aus dem Magazin

Tafel ganz speziell

Tafel1
Immer mehr Menschen in Deutschland müssen sich von den Ehrenamtlichen der „Tafeln“ ernähren lassen. Arbeitslose. Rentner. Alleinerziehende. Flüchtlinge  

Inzwischen tauchen schon Studenten bei den Verteilstellen auf, weil der WG-Kühlschrank leer ist. Hartz IV, Rente, BAföG – wer auf Geld vom Staat angewiesen ist, kommt selten bis zum Monatsende über die Runden. Der Preis für Strom und Heizung steigt unerbittlich, Obst, Brot und Gemüse sind kaum noch zu bezahlen. Die rund 1000 Tafeln sind für alle, die in solchen Kalamitäten stecken, ein Segen. Der Bedarf ist riesig, die Tafeln können die Nachfrage kaum befriedigen. Geschätzt anderthalb Millionen Deutsche kommen regelmäßig zu den Ausgabestellen. In Münster sind es laut Lokalpresse 13000, die von dem satt werden, was andere nicht mehr essen mögen. „In Deutschland werden täglich viele Tonnen Lebensmittel vernichtet, obwohl sie noch verzehrfähig sind. Gleichzeitig gibt es auch hierzulande Millionen Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben“, schreibt der „Bundesverband der Tafeln“ auf seiner Homepage.

50% ALLER LEBENSMITTEL WERDEN WECKGEWORFEN

Weltweit landen jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel im Müll, schätzen die Vereinten Nationen. Nur zum Vergleich: Das ist eine Menge, die viermal größer ist als der gesamte Warenumschlag in Rotterdam, dem größten Hafen in Europa! Alle Hungernden der Welt könnten damit satt werden, so der sehenswerte Film „Taste the Waste“ von Valentin Thurn. „50 Prozent aller Lebensmittel werden weggeworfen: Jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot“, hat der Filmemacher recherchiert. Fast schlimmer noch: Durch unseren Wegwerfwahn treiben wir global die Preise für Essen hoch und verstärken den Klimawandel, denn jeder Kohlkopf, der auf der Kippe landet, wird zuvor mit viel Energie angebaut.

ALMOSEN STATT ANSPRUCH

Vor diesem Hintergrund ist es eine gute Sache, wenn es Vereine wie die „Tafeln“ gibt, die Lebensmittel vor der Vernichtung retten. Coesfeld, Dülmen, Senden oder Lüdinghausen – auch im Münsterland gibt es inzwischen in fast jeder Kleinstadt Verteilstellen, wo Bedürftige für einen geringen Obolus oder ganz umsonst Waren bekommen. Dafür gebührt den rund 50.000 EhrenamtlichenDank. Aber nicht nur die Armen freuen sich über den Bürgersinn der Freiwilligen, auch die Politik sieht das Engagement gerne. Schließlich übernehmen die Tafeln einen Teil der vornehmsten Aufgabe des Sozialstaats: Dafür zu sorgen, dass alle Bürger wenigstens genug zu essen haben. Deshalb werfen Kritiker den Tafeln vor, dem Staat ein Deckmäntelchen zu verschaffen. Anstatt die Ursachen zu beseitigen, versuchen soziale Vereine wie die Tafeln die Symptome zu lindern. Almosen statt gesetzlicher Anspruch. Die Kritiker anerkennen die Arbeit der Ehrenamtlich bei den Tafeln – als Hilfe in der Not, aber nicht als Dauerzustand. „Es wäre fatal, wenn die Tafelbewegung dazu beiträgt, dass sich der Staat mit Hinweis auf die Bürgergesellschaft aus der Daseinsvorsorge seiner Bürger zurückzieht“, mahnt die Caritas in einem Eckpunktpapier. Je besser die Tafeln arbeiten, umso kleiner werde der Wille des Staates etwas an den Zuständen zu ändern. Manche sprechen schon von einer „Vertafelung der Gesellschaft“.

ESSEN NACH GUTSHERRENART
nur noch für den Müll geeignet ?
nur noch für den Müll geeignet ?

