Verschiedenes

Schalmeienklänge und Hip-Hop-Beats aus dem Saaletal

Das Rudolstadt-Festival bleibt sich treu und strahlt auch im 33. Jahr

Von Norbert Attermeyer

Wer an einem Samstagmorgen Anfang Juli über die Saale-Brücke zum Heine Park schlendert, kann einen ganz besonderen Klang wahrnehmen: Eine dezente Mischung aus Flöte, Geige, Akkordeon, Trompete, Trommeln, Gesang, Gitarren und vielem mehr. Eine magische „wall of sound“. Und selbst mit geschlossenen Augen wüsste man: Wunderbar! Ich bin in Rudolstadt.

Seit 1991 – kurz nach dem Mauerfall – öffnet sich die Stadt jeweils am ersten Juli Wochenende für Musik aus der ganzen Welt. Es wäre müßig hier die endlose Reihe von KünstlerInnen aufzuführen, die seitdem die Bühnen von Rudolstadt erklommen haben. Denn die Besonderheit des Festivals ist, dass es immer sehr viele sind. Schließlich findet das ganze Ereignis auf bis zu 30 parallel bespielten Bühnen statt. Das Publikum, das Jahr für Jahr in die überschaubare, ehemalige Residenzstadt strömt, weiß das. Dementsprechend laufen viele Besucher mit dem aktuellen Programmheft (Achtung: 227 Seiten!) durch die Stadt, oder orientieren sich ganz einfach mit der gut gemachten Festival-App. Wie auch immer jemand das jeweilige Konzert findet, allen gemeinsam ist die Liebe zur Weltmusik. Und damit auch die Liebe zu anderen Klängen und die Neugier auf die Lieder anderer Nationen.

Eine friedliche Gemeinschaft von „Weltbürgern“ mit Respekt voreinander

Aus dieser Melange heraus entsteht an den vier Festivaltagen dann auch tatsächlich eine friedliche Gemeinschaft von „Weltbürgern“ mit Respekt voreinander und freundlichem Umgang miteinander. Im vergangenen Jahr wurden, verteilt über die vier Festivaltage von Donnerstag bis Sonntag, 90.000 Besucher gezählt. Rudolstadt selbst hat nur 25.000 Einwohner. Trotzdem geht das Festival Jahr für Jahr erstaunlich gelassen und friedlich über die Bühne. Wer es nicht erlebt hat, kann es nicht verstehen und sollte einen Besuch in Erwägung ziehen.

Wie in jedem Jahr legte sich das Festival-Team auch im Jahr 2025 auf einen musikalischen Länderschwerpunkt fest. Diesmal war es Mali. In Mali selbst war die Benennung als Länderschwerpunkt ein ganz besonderes Ereignis, und fand einen großen Widerhall in den dortigen Medien. Entsprechend wurden die musikalischen Auftritte auch journalistisch begleitet.

In Rudolstadt gab es zusätzlich eine Ausstellung über Mali, bei der man erfahren konnte, dass Mali beispielsweise Hauptumschlagplatz für farbenfrohe Damast Stoffe in Afrika ist. Das Ausgangsmaterial hierfür stammt aus Deutschland und Österreich. Für die durchschnittlichen Festival-Besucher war Mali eine eher unbekannte musikalische Größe. Gut, in Mali liegen die Wurzeln des Blues und Salif Keita war schon einmal in Rudolstadt aufgetreten. Aber sonst?

Die angesagten Stars aus Mali waren da

Dass Mali ein Vielvölkerstaat ist und sehr unterschiedliche Musikstile hat, das konnte man dann in Rudolstadt erleben. Etwa durch den Auftritt von Al Bilali Soudan, einer Tuareg-Gruppe aus dem Norden Malis. Schnelle, tranceartige Musik gespielt auf der N‘goni, einem gitarrenähnlichen Instrument, versetzte die Zuhörer*innen atmosphärisch direkt in die Wüste. Weil das Wetter noch dazu passte, war alles perfekt.

Aber natürlich waren auch die zurzeit angesagten Stars aus Mali vertreten: Etwa Vieux Farka Toure oder Baba Sissoko und Mediterranean Blues mit ihren umjubelten Auftritten. Ein besonderes Highlight war das Konzert von Le Mali 70 Earkestra. Hier handelt es sich um eine Gruppe von Musikern (zwölf Bläser plus Bass und Schlagzeug) aus Berlin, denen es gelungen war, Musiker aus den 70iger Jahren auf die Bühne zu holen, die seinerzeit prägend waren für den neuen Sound aus Mali. Manche Musiker von damals konnten, da inzwischen verstorben, nur per Musikvideo auf Großbildleinwand in das aktuelle Konzert eingefügt werden. Ein Unterfangen, das viel Präzision der aufführenden Musiker verlangte und tatsächlich gelang.

Und zwischen den Konzerten: Straßenmusik überall in der Stadt, oder vielleicht ein Workshop im Tanzzelt? – Fotos: (ug)

Das Festival als Gesamtkunstwerk

Aber natürlich hatte das Festival deutlich mehr zu bieten als einen musikalischen Länderschwerpunkt. Großen Zuspruch erhält auch stets das umfangreiche Strassenmusik-Programm: Klezmer-Klänge in der Fußgängerzone, Bardengesänge an einem der beschaulichen Brunnen in der Innenstadt, Tango-Musik unter’m Schloss.

Apropos Tango-Musik und weil wir in Rudolstadt sind, und weil dieses Festival eine entsprechende Tradition hat: Es wird viel getanzt. Im Heine-Park gibt es gar ein großes Zelt, in welchem von früh bis spät in die Nacht zum Tanz aufgespielt wird.

Aber es wird nicht nur einfach so getanzt. Hier werden Tänze vorgeführt und eingeübt. Vom Kreistanz bis Salsa alles mit dabei. Es soll sogar Besucher*innen geben, die während des Festivals das Tanzzelt nur sehr selten verlassen.

Ein ganz besonderes Ereignis war das Konzert des 90-jährigen Pianisten Abdullah Ibrahim aus Südafrika. Es war ein stiller Auftritt, bei dem das Publikum im übervollen Innenhof der Heidecksburg gebannt den anrührenden Ausführungen Ibrahims folgte um ihn schließlich frenetisch zu bejubeln.

Besonders war auch der Auftritt von Chicken Wire Empire aus Wisconsin USA. Sie entfachten einen regelrechten Blugrass-Tornado spätabends auf der Marktbühne und verstanden es, das Publikum mitzunehmen. Oder die Heavy Beat Brass Band, die mit Tuba und Trompeten zur Party bliesen und den Mardi-Grass direkt von New Orleans nach Rudolstadt holten.

Neben der ausgefeilten Musikmischung zählt aber auch das ganze Drumherum: Etwa die Instrumentenbauergasse, die handbemalten Fähnchen und Wimpel überall, die in jedem Jahr neue geschaffene Bühnendeko, plötzlich auftauchende Stelzenläfuer*innen oder Trommler: Das Festival ist ein Gesamtkunstwerk. Wer sich was Gutes tun will, sollte über einen Realitätstest nachdenken.