Wie große Vermögen die Gesellschaft spalten
Von Norbert Attermeyer
Wir leben in einer der ungleichsten Demokratien der Welt. Hier in Deutschland gibt es die viertmeisten Milliardäre und die drittmeisten Millionäre. Während die Hälfte der Bevölkerung über kein nennenswertes Vermögen verfügt. Was macht diese Ungleichheit mit der Gesellschaft? Auf diese Frage haben Forschende erstaunlich deutliche Antworten gefunden.

Im Jahre 2013 führte der Professor für Sozialpsychologie Paul Piff ein interessantes Experiment an der Universität Berkeley durch. Es ging um die Frage, wie sich Reichtum und Privilegien auf den Charakter eines Menschen auswirken. Zu diesem Zweck ging er einen ungewöhnlichen Weg: Er ließ die Probanden Monopoly spielen. Die Ergebnisse waren verblüffend. So viel sei schon mal verraten.
Nun wurde Monopoly aber nicht so gespielt, wie wir es kennen: Alle haben das gleiche Startgeld und das Spiel entscheidet sich wesentlich über Würfelglück und ein wenig Taktik. Paul Piff ließ das Spiel realistischer starten. Jeweils zwei Spielende traten gegeneinander an. Allerdings waren die Startbedingungen sehr unterschiedlich. Die einen Spieler erhielten jedes Mal beim Überqueren der Los-Linie das doppelte Gehalt und hatten zudem einen zweiten Würfel, so dass sie viel mehr Spielzüge machen konnten. Die anderen hatten diese Vorteile nicht.
Die Startbedingungen der jeweiligen Parteien waren also von Anfang an grundverschieden. Für den Spielerfolg hatte dies entscheidende Folgen.
Unter den reichen Spielern war dominantes Verhalten häufiger
Individuelle Fähigkeiten, Glück oder Talent hatten jetzt keinerlei Bedeutung mehr. Die „armen“ Spieler hatten von vornherein keine Chance aufzuholen, geschweige denn dieses Spiel zu gewinnen. Dies war allen Beteiligten klar. Aber wie das bei dem Spiel Monopoly so ist, vergaßen die Spielenden schnell diesen Umstand und gingen ganz im Spiel auf. Und hierbei machten Paul Piff und sein Team erstaunliche Entdeckungen. Schon nach kurzer Zeit fühlten sich die reichen Spieler:innen regelrecht beflügelt. „Der reiche Spieler begann sich lauter auf dem Brett zu bewegen und während der Züge regelrecht mit seiner Spielfigur auf das Spielbrett einzuhämmern. Unter den reichen Spielern war dominantes Verhalten häufiger, sie legten Machtgehabe an den Tag und jubelten öfter.“ (Paul Piff, Sozialpsychologe)
Sie begannen damit, ihre Überlegenheit regelrecht zu demonstrieren: Sie zählten laut ihr Geld und spielten ihre Züge betont langsam.
Auf dem Tisch hatte das Team von Paul Piff jeweils eine Schale mit Salzbrezeln platziert. Und sie machten die Beobachtung, dass die reichen Spieler:innen sich dort großzügig bedienten, während die armen sich eher zurückhielten. Je länger das Speil dauerte, desto unhöflicher wurden die reichen Spieler.innen gegenüber den armen Spieler.innen. Sie machten sich über die Situation der „Armen“ lustig und gaben mit ihrem eigenen Reichtum an. Es fielen Sätze wie „Bald geht dir das Geld aus!“ Und: „Du schuldest mir Geld!“
Die reichen Spieler:innen schienen völlig vergessen zu haben, dass das Spiel von vornherein gezinkt war
Richtig interessant wurde dann aber die anschließende Befragung durch Paul Piff und sein Team: Die reichen Spieler.innen schienen völlig vergessen zu haben, dass das Spiel von vornherein gezinkt war und dass sie gar nicht verlieren konnten. Denn nur durch Zufall waren Sie mit den entscheidenden Vorteilen und Privilegien ausgestattet worden.
Paul Piff zu diesem Ergebnis: „Als die reichen Spielenden darüber redeten, weshalb sie das gezinkte Monopoly-Spiel zwangsläufig gewonnen hatten, sprachen sie davon, was sie alles unternommen hatten, um die verschiedenen Grundstücke zu kaufen und in diesem Spiel erfolgreich zu sein. Und das ist ein wirklich, wirklich unglaublicher Einblick in die Art und Weise, wie Vorteile vom Verstand bewertet werden.“
Dem Monopoly-Experiment folgten noch dutzende andere Studien, in denen Paul Piff seiner Ausgangsfrage nachging „Was macht Reichtum mit den Menschen?“ Er kam immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Mit zunehmendem Reichtum nimmt die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln ab. Darüber täuschen dann auch die gerne zu Weihnachten stattfindenden steuerlich absetzbaren Charitiy-Galas nicht hinweg. Zudem fand er in Befragungen heraus, dass bei reichen Menschen Geiz eher als etwas Positives bewertet wird.
