Weichenstellung bei der Kommunalwahl 2025
Von Christoph Theligmann
Am 14. September 2025 entscheidet die Stadtgesellschaft über ihr kommunalpolitisches Gesicht für die kommenden fünf Jahre. Die Kommunalwahl in Münster verspricht nicht nur politische Spannung, was das Ergebnis betrifft, sondern auch richtungsweisende Entscheidungen für Verwaltung, Integration, Bildung und Bürgerbeteiligung.
Rund 250.000 wahlberechtigte Münsteranerinnen und Münsteraner sind aufgerufen, ihre Stimme abzugeben – für das Amt des Oberbürgermeisters oder der Oberbürgermeisterin, für den neuen Stadtrat mit seinen 66 Sitzen sowie für die sechs Bezirksvertretungen. Ebenfalls auf dem Wahlzettel steht die Wahl des Integrationsrats, der in den letzten Jahren mit politischer Sprengkraft und internem Zerwürfnis immer wieder in die Schlagzeilen geraten ist.
Ein historischer Umbruch an der Stadtspitze
Zum ersten Mal seit 16 Jahren verzichtet mit Markus Lewe (CDU) ein erfahrener Amtsinhaber auf eine erneute Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters. Seit 2009 stand Lewe an der Spitze der Verwaltung, prägte die Außendarstellung Münsters ebenso wie die Haushalts- und Infrastrukturpolitik. Sein Rückzug markiert einen Einschnitt: Wer auch immer ihm nachfolgt, wird die Stadt in einem veränderten politischen und gesellschaftlichen Umfeld übernehmen.
Für das höchste Amt der Stadt bewerben sich voraussichtlich acht Kandidatinnen und Kandidaten. Damit ist die Auswahl so vielfältig wie selten zuvor. Sollte im ersten Wahlgang niemand die absolute Mehrheit erreichen, entscheidet eine Stichwahl am 28. September über das neue Stadtoberhaupt. Münster steht vor der Frage, ob ein Wechsel in Stil, Schwerpunktsetzung und Kommunikation erfolgt – oder ob Bewährtes fortgesetzt wird.
Der Stadtrat – Schaltzentrale der kommunalen Selbstverwaltung
Neben dem Oberbürgermeisteramt steht die Neuwahl des Rates der Stadt Münster an. Das Gremium, das in Städten der Größenordnung Münsters aus 66 stimmberechtigten Mitgliedern besteht, ist das zentrale Entscheidungsorgan in allen Fragen der Stadtpolitik. Direkt gewählt wird in 33 Wahlbezirken – die übrigen Sitze werden nach dem Verhältniswahlrecht über die Listen der Parteien und Wählergruppen vergeben. Mit dem oder der neuen Oberbürgermeister*in ergibt sich ein 67. Ratsmitglied kraft Amtes.
Der Stadtrat tritt etwa alle zwei Monate zusammen, begleitet von zahlreichen Fachausschüssen. Die Ratsmitglieder arbeiten in Fraktionen oder Gruppen – letztere sind kleinere Zusammenschlüsse, ab zwei Personen. Die aktuelle Wahlperiode war geprägt von Koalitionen, Brüchen und Bündnissen auf Zeit. Insbesondere Volt spielte als neue Kraft eine Rolle im Gefüge zwischen SPD, Grünen und FDP.
Bezirksvertretungen: Politik im Kleinen
Ein oft unterschätzter, aber überaus bürgernaher Teil der Kommunalwahl sind die Bezirksvertretungen. In sechs Stadtbezirken – Mitte, Nord, Ost, Südost, Hiltrup und West – werden jeweils 19 Mandate vergeben. Die Mitglieder dieser Gremien beraten und entscheiden über zahlreiche Themen, die direkt das tägliche Leben betreffen: Spielplätze, Grünflächen, Vereinsförderung, Denkmalschutz, Schulstandorte oder Verkehrsführung im Quartier.
Bezirksvertretungen existieren in Münster seit der kommunalen Neugliederung 1975 – sie sind ein gesetzlich verankerter Ausdruck von Bürgernähe und Teilhabe. Gewählt wird nach Listen, das Verfahren ist analog zur Ratswahl. Die Bezirksbürgermeister*innen werden nach der Wahl aus der Mitte des jeweiligen Gremiums bestimmt.

Integrationsrat: Spiegelbild einer diversen Stadtgesellschaft?
Ein besonderes Augenmerk gilt in diesem Wahljahr dem Integrationsrat. Das Gremium, das Migrantinnen und Migranten mit und ohne deutsche Staatsangehörigkeit eine Stimme in der Kommunalpolitik verleiht, steht seit Jahren im Fokus der Öffentlichkeit – allerdings nicht immer im besten Licht. Gegründet wurde der Ausländerbeirat, wie er einst hieß, 1985 in Münster von Dr. Spyros Marinos, einem griechischen Arzt und engagierten Pionier der politischen Teilhabe.
