Arbeit und Soziales Rund um Münster Verschiedenes Zum Leben zu wenig

Digital nicht abhängen

In Münster ist der Digitalbus unterwegs

Von Regina Ioffe

In Münster gibt es ein unterstützendes Angebot rund ums Smartphone und um den mobilen Internetzugang. Für Menschen, die ohne festen Wohnsitz sind.

In der Nähe vom Hauptbahnhof saß ein wohnungsloser Mann und hörte Musik auf seinem Smartphone. Sein Gesicht strahlte vor Glück, er sang leise zur Melodie mit. Das Smartphone ist sein Eigentum, sein Vermögen, seine Welt.
Mobiles Internet und Handys spielen eine enorme Rolle in der modernen Welt. Niemand sollte digital abhängen. Die Anzahl der Wohnungslosen in Münster steigt, was man mit dem drastischen Mangel an bezahlbarem Wohnraum und steigenden Mieten erklären kann. Um die schwierige Lage womöglich erträglicher zu machen, ist bei der Arbeitsgemeinschaft Betriebssozialarbeit (AG BSA e.V.) das Angebot „Digitale Beratung für Wohnungslose Menschen in Münster“ entstanden, dessen Ansprechpartner für technische Fragen Herr Andre Bücher ist.
Regina Ioffe von der Sperre Redaktion stellte der Fachbereichsleitung, Frau Dr. Daniela Handke (AG BSA e.V.) Fragen zum Projekt.

Fotos: Agneta Becker

Sperre: Seit wann existiert ihr Projekt in Münster?

Dr. Daniela Handke: Das Projekt läuft seit dem Frühjahr 2025 in Münster. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten rund um die Standorte des Digitalbusses ist dieser nun seit dem Sommer im regelmäßigen Einsatz, wobei wir auch noch immer damit beschäftigt sind, „die Werbetrommel“ zu rühren und nach alternativen Stellplätzen zu suchen, da beispielsweise der Stellplatz an der Überwasserkirche ab Mitte November bis Ende Dezember aufgrund des Weihnachtsmarktes nicht genutzt werden konnte.

Ist ihr Projekt einzigartig auf diesem Gebiet oder gibt es ähnliche Projekte von anderen Trägern wie Bahnhofsmission, Caritas, Diakonie? Welche Besonderheiten gibt es bei Ihrem Projekt?

Es ist in Münster auch in anderen Einrichtungen möglich, Fragen rund um Digitalisierung zu stellen. Da die Nachfragen aber zunahmen und viele Einrichtungen es zeitlich nur bedingt leisten können, Hilfestellungen oder auch ausführlichere Erklärungen zu geben – häufig fehlt dafür auch das Hintergrundwissen -, haben wir mit der Förderung der Sozialstiftung NRW dieses Angebot etabliert. Einzigartig an unserem Projekt ist der aufsuchende Charakter. Durch den voll ausgestatteten Digitalbus, der Schutz vor Wind und Regen bietet, können wir die Menschen an ihren etablierten Treffpunkten in Münster aufsuchen.

In Münster leben schätzungsweise 100 Menschen dauerhaft auf der Straße. Zu Wohnungslosen zählen auch 2320 Personen, die in städtischen Belegwohnungen, Übergangseinrichtungen für Familien und Einzelpersonen oder in Flüchtlingsunterkünften untergebracht sind. Gehören sie alle zu ihren potenziellen Kunden oder eher nur Menschen, die auf der Straße leben?

Zu unserer Zielgruppe zählen all die oben benannten Personen. Es sollen sich nicht nur Menschen angesprochen fühlen, die dauerhaft auf der Straße leben, sondern auch diejenigen, die keinen eigenen Wohnraum haben und in Einrichtungen untergebracht sind. Noch breiter gefasst heißt es in der Beschreibung des Angebotes sogar, dass es sich auch an Menschen richtet, die vielleicht in der eigenen Wohnung leben, jedoch ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben. Da sich unser Angebot als sehr niedrigschwellig versteht, überprüfen wir auch nicht, ob die Rat Suchenden tatsächlich zur oben beschriebenen Zielgruppe gehören. Jeder, der ein Anliegen digitaler Art hat, wird auch beraten.

Drei Mal in der Woche für jeweils drei Stunden bieten sie an verschiedenen Standorten im Münster ihre Hilfe für wohnungslose Menschen ohne Anmeldung und ganz anonym. Wie sieht ihr typischer Arbeitstag aus? Gibt es Kunden mit Migrationshintergrund? Erfolgt die Beratung auf Deutsch oder auch in anderen Sprachen?