Diese Ergebnisse lassen erahnen, dass Nachsicht und Empathie für die Situation des wirtschaftlich schlechten gestellten Teils der Bevölkerung von der besitzenden Seite schwerlich erwartet werden kann.
Vor diesem Hintergrund ist ebenfalls interessant, was die promovierte Politikwissenschaftlerin Martyna Linartis an der Freien Universität Berlin bezüglich Vermögensverhältnissen in Deutschland herausfand: „Wir leben schon lange nicht mehr in einer Leistungsgesellschaft, sondern in einer Erbengesellschaft. Über 50 Prozent der Vermögen in Deutschland sind nicht erarbeitet worden, sondern schlicht vererbt.“ Einhergehend damit konzentriert sich das große Geld auf immer weniger Menschen, während immer mehr Menschen über gar kein Vermögen verfügen.
Auch in Europa gehört Deutschland zu den Spitzenreitern in Sachen Ungleichheit
Bereits im Jahr 2021 verfügten die obersten 10 Prozent der Haushalte über 56 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland. Während 50 Prozent der Haushalte über keinerlei nennenswertes Vermögen verfügten. Auf Monopoly übertragen heißt dies, dass die reiche Gruppe von der Wiener Straße bis zur Schlossallee bereits alles besitzt, bevor es überhaupt los geht. Während die Ärmeren bestenfalls mit der Badstraße vorliebnehmen müssten. Laut dem Bundesamt für Statistik zählt Deutschland im europäischen Vergleich zu den Spitzenreitern in Sachen Ungleichheit. Die Entwicklung hin zu immer größerer Ungleichheit schreitet weiter voran. Dies könnte sich noch zu einem wahren Fluch entwickeln.
In ihrem Buch „Unverdiente Ungleichheit“ kommt Martyna Linartis zu folgender Erkenntnis: „Beim obersten Prozent (der Bevölkerung) wird es interessant: Einkommen, die nicht aus Arbeit bestehen, werden in unserem Steuersystem seit drei Jahrzehnten stark privilegiert. Während eine Mittelschichtfamilie 43 Prozent Steuern und Abgaben auf ihr Einkommen zahlt, sind es bei Multimillionär:innen 29 Prozent und bei Milliardär:innen nur noch 26 Prozent.“
Was diese Ungerechtigkeit mit der Gesellschaft und ihren Menschen macht, dazu haben auch die Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett geforscht. Richard Wilkinson, Professor für Sozial-Epidemiologie an der Universität Nottingham, und Kate Pickett, Professorin für Epidemiologie an der Universität York fanden in ihren Studien heraus, dass nicht das durchschnittliche (statistische) Wohlstandsniveau entscheidend ist für eine sozial intakte Gesellschaft, sondern allein die Einkommensverteilung.
Die USA haben eine um das Zwölffache höhere Mordrate als das eher egalitäre Japan
Die Forschenden fanden heraus, dass beispielsweise die Lese-Schreib-Kompetenz von Schüler:inen auch davon abhängt, in welchem Land sie aufwachsen. In einer eher egalitären Gesellschaft wie Finnland sind die Ergebnisse deutlich besser als in den USA, obwohl dort das Durchschnittseinkommen rein statistisch höher ist.
Sehr deutlich und nachhaltig lässt sich auch der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Gewalt belegen. Die USA haben eine um das Zwölffache höhere Mordrate als das eher soziale Japan. Wilkinson und Pickett haben in ihrem Buch „Gleichheit ist Glück“ umfangreich dargelegt, dass das wirtschaftliche Auseinanderdriften in einer Gesellschaft die Ursache ist für den Anstieg von Gewalt und Kriminalität, sowie von sozialer Verwahrlosung. Das Deutsche Ärzteblatt äußert sich so zu den Erkenntnissen der Wissenschaftler: „Das Votum für eine gerechtere Gesellschaft wird einleuchtend begründet und stützt sich auf beeindruckendes Datenmaterial… Das Magazin New Statesman hat es als eines der zehn wichtigsten Bücher der Dekade bezeichnet.“
Die Tagespolitik versucht derweil die Folgen sozialer Ungleichheit mit verschiedenen Maßnahmen zu bekämpfen. So gab es Programme zur Eindämmung von Kriminalität und zur Gewaltprävention, Schulen boten Konfliktlösungstraining an. Fettleibigkeit wurde mit Sportinitiativen bekämpft. Allein, dieses Engagement bewirkt am Ende häufig sehr wenig. Nach Überzeugung von Wilson und Pickett kann dies alles nicht funktionieren, weil es nicht an die Wurzel geht. Das wäre, als würde man bei Masern weiße Salbe für die roten Flecken und Kaffee gegen die Müdigkeit verschreiben.
