Rund um Münster

Vom Umgang mit Kriegerdenkmälern – Ein Vergleich verschiedener Perspektiven, Themenabend im Stadtarchiv

Am 25. April 2019 referierte Maximilian Twickler, Lehrkraft am Institut für Didaktik der Geschichte an der Uni Münster, im Stadtarchiv über den Umgang mit Kriegerdenkmälern im Münsterland.

Der Vortrag war in die Themenabende des Stadtarchivs für dieses Jahr mit aufgenommen worden, da der Rat und damit die Stadt Münster den Auftrag haben, sich dieses Jahr mit der Erarbeitung eines neuen Konzeptes zur Gedenk- und Erinnerungskultur in Münster zu befassen:

„Die Verwaltung wird beauftragt, auf der Grundlage einer gutachterlichen Untersuchung der Krieger- und Ehrenmale in Münster, zu Beginn des Jahres 2019 einen Diskussionsprozess zu unterschiedlichen Formen des Umgangs mit Erinnerungsabsichten von (Krieger-)Denkmälern in Münsters öffentlichem Raum zu initiieren.“

Ratsantrag „Zum Umgang mit Kriegerdenkmälern im öffentlichen Raum der Stadt Münster – Erarbeitung eines neuen Konzeptes zur Gedenk- und Erinnerungskultur“, V/0147/2018, beschlossen am 16.05.2018.

Der Referent Twickler sieht das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der Kriege und Denkmale. Dabei gab es einen Vorlauf im Nachgang der Einigungskriege bis 1870/71. In der Zeit danach wurden viele National- und Kriegerdenkmale als „politische Sinnstiftung des Soldatentums“ errichtet.

Die Hochzeiten war dagegen nach dem Ersten Weltkrieg mit Denkmälern, die christlich geprägt waren und Trauer über die Toten des ersten Weltkrieges ausdrücken sollten, und nach 1929 mit Denkmälern, die profanen Trost, aber vor allem auch „Trotz“ widerspiegelten.

Am 25. April 2019 referierte Maximilian Twickler, Lehrkraft am Institut für Didaktik der Geschichte an der Uni Münster, im Stadtarchiv über den Umgang mit Kriegerdenkmälern im Münsterland. Foto: Jan Große Nobis / Die Sperre

Letztere waren der allgemeinen Rechtsentwicklung dieser Zeit und den Initiativen von Soldatenverbänden geschuldet. Sie forderten „Opfer für das Vaterland“ als „totalitäre Deutung des Vaterlandes“ und hielten das Heldengedenken hoch.

Symbole dieser Denkmale waren das „Eiserne Kreuz“, Lorbeer-Kränze, Schwerter und Regimentsfahnen. Als Figuren hatten Soldaten die Trauernden ersetzt. Heraus kam eine Heroisierung und „pathetische Verherrlichung des Frontkampfes“!

Dabei sieht Twickler eine Inversionslogik am Werk. Die Kriegsschuld und -niederlage wird dadurch verdrängt. Als Rechtfertigungsbemühen sieht er daher die Glorifizierung des Krieges und Verehrung des „Heldentums für das Vaterland zu sterben“. Dabei fragt Twickler: „War hiermit schon der Übergang zum Nationalsozialismus längst vollzogen?“

Daher sieht er drei Motive der Kriegerdenkmale als problematisch: Revanchismus, Nationalismus und Chauvinismus.

Im Rahmen des Ratsauftrags soll am 6. Juni 2019 ein Runder Tisch zum Thema stattfinden. Am 6. Juli wird das Stadtarchiv einen Informationstag bei der Grünflächenunterhaltung organisieren. Dabei werden Fachleute an jedem Denkmal Informationen zur Geschichte und Diskussion zur Verfügung stellen. Am 1. September bietet die Geschichtsgruppe eine Radführung zu den Denkmälern an.

Als Beispiele des kritischen Umgangs mit Kriegerdenkmalen nennt er die Verhüllung des Train-Denkmals durch AK Afrik 1982 als „Schandmal“ und die Proteste der Friedensbewegung in den 80igern [und auch 2000ern] gegen die Feierlichkeiten am Volkstrauertag am Dreizehner Denkmal.

Das Train-Denkmal…

…stand und steht in der Kritik, da dort der drei gefallenen Soldaten gedenkt wird, die an der Unterdrückung des Boxer-Aufstandes in China 1901 und am Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch Südwestafrika (heute Namibia) 1905-06 beteiligt waren.

Die Diskussion begann damit, dass 1982 der AK Afrik das Denkmal, das sie „Schandmal“ nannten, verhüllte. Erst 2010 fand die Diskussion mit der Anbringung einer städtischen Info-Tafel den Abschluss. Doch die Kritik hielt und hält an: Denn der Völkermord an den Herero und Nama wird auch auf der Info-Tafel nicht benannt.

Auch das „auch“ im Text auf der Info-Tafel ist umstritten: Das „auch“ in „Wir gedenken auch der zehntausend Toten der unterdrückten Völker“. Foto: Jan Große Nobis

Das Dreizehner-Denkmal…

…steht in der Kritik, da dort an die NS-Ideologie erinnernde Sinnsprüche verewigt sind: „Ehre den Toten / beider Weltkriege / Treue um Treue“ ist auf diesem Denkmal zu lesen – letzterer Teil erinnert sehr an das Motto der SS „Meine Ehre heißt Treue“.

Die Protestierenden hatten auch kritisiert, dass an den Volkstrauertags-Feierlichkeiten auch rechte Burschenschaften und der rechtslastige Bund der Vertriebenen beteiligt waren.

