Rund um Münster

„Uns bleibt neben dem Vermächtnis zur Einheitsgewerkschaft der Kampf für Freiheit und Demokratie“

Gedenken an Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933

Am 2. Mai 1933, wurden reichsweit Gewerkschaftshäuser des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) durch die Nationalsozialisten besetzt. SA und SS stürmten die Gewerkschaftshäuser und viele Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden daraufhin inhaftiert, gefoltert, deportiert und ermordet – sofern sie nicht bereits untergetaucht oder ins Exil gegangen waren. Die Aus- und Gleichschaltung der Arbeitervertretungen begann. An die Stelle der Gewerkschaften setzten die Nationalsozialisten die Deutsche Arbeitsfront und das „Gesetz zur Ordnung der Nationalen Arbeit“.

In Münster wurden damals die Gewerkschaftssekretäre Fritz Niemeyer, Michael Wenig, Friedel Rabe, Fritz Schmidt in „Schutzhaft“ genommen. Einige von Ihnen wurden zur Zwangsarbeit gezwungen.

Im Interview erzählt Carsten Peters, DGB-Vorstand in Münster, von den damaligen Geschehnissen und was für ihn und die Gewerkschaftsarbeit daraus zu folgern ist.

Jan Große Nobis: Hallo Carsten, Ihr habt am 2. Mai erneut an ehemaligen Gewerkschaftshaus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds in der Dammstraße der Zerschlagung der Gewerkschaften im Jahr 1933 gedacht. Was ist der historische Hintergrund?

Carsten Peters: Hier hat die Erstürmung 1933 stattgefunden, nach bereits zahlreichen Überfällen vorher. Es geht darum zu erinnern, was 1933 und den Jahren zuvor stattgefunden hat. Münster war damals nicht die „Insel der Glückseligen“. Es gab vor allem zu Beginn der 20er Jahre zahlreiche rechte Gruppierungen, die republikfeindlich agierten. Die „schwarze Reichswehr“ war hier ebenfalls aktiv. Es gibt Hinweise darauf, dass auch die Geheimorganisation „Consul“ eine Kommandostelle hatte, die für die Ermordung von Außenminister Rathenau (Deutsche Demokratische Partei) verantwortlich war. Die NSDAP führte ab 1931 zahlreiche Großveranstaltungen durch und bekam seither immer mehr Zulauf.

Jan Große Nobis: Was ist damals in Münster passiert?

Carsten Peters: Am 31.03.1933 wurde das Haus zum ersten Mal besetzt. 60 Polizisten und zwei Kriminalbeamte leiteten die Durchsuchung, an deren Ende Fahnen, Mobiliar und Unterlagen zerstört bzw. auf der Wiese vor dem Haus verbrannt wurden und Hakenkreuzfahne auf dem Dach gehisst wurde. Zahlreiche SA-Mitglieder waren inzwischen zu Hilfspolizisten ernannt und in den Polizeidienst eingegliedert worden. Das Haus blieb bis zum 7.4. versiegelt, danach mussten die Kolleg*innen unter Polizeiaufsicht weiterarbeiten. Die Gewerkschaften forderten eine Rechtsstaatlichkeit ein, die es schon nicht mehr gab. Der 1.Mai wurde zum „Tag der nationalen Arbeit“ ernannt, am Tag danach die freien Gewerkschaften zerschlagen, die Kollegen verhaftet und gefoltert – in einem Keller Nähe der Mariensäule. Der 1.Mai wurde dann vom Tag der Solidarität, Freiheit und sozialen Gerechtigkeit zur Waffenschau, zum Tag der auf den kommenden Krieg vorbereiten sollte.

Carsten Peters hält die Gedenkrede zur Zerschlagung der Gewerkschaften in Münster 1933. Foto: Jan Große Nobis

Jan Große Nobis: Seit wann gedenkt Ihr der Zerschlagung der Gewerkschaften?

Carsten Peters: Seit 2008, 2013 haben wir die Gedenktafel angebracht.

Jan Große Nobis: Auch heute instrumentalisieren Rechte den 1. Mai zu ihren Zwecken. Wie ist heute die Situation?