Die Quote der Inanspruchnahme ist je nach Termin sehr unterschiedlich und hängt auch sehr stark vom Wetter ab. Grundsätzlich haben wir festgestellt, dass es gerade in der Anfangsphase bzw. um das Angebot bekannt zu machen, sinnvoll ist, mit einem anderen Angebot zu kooperieren wie etwa mit dem Angebot des Duschbusses des Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) oder auch unserem eigenen Angebot, welches wir in Kooperation mit dem Quartiersmanagement Stadtraum Hauptbahnhof/ Bremer Platz sowie der mobilen Sozialarbeit des Sozialamtes durchführen und bei dem Zugehörige der sogenannten Szene sich durch die Reinigung ihrer Fläche einen Tageslohn verdienen können. Durch diese Kooperationen wird nochmal eine größere Gruppe erreicht.
Wir haben dabei die Erfahrung gemacht, dass bei der Zielgruppe viel auch über die positiven Erfahrungen anderer Institutionen läuft. Zum Beispiel durch die Zusammenarbeit der Fachkräfte in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. So kommen Menschen mit verschiedenen Anliegen zu uns. Diese reichen von einfachen Reparaturarbeiten und der Online-Buchung von Terminen über das Herunterladen und Einrichten von Apps bis hin zu konkreten Hilfestellungen bei der Bearbeitung und Versendung von Dokumenten. Zu Ihrer Frage nach unseren Sprachangeboten: Bisher erfolgte die Beratung vornehmlich auf Deutsch – Englisch wäre aber auch möglich. Zudem nutzen wir Übersetzungstools, so dass auch Beratungen in anderen Sprachen grundsätzlich durchführbar sind.

Sie haben ein breites Angebot beginnend von Aufladen der Telefone und Bereitstellung eines WLAN Hot Spots über die Aktivierung einer neuen SIM-Karte bis zur Beantwortung von Fragen rund um die Nutzung von Handy und Internet. Welche Anfragen sind besonders häufig?

Im Allgemeinen stellen wir fest, dass an jedem Standort der WLAN Hot Spot eifrig genutzt wird. Außerdem gibt es aktuell häufiger Anfragen bezüglich Sim-Karten Aktivierungen, da hierfür meist eine Identifikation des Nutzers via Videocall erforderlich ist. Dann „helfen“ in unserem Beratungsbus die verfügbaren Laptops.

Leisten Sie Hilfe bei Online-Kontakten mit Behörden wie Jobcenter Münster oder Sozialamt? Helfen Sie bei der Anmeldung zu Ärzten?

Ja, dies bieten wir auch an, wurde bisher allerdings noch nicht angefragt.

Stimmt es, dass so ein Projekt nicht nur eine technische Hilfestellung ist, sondern auch eine Beziehungsarbeit – Wertschätzung, Anerkennung, Teilnahme?

Ja, definitiv. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen sich freuen, einfach auch mal reden zu können und jemanden zu haben, der zuhört. Oftmals ergibt sich über das eigentliche (digitale) Anliegen auch die Gelegenheit zu einem ausführlicheren Gespräch. Wichtig ist uns dabei aber zu betonen, dass wir keine Sozialberatungen leisten. Unabhängig davon, dass es in Münster bereits Institutionen für die verschiedensten Anliegen gibt, war es uns im Sinne der Niedrigschwelligkeit der Inanspruchnahme der Digitalberatungen wichtig, die beide Aspekte zu trennen. Sollte ein entsprechender Bedarf von einem Kunden oder einer Kundin geäußert werden, vermittelt unser Digitalberater aber selbstverständlich an eine passende Stelle weiter.
Und natürlich intendiert das Projekt nicht nur auf eine technische Hilfestellung, sondern zielt dadurch darauf ab, die individuellen gesellschaftlichen Teilhabechancen der zu Beratenden zu erhöhen. Die Nutzung digitaler Medien ist in unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Unser Angebot soll einen Betrag dazu leisten, dass Menschen, deren Zugang aufgrund fehlender Ressourcen erschwert ist, diese in einem möglichst hohen Maße für sich nutzen können. Wir würden uns freuen, wenn das Angebot noch bekannter würde und durch noch mehr Menschen genutzt würde.

Beratungszeiten:

Dienstags von 10:30 bis 13.30 Uhr am Bremer Platz hinter dem Hauptbahnhof
Mittwochs von 10:30 bis 13:30 Uhr am Busparkplatz Hafenstraße/Friedrich- Ebert-Straße gegenüber dem HuK Gebäude
Donnerstags von 10:30 bis 13:30 Uhr an der Liebfrauen-Überwasserkirche