Inzwischen hat die Stadt Münster 2016 das Volkstrauertags-Gedenken in den Rathaus-Innenhof verlegt: „Hintergrund ist die Entscheidung der Bundeswehr , die Verwendung des Wahlspruchs „Treue um Treue“ – der auch auf dem Dreizehner-Denkmal zu finden ist – zu verbieten. Er war unter anderem von Truppenteilen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verwendet worden. Für Gedenkfeiern sei er daher „unwürdig“, so die Bundeswehr.“
Westfälische Nachrichten vom 21.04.2016.

Als weitere Beispiele der Auseinandersetzung mit den Denkmalen stellte Twickler das „Momentary Monument – The Stone“ der Skulpturen-Ausstellung 2017 dar, dass von der Künstlerin Lara Favaretto als Gegenpol zum Train-Denkmal entworfen worden war und Spenden für den Protest gegen das Abschiebegefängnis in Büren sammelte.

Das Dreizehner Denkmal ein paar Tage nach dem Volkstrauertag 2013. Foto: Jan Große Nobis

Die Diskussion im Stadtrat nahm wieder Fahrt auf, nachdem zunächst Die Linke und später die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Anträge stellten:

Die Linke beantragte 2016 in ihrem Antrag „Münsters Kriegerdenkmäler kritisch aufarbeiten!“ ein Gutachten zu erstellen, dass „die Kriegerdenkmäler in Münster systematisch im Hinblick auf Kriegsverherrlichung, Heldenverehrung, Militarismus, Nationalismus, Revanchismus und Kolonialismus identifiziert und aufzeigt, wie sich jeweils diese Aspekte auch geschichtlich darstellen.“

Des Weiteren sollen die Rahmenbedingungen geprüft werden, bei welchen Denkmälern „geeignete Flächen für ein ‚Gegendenkmal‘“ oder eine Info-Tafel vorhanden sind, welche versetzt werden können. Es solle geprüft werden, „ob es eine städtische Fläche gibt, die als ‚Freilichtmuseum‘ für ‚ausgemusterte‘ Kriegerdenkmäler dienen könnte“. In der Presse sei der Vorschlag eines Freilichtmuseums als „Friedhof der Denkmäler“ diffamiert worden.

2017 regte die GfbV an, die Info-Tafel am Train-Denkmal zu überarbeiten, da die Tafel „formal und inhaltlich“ nicht ausreichend sei. Es werde nicht einmal der zwingend nötige Begriff „Völkermord“ benutzt.

2018 regte die BV Mitte an, dass nach einer öffentlichen Anhörung die Verwaltung aus den Ergebnissen ein Konzept zum zukünftigen Umgang mit solchen Denkmälern entwickelt.

Aus dieser Diskussion im Stadtrat erfolgte dann die Zusammenfassung dieser Anträge in oben genanntem Antrag.

Abschließend stellte Twickler in seinem Vortrag fünf Vorgehensweisen vor:

a) „Denkmal als unveränderte Zeugnisse“

Das Denkmal soll sich unverändert der Geschichte stellen.

Diese Position sei zwar nachvollziehbar, aber problematisch.

Es fange schon mit Pflege und Restaurierungen an und höre mit dem Wunsch nach historischer Einordnung auf.

b) Information oder Interpretation

Verweise per QR-Codes auf Webseiten, die die Denkmäler historisch einordnen. Die Stadt könne dann eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem Thema durchführen. Die Stadt Münster habe schon die Grundlage geschaffen mit der Dokumentation der Denkmale auf der stadt-eigenen Webseite: „Erinnern im öffentlichen Raum: Kriegerdenkmäler – Ehrenmale – Mahnmale und Kriegsgräberstätten in Münster“.

c) Künstlerische Ergänzung

Eine künstlerische Ergänzung ist z.B. die Skulptur „Steinbänke“ von Jenny Holzer als Kontrapunkt zum Kriegerdenkmal „Stehender Soldat“. Siehe auch: Denkmal des 2. Westfälischen Feldartillerie-Regiments Nr. 22 – „Stehender Soldat“, dazu: Steinbänke von Jenny Holzer.

Der Autor dieser Zeilen träumt ja davon, dass die Stadt Münster einen jährlichen Skulpturen-Wettbewerb durchführen würde, um den zehn problematischsten Kriegerdenkmälern jeweils einen antimilitaristischen und/oder antifaschistischen Kontrapunkt als Skulptur zu geben.

d) Umwidmung durch Ergänzung

Hier nennt er ein Beispiel aus Rinkerode, wo ein Kriegerdenkmal 1987 durch eine Plakette mit einem Sinnspruch aus Richard Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1995 ergänzt wurde: „Es gibt keine Versöhnung ohne Erinnerung“.

e) Abriss

Den Abriss sah der Referent als die schlechteste Möglichkeit. Denn: Man müsse sich mit der Historie auseinandersetzen, um sie nicht zu wiederholen.

Insofern sieht Twickler die Optionen b) bis d) als gangbare Möglichkeiten, sich mit den historischen Denkmälern gegenwartsbezogen auseinander zu setzen.

Weitere Informationen:

Webseite des Stadtarchivs: „Erinnern im öffentlichen Raum: Kriegerdenkmäler – Ehrenmale – Mahnmale und Kriegsgräberstätten in Münster“ und weitere Themenabende des Stadtarchivs.

Von dem Autor dieses Artikels: Between war and peace –  Denk‘mal in Münster. Eine Ausstellungsdokumentation.

Jan Große Nobis
Follow me
Letzte Artikel von Jan Große Nobis (Alle anzeigen)