Wolfgang Borchert Theater: „Nein zum Geld!“
Von Christoph Theligmann
„Nein zum Geld“ von Flavia Coste ist eine kluge, rasante Gesellschaftssatire, die zunächst leicht und komisch wirkt, dann aber sehr schnell ins Moralisierende, Bittere und fast Grausame kippt. Eine pointierte Komödie über Geld, über Werte und menschliche Gier, die gerade von ihrer Zuspitzung lebt.
Im Zentrum steht Richard, der 162 Millionen Euro im Lotto gewonnen hat, den Gewinn aber nicht annehmen will. Diese Entscheidung löst am Familientisch keine bewundernde Stille aus, sondern Entsetzen, Misstrauen und blanken Streit. Seine Frau Claire, seine Mutter Rose und sein bester Freund Etienne sehen in Richards Verzicht weniger eine moralische Haltung als eine Provokation gegen das normale Leben.
Gerade diese Konstellation ist dramaturgisch reizvoll: Ein einziger Satz – „Nein zum Geld!“ – stellt das gesamte Beziehungsgefüge auf den Kopf. Was als private Mitteilung beginnt, entwickelt sich zu einem Machtkampf über Besitz, Verantwortung und das Recht auf ein „vernünftiges“ Leben. Das Stück arbeitet damit nicht nur mit der Versuchung des Reichtums, sondern auch mit der Frage, wie dünn die Schicht aus Anstand und Solidarität im Alltag eigentlich ist.
Satire, die im Halse stecken bleibt
„Nein zum Geld!“ lebt von der Mischung aus Komik und Unbehagen. Die Satire lanciert nicht einfach auf den Lottogewinn, sondern auf die Abgründe, die sich im näheren Umfeld öffnen, sobald Geld als Möglichkeit zur Rettung, zur Selbstverwirklichung oder zur Befreiung erscheint. Laut WDR-Theaterkritik beginnt das Stück leicht und witzig, geht dann aber „ans Eingemachte“. Genau darin liegt seine Stärke, weil das Lachen immer wieder im Hals stecken bleibt.
Besonders interessant ist, dass Richard nicht nur als moralischer Held erscheint. Auch seine Haltung wirkt nicht völlig unschuldig, denn sein Verzicht kann als Weltfremdheit oder als egoistischer Luxus gelesen werden. Dadurch wird das Stück anspruchsvoller als eine bloße Geldsatire: Es fragt auch danach, wer eigentlich das Recht hat, über Glück zu urteilen, und wie sehr Ideale in Konflikt mit den Realitäten anderer Menschen geraten können.
Für die „Philosophie“ des Wolfgang-Borchert-Theater (WBT) ist das Stück gut gewählt, weil es in einer kompakten Form große Themen bündelt und so auf scharfe Dialoge angewiesen ist. Diese Produktion ist eine rabenschwarze, höchst witzige Gesellschaftssatire. Sie ist auch eine Rückkehr von Andrea Krauledat am Regiepult, die bereits mit „Kalter weißer Mann“ einen großen Erfolg am WBT hatte. Das spricht für eine Inszenierung, die präzise auf Timing, Pointen und die Eskalation zwischen den Figuren setzt.
Zum Lachen und zum Nachdenken
Auch thematisch passt der Abend gut in den Spielplan 2025/26 des Theaters, der unter dem Motto „Zwischen Geistern und Flammen“ steht und sich mit Spannungen zwischen Vergangenheit und Erneuerung beschäftigt. „Nein zum Geld!“ fügt sich darin als Gegenwartsstück ein, das nicht belehrt, sondern die Zuschauer mit einer sehr aktuellen Frage konfrontiert: Was wäre ein Leben wert, wenn Geld keine Rolle mehr spielte?
Fazit: „Nein zum Geld!“ ist keine Wohlfühlkomödie, sondern eine elegant zugespitzte Parabel über Besitz, Abhängigkeit und die Zerbrechlichkeit familiärer Bindungen. Das Stück gewinnt gerade daraus, dass es den Lottogewinn nicht als Happy End, sondern als moralisches Minenfeld zeigt. Wer am Theater gerne lacht und sich gleichzeitig unbehaglich ertappt fühlt, dürfte hier einen sehr passenden Abend erleben.
Florian Bender (Richard)
Rosana Cleve (Ehefrau Claire)
Gregor Eckert (Etienne)
Katharina Hannappel (Mutter Rose)
in einer Inszenierung von Andrea Krauledat
Fotos: Wolfgang Borchert Theater
Tanja Weidner und Laura Ritter
Wolfgang Borchert Theater
im Flechtheim-Speicher,
Am Mittelhafen, 48155 Münster
Nächste Termine „Nein zum Geld!“:
16.09. 20 Uhr
17.09. 20 Uhr
18.09. 20 Uhr
16.10. 20 Uhr
17.10. 20 Uhr
18.10. 18 Uhr
