Bremer Platz – Neugestaltung
Von Jan Rinke
Ein Jahr nach der Eröffnung der Neugestaltung des Bremer Platzes treffen wir die Mitarbeitenden der aufsuchenden Quartiersarbeit Ann Christin Schrey und Quartiersmanager Stefan Scholz zum Gespräch. Für beide ist ihrer Erfahrungen nach der Jahrestag „auf jeden Fall!“ ein Grund zum Feiern
Als Besonderheit heben sie den bundesweit beachteten Ansatz zur ‚Akzeptanzfläche‘ für die Drogenszene hervor. Während in einer Entwurfsskizze zur Platzgestaltung dieser Ort als ‚Kommunikationsfläche‘ benannt wurde, sehen die Mitarbeiter:Innen der Quartiersarbeit den definierten Szenebereich als Begegnungsort, wo sich Menschen herzlich begrüßen, ihr soziales Miteinander pflegen, aber auch Konflikte austragen.

Auf die Verabredung wartend sucht jetzt der Autor einen Sitzplatz außerhalb dieser Zone, weil er merkt, dass Menschen dort ihre, für andere ungewöhnliche Art des „Zuhauses-Seins“ leben. Denn auch er selber würde nicht wollen, dass jemand ungefragt durch sein Gartentor oder in seine Wohnung geht. Das Wort ‚Wohnen‘ hat seine Wurzeln in alt- und mittelhochdeutschen Begriffen für „sich aufhalten, bleiben“. Goethes Satz „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“, kommt einem in den Sinn. Aber genauso fühlt sich auch die Bevölkerungsmehrheit von der weiten parkartigen Fläche angesprochen.
Inzwischen besuchen Menschen den Platz, statt ihn zu meiden. Etwa Nutzer*innen der Calesthenics-Anlage für Kraft und Ausdauersport und der Sportbox im südlichen Platzbereich. Diese Aufenthalts- und Bewegungsfläche wird auch genutzt und eingebunden in den Unterricht der benachbarten Montessori-Schule. Der Platz öffnet sich so auch für Kinder. Anstatt vor ihm geschützt zu werden, nutzen sie ihn selbstbewusst und lernen damit auch ein Stück gesellschaftliche Vielfalt kennen.
Hier zeigt sich einer der vielen Perspektivwechsel des ersten Jahres am neuen Bremer Platz, von denen sich die Stadt noch viele weitere wünscht. Um zusammen einmal einen Imagewandel zu einem beliebten Stadtplatz zu schaffen, bei dem nicht zuerst an „Drogenszene“ gedacht wird.

Ein Gradmesser für die Akzeptanz des Platzes könnte sein, ob Immi’s Kaffeebar am südlichen Ende des Platzes mit seinem Nachmittagsangebot von Mittwoch bis Freitag dieses Jahr überlebt. Es ist dem Barista zu wünschen und denen, die den Platz zur Kaffeezeit in der Sonne genießen. Vielleicht kann ja die Sperre-Leserschaft zum Umsatz beitragen. Ein kleiner Perspektivwechsel überraschte, als eine Anwohnerin eine praktische Idee einbrachte. Die als Behelf aufgestellten Wetter- und Konsumschutzcontainer sollten benutzerfreundlicher gestaltet werden. Weil sie versteht, dass eine szenegerechte Situation ihr als Nachbarin auch zugutekommt. Es geht um Respekt. Respekt, den auch Menschen aus der Szene für die Neugestaltung zeigen, wenn sie, als „Cleanies“ oder „Platte-Putzer“, auf die Mitarbeiter der Sozialarbeit treffen.
Alle suchen noch einen Begriff für diesen Ort in der Stadt. Aus der Struktur gemeinsamer Aktivität könnte im besten Fall erwachsen, dass auch „die Szene“ mit am dreimonatlich tagenden Runden Tisch der vielfältigen Interessengruppen des Viertels sitzen wird. Dann wären auch die Menschen in die Gesellschaft zurückgekehrt, so wie der Platz in die Stadt. Der Weg ist noch weit, aber ermutigende Schritte sind gegangen, wenn auch nicht von allen wahrgenommen. Nach einem möglichen neuen Namen für den Platz gefragt antwortet Scholz: „Platz für Alle“. Dieser Titel des Wettbewerbsentwurfs war offenbar kein naiver Wunsch; der erste Geburtstag dieses lebendigen Platzes ist ein Grund zu feiern! Die Sperre gratuliert und verfolgt den Wandel weiter.
