aus dem Magazin Wohnen

Wohnungssuche schwer gemacht

Aus der Sperre Sommer 2018

Wenn arbeitslose Menschen ein neues Zuhause suchen,
müssen sie leider was erleben

Als Endstand ein 0:0 ist nicht nur bei einem wichtigen Fußballspiel ein unbefriedigendes Ergebnis. Auch bei der Wohnungssuche ist es mehr als frustrierend, wenn am Ende ‚die 0 steht‘. Folgend ein wahrer Erlebnisbericht von einem fiktiven Arbeitslosengeld-II-Empfänger oder anders ausgedrückt: Wie aus 181 – 172 = 0 wird.

Fast 14 Millionen Umzüge finden jährlich in Deutschland statt. Dabei hat das westfälische Münster – im Vergleich der 20 größten deutschen Städte – mit 11,1 % im Jahr 2016 sogar die höchste Umzugsquote. Wie reibungslos funktioniert aber die Wohnungssuche für die Menschen, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger sind? Alles Friede, Freude, Eierkuchen bei der Suche?

Sozialbüro sic spielt RTL

Was der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff für den Schmuddelsender RTL kann, schafft das Sozialbüro sic an der Achtermannstraße 10–12 mit links. Darf ich mich vorstellen? Hallo allerseits, mein Name ist Thomas Müller. Ich bin aber weder Fußballspieler beim Rekordmeister FC Bayern München noch besitze ich ein schönes freistehendes Einfamilienhaus im flächenmäßig größten Bundesland von Deutschland. Nein, davon kann ich aktuell nur träumen. Stattdessen wohne ich in Münster und bin ein normaler 08/15-Durchschnittsdeutscher. 38 Jahre habe ich auf diesem Erdball überlebt, bin ledig, habe weder Kinder noch Hund, Katze, Maus und bin überzeugter Nichtraucher. Für meine Rolle als fiktiver Arbeitslosengeld-II-Empfänger habe ich mich 6 Wochen lang als gelernter Bürokaufmann ausgegeben, der sich nicht nur auf Arbeitsplatzsuche befindet, sondern auch eine neue und passende Unterkunft sucht. Oder wie es das Sozialgesetzbuch (SGB) vorschreibt: eine „angemessene“ (§ 22 Absatz 1 SGB II).

Woche 1, Tag 1:
Hoch motiviert, voller Tatendrang und Mathematik für Dummies

Die Suche beginnt. Heute ist der Startpunkt, um eine neue Wohnung in der Stadt zu finden, die im Jahr 2004 zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt wurde. Um meine Chancen auf eine neue Wohnung zu erhöhen, suche ich mir in den unendlichen Weiten des Internets nicht irgendeine Plattform, sondern wähle das Portal ImmobilienScout24, welches – laut eigener Aussage – „das führende Immobilienportal im deutschsprachigen Internet und die Nr. 1 rund um Immobilien“ ist. Was soll da noch schiefgehen? Die Umzugshelfer können schon organisiert werden, oder?!
Schnell noch eben alle wichtigen Eckpunkte in die Suchmaske eingeben: „Mieten“, „Münster (Nordrhein-Westfalen)“, „Wohnung“ und „ab 1 Zimmer“. Ergebnis: 181 Treffer. Fantastisch, das sieht doch gut aus! Oh, Moment mal. Ups, fast vergessen: Die neue Unterkunft soll ja, nein, sie muss sogar „angemessen“ sein. Seit dem 1. September 2017 gilt für das Stadtgebiet Münster eine Angemessenheitsgrenze von 465,50 Euro (1 Person im Haushalt). Folge: Von den ehemals 181 Treffern bleiben nur noch 9 (!) winzige Treffer übrig! Somit weniger als 5 %! Nach dem eitel Sonnenschein ist nun ein schweres Unwetter aufgezogen. Ein reinigendes Gewitter lässt die Welt aber auch nicht untergehen. Na gut. Besser 9 Treffer als 0. Oh, Moment mal. Ups, fast übersehen: Was steht da in den Wohnungsangeboten? „Nur männliche katholische Studenten als Mieter“. Aus 9 Treffern werden 8. „Diese Wohnung soll bevorzugt an Studenten vergeben werden, die bereit sind, in Haus und Garten mitzuhelfen (zum Beispiel Rasen mähen, kleine Hilfen im Haus und Garten)“. Aus 8 Treffern werden 7. „Nur berufstätige Einzelperson und nur Wochenendfahrer“. Aus 7 Treffern werden 6. „Wir weisen vorab darauf hin, dass vermieterseitig ausschließlich eine berufstätige Einzelperson gesucht wird. Die Mietzahlung durch die Stadt Münster ist nicht möglich“. Aus 6 Treffern werden 5.
Macht am Ende 5 Wohnungen, auf die ich mich bewerben kann. 3 Anbieter antworten gar nicht auf meine Kontaktanfrage, von den 2 anderen bekomme ich eine direkte Absage. „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass das Objekt anderweitig vergeben wird“, lautet die eine enttäuschende Rückmeldung. „Die Wohnung wird nur an berufstätige Personen vermietet und daher kann ich Ihnen leider keinen Besichtigungstermin anbieten“, so die ernüchternde andere Antwort.
Zusammenfassung: 181 theoretische Wohnungen in Münster, davon aber nicht mehr als 9 „angemessene“, wovon aber nur 5 auch tatsächlich möglich gewesen wären. Auf die 5 Bewerbungen erhalte ich in 3 Fällen keine Rückmeldung und 2 eindeutige Absagen. Endergebnis: 181 – 172 = 0. Ernüchterung Teil 1.

