angeknüpft. Damit waren diese nicht abgehängt.
Solidarität ist auch jetzt das Gebot der Stunde, ganz besonders bei weltweit zunehmenden politischen Abenteuern und gleichzeitig zunehmender Spaltung in arm und reich. Insbesondere die Arbeitnehmer-Gruppe in der CDU und die SPD sollten sich für das Solidarsystem der Rente einsetzen. Man darf die Parteien auch gerne anschreiben.