Die eigentliche Krankheit, die es auszukurieren gilt, ist die ungleiche Gesellschaft. Erst wenn das grundlegende Problem gelöst ist, so Wilkinson und Pickett, wird es auch gelingen, die daraus folgenden Missstände wie hohe Kriminalität und mangelnde Gesundheitsvorsorge in den Griff zu bekommen.
Dafür braucht es keine Revolution: „It doesn´t take a revolution to do things right.“ Es müssen nur die politisch richtigen Entscheidungen her. Keine weiteren Steuersenkungsorgien und Einsparungen im Sozialbereich. Diese Politik kann nicht funktionieren und sie leistet keinen Beitrag zur Bekämpfung der Ungleichheit. Ein armer Staat ist nur für Reiche attraktiv. Obwohl: Die Wissenschaftler fanden in ihren Studien heraus, dass in einer ungleichen Gesellschaft auch die Reichen unglücklicher sind. Es ist eben unwahrscheinlich, dass wohlhabende Gruppen von Phänomenen wie erhöhte Gewaltbereitschaft, Alkoholismus und Drogensucht völlig unberührt bleiben. Außerdem lebt es sich auf Dauer nicht so gut, wenn der eigene Reichtum mit einem Stacheldrahtzaun und Sicherheitspersonal eingezäunt werden muss.
Was gebraucht wird sind höhere Steuern auf große Vermögen und Einkommen
Nein, was jetzt gebraucht wird – und das ist auch die Forderung der Wissenschaftler – sind höhere Steuern und Abgaben für die großen Vermögen und die Bestverdienenden. Eine aktuelle Umfrage der ARD belegt, wie wichtig den Menschen in Deutschland dieses Thema ist. 81 (!) Prozent der Befragten finden, der wirtschaftliche Wohlstand in diesem Land sei ungerecht verteilt. 61 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, die Steuer auf hohe Erbschaften anzuheben. Eine Rückkehr zur Vermögenssteuer, die seit 1997 ausgesetzt ist, halten 64 Prozent der Befragten für richtig. Beides wird übrigens von der AfD und ihren Wähler:innen vehement abgelehnt. Trotzdem ist dieses Thema in der herrschenden Politik nicht sehr beliebt. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermögensteuer und Erbschaftssteuer als „Loser“-Themen begriffen. In einem Beitrag aus Berlin berichtete die Tagesschau bei diesem Thema von einer konkreten Angst vor einer schlechten Presse. Hier nur zur Erinnerung: Fünf reiche Familien beherrschen den gesamten Medienmarkt in Deutschland und in diesen Kreisen sind die Themen Vermögenssteuer und Erbschaftsteuer verständlicherweise äußerst unbeliebt. Dann doch lieber neue Geschichten zum Missbrauch beim Bürgergeld. Das geht doch immer.
Wenn man merkt: Wahnsinn, zwei Familien besitzen mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland…
Am Ende wird man aber um einen Beitrag der Vermögenden nicht herumkommen. Damit dies auch geschieht, hilft allein Aufklärung. Die Politikwissenschaftlerin Linartis bringt es in einem Interview mit der BISS aus München so auf den Punkt: „Wenn man merkt: Wahnsinn, zwei Familien besitzen mehr als die Hälfte (der Bevölkerung), mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland, dann fängt man an zu überlegen: Ach, vielleicht liegt das Problem ja gar nicht bei den Migrant:innen oder bei den Menschen im Bürgergeld, sondern bei einer Politik, die zugunsten der Reichsten gemacht wird.“ Was gebraucht wird, ist der Einstieg in eine wirklich solidarische Gesellschaft. Es muss nun einmal Schluss sein mit dem Lamentieren der Reichsten. Die Welt ist kein Monopoly. Empathie ist erlernbar auch für Superreiche.
Monopoly, wie alles begann
Übrigens, wurde Monopoly von einer Frau erfunden. Elizabeth Magie hieß sie, und sie war es, die mit dem Spiel Kapitalismuskritik verbunden hatte. „The Landlord´s Game“ sollte zeigen, dass Monopole und die Konzentration von Geld und Land sich negativ auf die Gesellschaft auswirken. Gedacht war ihr Spiel als eine Lektion in Sachen wirtschaftlicher Ungleichheit. 1904 meldete sie das Spiel zum Patent an. Jahre später hat Charles Darrow davon erfahren und kaufte ihr das Patent zu einem Spottpreis ab. Er wurde damit später Millionär. Aber nur durch eine wesentliche Änderung: Er gestaltete das Brettspiel um, zugunsten eines ganz neuen Ziels, nämlich schnell reich zu werden. Ein Traum, der die Realität in den Schwitzkasten nimmt.
Studie: Piff, Stancato, Côté, MendozaDenton, Keltner, Social class predicts increased unethical behavior (2012), PNAS Vol. 109
Martyna Linartas, Unverdiente Ungleichheit – Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann, 2025, Rowohlt Verlag Hamburg
Kate Pickett, Richard Wilkinson, Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, E-Book 2012, Haffmans & Tolkemitt