Woche 1 bis 3:
Erste Fragezeichen, leise Zweifel und Betrüger am Werk

Die nächsten Tage und Wochen sollten keine wirkliche Verbesserung bringen, sondern noch zusätzliche Schwierigkeiten hinzukommen. Aber ein mögliches Erfolgserlebnis ist in Sichtweite … oder etwa nicht?!
Endlich wieder neue Nachrichten auf meine Wohnungsanfragen. Die Unterkünfte sind „angemessen“ und auch sonst wären diese Wohnungen passend … wenn sie denn überhaupt existieren. Diesmal sind nämlich die Antworten seltsamerweise in Englisch verfasst und die Anbieter halten sich – laut eigener Aussage – zurzeit auch nicht in Deutschland auf. Ich soll direkt 1000 Euro Kaution überweisen und schon gehörte eine der Wohnungen mir. Wer hier nicht hellhörig wird, glaubt auch immer noch an den Weihnachtsmann. Wie erwartet meldet sich einen Tag später ImmobilienScout24 und warnt dringend davor: „Das Angebot wurde von einem potentiellen Betrüger eingestellt und daher unverzüglich nach Bekanntwerden von uns deaktiviert“. Diese Nachricht kommt in mehrfacher Ausführung, sodass sich alle – im ersten Moment – passenden Wohnungen als Niete herausstellen. Wieder nichts. Ernüchterung Teil 2.

Woche 4 bis 6:
Mehr als Drei ???, unübersehbare Zweifel und schlaflose Nächte

In der letzten Hälfte meiner Recherche werden die Zweifel immer größer, ob es überhaupt möglich ist, als Arbeitslosengeld-II-Empfänger eine „angemessene“ Unterkunft in Münster zu finden. Aber ein paar tatsächliche Erfolgserlebnisse treten ein … jedoch nur für ein paar Stunden.
Abends um kurz vor 22:00 Uhr schreibt ein Anbieter auf meine Anfrage: „Können Sie mich bitte unter 0251 XXXXXXX oder 0175 XXXXXXX zurückrufen“. Am nächsten Morgen um kurz vor 10:00 Uhr meldet sich der gleiche Anbieter mit der folgenden Nachricht: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass das Objekt anderweitig vergeben wird“. Anscheinend darf man während der anstrengenden Wohnungssuche nicht die Dreistigkeit besitzen, in der Nacht ein paar Stunden schlafen zu gehen. Entschuldigung, mein Fehler. Kommt nicht wieder vor.
Aber jetzt. Endlich. Ich bekomme eine positive Nachricht und mir wird mitgeteilt, dass ich eine Einladung zu einem Besichtigungstermin erhalte. Yabba Dabba Doo! Es geht doch. Weihnachten und Ostern an einem Tag. Ich bin fast am Ziel. Oh, Moment mal. Ups, fast überlesen: Da steht ja noch ein Hinweis vom Immobilienmakler, was alles zu der Besichtigung mitzubringen ist. Folgendes wird verlangt: „Letzten drei Gehaltsabrechnungen“, „Schufa- beziehungsweise Solvenzauskunft“, „Nachweis Haftpflichtversicherung“, „Kopien der Personalausweise“ und die sogenannte „Mieterselbstauskunft“, die auch abzugeben ist. Okay. Das wird wohl doch nichts. Ernüchterung Teil 3.

