Viele Anspruchsberechtigte beantragen keine Hilfe
Von Christoph Theligmann
Überforderung, Unsicherheit, Scham: Aus ganz unterschiedlichen Gründen verzichten viele Menschen auf staatliche Unterstützung, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeichnet ein Bild, das der öffentlichen Debatte deutlich widerspricht – und zeigt zugleich, wie sich die Lage verbessern ließe.

Wer die Diskussionen um das Bürgergeld in den vergangenen Jahren verfolgt hat, konnte leicht zu dem Schluss kommen, die Grundsicherung werde massenhaft missbraucht. Immer wieder war von steigenden Kosten die Rede, von Menschen, die arbeiten könnten, es aber nicht täten. Der Sozialstaat, so der Tenor, werde ausgenutzt.
CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann brachte diese Sicht im August 2025 auf den Punkt, als er erklärte, staatliche Unterstützung müsse jenen vorbehalten bleiben, die sie „wirklich brauchen“. Das System sei jedoch zu leicht auszunutzen – und das müsse geändert werden.
Der Ende 2025 verabschiedete Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeichnet jedoch ein gänzlich anderes Bild. Er richtet den Blick auf mehr als fünf Millionen Menschen, die am Existenzminimum leben, und kommt zu einem bemerkenswerten Befund: Ein erheblicher Teil der Anspruchsberechtigten verzichtet vollständig auf staatliche Hilfe. Ausgewertete Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass zwischen 37 und 56 Prozent der Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung hätten, diese nicht beziehen. Bei der Grundsicherung im Alter liegt der Anteil sogar bei fast zwei Dritteln. Zwar sind solche Zahlen schwer exakt zu bestimmen – die Spannbreite ist entsprechend groß. Doch die Richtung ist eindeutig: Verzicht ist weit verbreitet, Missbrauch keineswegs der Normalfall.
Anträge als Hürde – vor allem im digitalen Verfahren
Woran liegt das? Viele empfinden den Antrag auf Leistungen als kaum zu bewältigen. Solche Aussagen kommen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sozialberatungsstellen. Diese begleiten täglich Menschen, die Unterstützung suchen – und oft schon am Verfahren scheitern. Gefordert werden zahlreiche Nachweise: Kontoauszüge, Unterlagen zum Kindergeld oder Sorgerecht, Erklärungen zum Jobverlust. Hinzu kommt, dass Behörden Dokumente zunehmend ausschließlich digital akzeptieren. Und viele Menschen verfügen weder über die technische Ausstattung noch über die nötigen Kenntnisse, um Unterlagen einzuscannen oder hochzuladen. So auch das MALTA, Münsters Arbeitslosentreff Achtermannstraße.
Diese Erfahrungen decken sich mit den Befunden des Armuts- und Reichtumsberichts. Dort wird eine ganze Reihe von Gründen aufgeführt, warum Leistungen nicht abgerufen werden. Neben der Komplexität der Verfahren spielt auch der Aufwand eine Rolle – vor allem dann, wenn es nur um geringe Beträge geht. Das betrifft etwa Menschen, die zwar arbeiten, deren Einkommen aber nicht zum Leben reicht und die Anspruch auf ergänzende Leistungen hätten.

Besonders für Zugewanderte stellen Sprache und bürokratische Fachbegriffe ein großes Hindernis dar. Anträge und Bescheide sind oft schwer verständlich. Hinzu kommen schlechte Erfahrungen mit Behörden, die zu einer grundsätzlichen Ablehnung führen, überhaupt einen Antrag zu stellen oder ein begonnenes Verfahren weiterzuführen.
Andere Betroffene finden alternative Wege, um über die Runden zu kommen: Unterstützung durch Familie, der Rückgriff auf Ersparnisse oder informelle Arbeit. Manche wissen schlicht nicht, dass sie anspruchsberechtigt wären – oder sie fühlen sich vom Dickicht der Leistungen überfordert.
Scham, Angst – und ein abschreckendes öffentliches Bild
Neben praktischen Hürden spielen emotionale Faktoren eine entscheidende Rolle. Scham und Angst sind zentrale Gründe, warum Menschen auf Unterstützung verzichten, so der Bericht. Um diese Motive besser zu verstehen, ließ die Bundesregierung eigens qualitative Studien durchführen. In Gesprächen mit Forschenden schilderten Betroffene, sie wollten nicht als „Bittsteller“ gelten oder als „Sozialschmarotzer“ abgestempelt werden. Andere fürchteten, im eigenen Umfeld als gescheitert zu gelten. Manche verwiesen ausdrücklich auf ihren Stolz, auch mit sehr wenig auszukommen.
Verstärkt wird dieses Gefühl offenbar durch das negative Image des Bürgergelds in der öffentlichen Debatte. Mehrere Befragte nannten politische Aussagen und mediale Berichterstattung als Gründe für ihre Zurückhaltung. Sozialberaterinnen und Sozialberater bestätigten diesen Eindruck. Die scharfe Rhetorik rund um das Bürgergeld habe bei vielen Menschen das Schamgefühl verstärkt. Besonders betroffen seien jene, die jahrzehntelang gearbeitet hätten und sich nun nicht mit Leistungsbeziehern identifizieren wollten.
Wie sich die Hemmschwelle senken ließe
Der Bericht belässt es nicht bei der Analyse, sondern zeigt auch mögliche Auswege auf – unter anderem mit Blick ins Ausland. In Schweden etwa wurden Rentner gezielt angesprochen, allerdings ohne Stigmatisierung. Behörden warben dort mit Sätzen wie: „280 000 Rentner beziehen Wohngeld – gehören Sie auch dazu?“ Andere erhielten konkrete Beispielrechnungen, die veranschaulichten, wie sehr die Unterstützung helfen könnte.
Der Effekt war deutlich: Die Zahl der Anträge stieg spürbar. Der Ansatz dahinter ist einfach – und wirkungsvoll. Wer staatliche Hilfe als legitimen Anspruch vermittelt, nicht als Almosen, senkt die Schwelle. Und erreicht genau jene, für die der Sozialstaat eigentlich gedacht ist.
Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zum Nachlesen unter: www.armuts-und-reichtumsbericht.de
