Die vielen Gesichter des Neoliberalismus

12. Januar 2017 | Von | Kategorie: Kommentar, Kultur

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Rezension von Lisa Liesner

Sebastian Friedrich hat seine in der Zeitung „analyse & kritik“ bereits veröffentlichten Beiträge in diesem Band zusammen gefasst. Zwischen A wie Auslandsaufenthalt und Z wie Zeitnot erwartet den/die Leser*in teils Offenkundiges, teils Überraschendes. Denn unter dem Deckmantel der Individualisierung, der Autonomie und der Flexibilität beeinflussen Leistungsdenken und (Selbst-) Optimierung längst unser Handeln. Und zwar nicht nur im Erwerbsleben, sondern auch in der Freizeit, in der Liebe, in der Familie… Kaum ein Lebensbereich, der nicht von neoliberaler Ideologie durchdrungen ist, wie Friedrich anschaulich darstellt. Denn wer denkt beim Verzicht auf Gluten und Laktose, bei Gewaltfreier Kommunikation oder städtischen Rennrad-Freaks schon an Neoliberalismus?

Nebenbei zeigt Friedrich, wie wir uns über das Leistungsparadigma prima abgrenzen können. Niemand will zu denen gehören, die mit Chips und Bier auf dem Sofa Trash-TV schauen. Also lieber was leckeres Veganes im Thermomix kochen und Marathon laufen. So lässt sich gesamtgesellschaftlich Selbstverantwortung und Leistungsorientierung mobilisieren, während ALGII mit seiner bitteren Sanktionierungspraxis und die davon profitierenden Niedriglohn-Branchen mit ihren prekären Arbeitsbedingungen widerstandslos hingenommen werden.

All diese Widersprüche werden einem als Leser*in bewusst in den kurzen Inputs aus dem alltäglichen Leben, welche Friedrich scharf beobachtend und amüsant vermittelt. Auch wenn man sich nicht zu den Karrierist*innen zählt, die sich mit „Butterkaffee“ (wer das nicht kennt, schaut unter Q wie Quantified Self) oder anderen Substanzen durchs Master-Studium dopen und dabei immer ihren Status bei Facebook, XING etc. im Blick haben, fühlt man sich doch ein ums andere Mal ertappt. Friedrich gelingt dies mit einem oft humorvollen lockeren Stil, was dieses Buch von den meisten anderen (z.B. psychologischen oder philosophischen) Werken zum Thema unterscheidet. Nichtsdestotrotz mangelt es nicht an fundiertem Wissen, wie die eingestreuten Verweise in die Wissenschaft zeigen. Konkretere Hinweise sind manchmal wünschenswert, wenn z.B. auf die Arbeiten von Arbeitssoziolog*innen und deren Ergebnisse verwiesen wird.

Friedrich will den Neoliberalismus weder historisch noch politisch erklären, sondern den Einfluss auf das persönliche Leben vorführen (wobei man sich an der ein oder anderen Stelle sicher fragen darf, ob er allein das Tun und Lassen erklären kann oder nicht auch andere persönliche Aspekte eine Rolle spielen). Das tut gut, wird dem/der Leser*in doch bewusst, dass das allgegenwärtige Gefühl der Unzulänglichkeit meist nicht dem eigenen Unvermögen geschuldet ist. Gleichzeitig muss man sich den Schuh anziehen, selbst mit dem Neoliberalismus zu kollaborieren, dadurch den ewigen Wettkampf untereinander anzuheizen und die um sich greifende Überausbeutung in vielen Branchen mitzutragen. Handlungsmöglichkeiten bietet der Autor nicht, wohl aber viele Denkanstöße. Diese dürften nicht nur Kapitalismuskritiker*innen interessieren (obwohl auch diese sich das ein oder andere Mal ertappt fühlen werden). Sondern auch die To-Do-Listen-Abhaker*innen, für die selbst Entspannung zur Aufgabe geworden ist. Die Online-Dater*innen und Polyamorösen, die sich gerne alle Möglichkeiten offen halten. Und alle, die sich fragen, warum das HartzIV-System für viele als gerechtfertigt gilt.

Sebastian Friedrich: Lexikon der Leistungsgesellschaft. Wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt. edition assemblage, Münster. ISBN 978-3-96042-001-9

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