Woche 6, letzter Tag:
Frustration, Verzweiflung und Ernüchterung Teil 048

Der Frust sitzt tief, die Verzweiflung ist groß, weitere Betrüger melden sich bei mir und ich sehe immer mehr Wohnungsangebote, die mit Bedingungen aufwarten, die für die Mehrheit der Arbeitslosengeld-II-Empfänger so gut wie nicht zu erfüllen sind: „In dieser schönen Wohnung befinden sich einige maßangefertigte Möbelstücke, die für 4000 Euro abgekauft werden müssen“. Kein Problem. Gerne … nach den nächsten 6 Richtigen plus Superzahl plus abgeschaffter Zusatzzahl im Lotto. Ernüchterung Teil 048.

Fazit der sechswöchigen Recherche: Ja, es gibt genügend freie Wohnungen in Münster – doch nur auf den ersten Blick. Durch die niedrige Angemessenheitsgrenze fallen aber jedes Mal über 95 % der Wohnungsangebote weg, da der Großteil dieser Unterkünfte zu teuer und somit nicht „angemessen“ ist. Wer langfristig oder auch nur vorübergehend Arbeitslosengeld II empfängt, sieht sich mit zahlreichen Unwägbarkeiten konfrontiert und muss hohe Hürden überwinden, um am Ende zu einer geeigneten Wohnung zu kommen. Auf den Punkt gebracht: Es gibt deutlich zu wenige „angemessene“ Unterkünfte! Traurig, aber wahr.

Aktuelle Studien und Forschungsergebnisse bestätigen den traurigen Trend

Auch aktuelle Studien zu diesem Themen bestätigen den offensichtlichen Trend. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem April 2018 kommt zu ähnlichen Ergebnissen und stellt fest, dass „es in gefragten Studentenstädten wie Freiburg, Regensburg, Münster oder Aachen am schwierigsten [ist], eine bezahlbare Wohnung zu finden“. Ebenso weist die Studie darauf hin: „So haben maximal 40 % unter den armutsgefährdeten Haushalten in sämtlichen Millionenstädten, aber auch in zahlreichen anderen Orten wie […] Münster […], eine für sie bezahlbare Wohnung“.

„Wohnst du noch oder lebst du schon?“
(Schwedisches Einrichtungshaus)

Einer der bekanntesten Werbeslogans eines großen schwedischen Einrichtungshauses lautet: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“. Würde ich tatsächlich Thomas Müller heißen und Arbeitslosengeld-II-Empfänger sein, müsste die Antwort lauten: weder noch. Ich suche schon und ich suche noch. Die 0 steht noch immer. Irgendwie traurig für die – ehemals – lebenswerteste Stadt der Welt.

 

Übersichtstabelle (Stadtgebiet Münster)

 

 

 

 

 

 

Quelle: Stadt Münster (2018): Höhe der Leistungen zum Lebensunterhalt. Bedarfe für Unterkunft und Heizung.

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Daniel Krull

„Mädchen für alles“ sowie Redakteur und Autor bei der Broschüre „fast umsonst – mit dabei! Münster-Ratgeber für ein preiswertes Leben“ als auch Redakteur und Autor bei „SPERRE – Münsters Magazin für Arbeit, Soziales & Kultur“
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