Seitdem hat sich viel verändert. Der heutige Integrationsrat besteht aus 27 Mitgliedern, davon werden 18 gewählt, neun durch den Rat entsandt. Doch nach dem Tod von Marinos und dem Rückzug seines Nachfolgers Dr. Ömer Lütfü Yavuz geriet das Gremium in eine Phase innerer Spaltung. Die Wahl von Maria Salinas zur Vorsitzenden im Jahr 2020 war geprägt von taktischen Abstimmungen und Fraktionsverflechtungen. Zahlreiche Sitzungsprotokolle blieben bis heute unveröffentlicht, ein Mandat ist unbesetzt – eine offenkundige Krise der Legitimität und Transparenz.
Für die kommende Wahl stellen sich acht Listen zur Wahl, darunter neue Gruppierungen wie „Die Partei“ oder „Spektrum“. Sie konkurrieren um das Vertrauen einer Wählergruppe, die selbst heterogener nicht sein könnte: wahlberechtigt sind Menschen mit Migrationshintergrund ab 16 Jahren, sofern sie seit mindestens einem Jahr in Deutschland leben.
Ein Blick auf ein, zwei Außenseiter
Liegen die Umfragen nicht völlig daneben, wird es bei der Entscheidung, wer das neue Stadtoberhaupt wird, ein Ergebnis erst am 28. September in einer Stichwahl geben – zwischen dem Kandidaten der Grünen Tilman Fuchs und dem von der CDU ins Rennen geschickten Georg Lunemann. Vierzehn Tage zuvor wird, wie gesagt, der Stadtrat neu gewählt. Schauen wir mal nicht auf die „Elefanten“, sondern auf die Partei des als Nr. Drei beim OB-Roulette im Ziel erwartenden Stephan Brinktrine.
Die SPD Münster richtet ihren kommunalpolitischen Schwerpunkt auf den Bildungsbereich. So sollen die städtischen Berufskollegs modernisiert und erweitert werden. Konkret geplant sind eine bauliche Erweiterung des Anne-Frank-Berufskollegs, die energetische Sanierung des Hans-Böckler-Berufskollegs und eine neue Sechsfachsporthalle im Osten der Stadt, die sowohl Schulen als auch Vereinen zugutekommt.
Eine Partei, die es schwer hat, wahrgenommen zu werden ist die europäische Partei Volt, die 2020 erstmals in den Stadtrat einzog. Sie steht exemplarisch für die „Kleinen“, die bei eventuellen Ratsbündnissen eine wichtige Rolle spielen könnten, aber auch, so das Schicksal“ der „Kleinstparteien“, am Einzug in den Rat gänzlich scheitern könnten. Mit inzwischen über 100 Mitgliedern setzt die Partei Volt auf ein pragmatisches Politikverständnis. Die Partei verzichtet bewusst auf Ideologie, will mit „Best Practices“ aus ganz Europa lokal Probleme lösen. Abzuwarten, wie sich das „in der Ebene“, in der Praxis veranstalten ließe.
Münster – eine Stadt im Wandel
Die Kommunalwahl 2025 ist mehr als ein demokratischer Pflichttermin. Sie ist eine Weichenstellung: zwischen Kontinuität und Neuaufbruch, zwischen Verwaltungsreform und digitalem Stillstand, zwischen politischer Repräsentation und realer Teilhabe.
In Zeiten globaler Herausforderungen – von Fachkräftemangel über Migration bis zur Klimakrise – ist die kommunale Ebene der Ort, an dem Politik konkret wird. Münster zeigt mit der Beteiligung von 16-Jährigen, EU-Bürger*innen und Menschen mit Migrationsgeschichte, dass es in Fragen der Demokratie inklusiv denkt.
Ein Aufruf zum Mitgestalten
2020 lag die Wahlbeteiligung in Münster bei 63 Prozent – ein Spitzenwert in NRW. Diese Zahl ist Ausdruck einer politisch wachen Stadtgesellschaft. Nun liegt es erneut an den Bürgerinnen und Bürgern, den Kurs für die nächsten fünf Jahre zu bestimmen. Dabei ist jede Stimme ein Bekenntnis zur lokalen Demokratie – und zur Verantwortung, die jede Kommune mit sich bringt.
Am 14. September 2025 entscheidet sich, wer Münster gestalten darf – und mit welcher Haltung, welchem Zukunftsbild und welchem Maß an Bürgernähe. Wer mitreden will, muss mitwählen. Die Stadt wird nicht warten – sie bewegt sich.