Carsten Peters: AfD, der „III. Weg“, die Rechte“ und andere extrem rechte Gruppen marschierten in diesem Jahr auf. In Plauen marschierte der „III. Weg“ als SA-Formation auf, die Versammlungsbehörde gestattete den Einsatz von Fackeln. Es geht ihnen darum den Tag der Arbeit, den Tag der Gewerkschaften von rechts zu besetzen. Analog zum Versuch der NSDAP die Arbeiter*innen für den Faschismus zu begeistern und zu instrumentalisieren.

Jan Große Nobis: Du hast vor fünf Jahren auf der Gedenkveranstaltung den Versammelten „Wehret den Anfängen!“ zugerufen. Sind wir noch vor den „Anfängen“?

Carsten Peters: Die politische Landschaft hat sich verändert. Mit der AfD ist eine extrem rechte Partei in alle Landtage und den Bundestag eingezogen. Der Rechtsruck ist spürbar und dieser Entwicklung müssen wir entgegen treten. Menschenverachtung, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie und Sozialabbau haben Platz in den Parlamenten genommen und versuchen den Diskurs weiter nach rechts zu verschieben. Die AfD ist keine demokratische Partei, deswegen darf es mit ihr auch keine parlamentarische Zusammenarbeit geben. Die Normalisierungsstrategie der AfD darf nicht aufgehen.

Die kleine, aber feine Gedenkkundgebung. Foto: Jan Große Nobis

Jan Große Nobis: In Münster hatte die AfD bei den letzten Bundestagswahlen „nur“ knapp 5 Prozent der Stimmen bekommen. Was ist an Münster so besonders?

Carsten Peters: Es gibt hier viele aktive antifaschistische und zivilgesellschaftliche Organisationen, die nicht „nur“ gegen die AfD etwas tun, sondern zugleich für Demokratie, Freiheit, gleiche Rechte kämpfen und sich für Geflüchtete einsetzen. Zudem gibt es bei den öffentlich bekannten AfD- Veranstaltungen stets massive Proteste und Aktivitäten im Südviertel, wo die AfD ihr Büro hat. Es ist wichtig dafür zu sorgen, dass die Normalisierungsstrategie der AfD nicht aufgeht, da sie keine demokratische Partei ist. Auch 4,9% sind Zuviel.

Jan Große Nobis: Wie ist das Verhältnis der Gewerkschaften zum Thema Antifaschismus?

Carsten Peters: Die Gewerkschaften haben bereits in der Weimarer Republik gegen den Faschismus gekämpft, die „Eiserne Front“ war der gemeinsame Zusammenschluss. Das Erbe der alten Arbeiter- und Angestelltenbewegung ist für den DGB konstituierend gewesen, ebenso wie die Einheitsgewerkschaft, um eine Zersplitterung der Kräfte zu vermeiden. Der DGB ist im Bündnis „Keinen Meter den Nazis“ von Anfang an dabei gewesen wie auch bei den Vorgängerbündnissen. Uns ist dabei wichtig, dass es zu breiten gesellschaftlichen antifaschistischen Bündnissen kommt, an deren unterschiedlichen Aktivitäten sich möglichst Viele beteiligen können. Wir sind auch bei den Gedenkaktivitäten am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, dabei.

Jan Große Nobis: Es stehen am 26. Mai Europa-Wahlen an. Was wollen Gewerkschaften in Europa dem Rechtstrend entgegen setzen?

Carsten Peters: Zunächst einmal rufen wir zur Wahl auf und werben auf unseren Veranstaltungen und Betriebsversammlungen. Wir werben für ein soziales Europa: Existenzsichernde Mindestlöhne in ganz Europa, Austrocknung der Steueroasen und eine Finanztransaktionssteuer, um einen Marschall-Plan für Europa, um Beschäftigung und soziale Sicherung zu finanzieren. Wir wollen eine soziale und wirtschaftlich sinnvolle Politik als Alternative zur bisherigen Austeritätspolitik: mehr öffentliche Investitionen, um Arbeit und Beschäftigung zu fördern. Zugleich kämpfen wir gegen die Beschlüsse zur Aufrüstung, also keine 2% des Bruttoinlandsproduktes hierfür zu investieren. Und wir setzen uns ein für eine humane Flüchtlingspolitik.

Jan Große Nobis: Danke für das Gespräch!

Zum Weiterlesen veröffentlichen wir hier Carsten Peters Rede als PDF-Download.

Weitere Infos:

MünsterTube zur Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 in Münster (Mit Video der Rede).

Jan Große Nobis
Follow me
Letzte Artikel von Jan Große Nobis (Alle anzeigen)