Immer wieder gibt es auch Kritik an der Qualität der verteilten Waren. „Mehr als die Hälfte der Lebensmittel war in einem gammeligen Zustand, nur noch für den Müll geeignet“, klagte eine Leserbriefschreiberin Anfang März in den Westfälischen Nachrichten. „Ich bekam offene Packungen bei gefrorenen Produkten und eine Unmenge an Fertigsoßen.“ Die Schreiberin bemängelte außerdem, dass man sich die Lebensmittel in Münster nicht aussuchen könne wie es in anderen Städten durchaus üblich sei. „Da wir nur verteilen können, was wir selbst erhalten, passiert es nicht häufig, dass in den Lebensmittelkörben etwas enthalten ist, was der einzelne nicht wünscht“, bittet Hubertus Schmitte, Pressesprecher der Münster-Tafel, gegenüber der „Sperre“ um Verständnis.

Manche Kunden fühlen sich aber durch die Praxis der „Tafel“ bevormundet. Wer seinen Stolz beiseite geschoben hat, muss in Münster zunächst eine Telefonnummer anrufen, um an den Fleischtopf zu gelangen. Dort teilt ihm die „Tafel“ den am nächsten liegenden Ausgabeort mit. Nur an diesem darf der neue „Kunde“ ab sofort die Lebensmittel abholen. „Der Leiter der Tafel kennt jetzt auch meinen ganzen Hartz-IV-Bezug. Den Bescheid dazu musste ich ihm überlassen“, so die Leserbriefschreiberin aus der WN. „Ist das noch soziales Engagement oder schon soziale Überheblichkeit?“Claudius Voigt vom Münsteraner Flüchtlingshilfeverein GGUA spricht bei der Tafel von „Gutsherrenart in Reinform“.Die GGUA habe selbst mit der „Tafel“ über eine mögliche Versorgung der Flüchtlinge in Münster gesprochen, aber „es gelang uns nicht, die Gunst des Tafel-Vorsitzenden zu erlangen.“ Bestimmte Volksgruppen würden angeblich die ausgeteilten Waren sofort im Müll entsorgen, habe Tafel-Chef Roland Goetz als Ablehnungsgrund genannt, erinnert sich Voigt in einem Leserbrief in den Westfälischen Nachrichten.

Ein Vorwurf, der auch beim Streit zwischen der Münster- Tafel und der St. Ludgerus-Gemeinde in Albachten im Raum steht. Seit einigen Jahren beliefert die Tafel die Kirche mit Lebensmitteln. Ehrenamtlichen aus der Gemeinde verteilen sie dann vor Ort an die Armen.Anfang Februar hat der Verein die Lieferung aber von heute auf morgen eingestellt. Der Grund: Die Christen wollen auch weiterhin Waren an die in Albachten wohnenden Flüchtlinge verteilen, die regelmäßig jede Woche an der Ausgabestelle vorbeikommen. Die Tafel indes will die Migranten getrennt von den Einheimischen und in eigener Regie direkt an den Flüchtlingsunterkünften versorgen. Auch hier soll das Argument gefallen sein, die Fremden würden das Essen sonst gleich wieder wegschmeißen. Es gäbe eine Sprachbarriere zwischen Ehrenamtlichen und den Flüchtlingen, so Goetz laut WN.

TAFEL: FALSCH VERSTANDEN
die andere Münster-Tafel
die andere Münster-Tafel

Wolfgang Schmitte, Pressesprecher der Tafel, will das in einer Stellungnahme gegenüber der „Sperre“ so nicht stehen lassen: „Der Vorsitzende der Münster-Tafel hat nie in der Lokalpresse behauptet, Flüchtlinge aus Albachten entsorgten Lebensmittel im Müll.“ Zwar sei das vor Jahren woanders in Münster schon mal vorgekommen, „das ist aber nicht zu verallgemeinern und insbesondere nicht mit irgendeiner Bevölkerungsgruppe in Verbindung zu bringen.“ Goetz fordere deshalb, so die WN, einen Sozialarbeiter und Übersetzer bei der Verteilung der Lebensmittel. Die Tafel verhandele über die ganze Angelegenheit gerade mit der Stadt. Heinz Lembeck, Abteilungsleiter im Bereich Flüchtlinge bei der Stadt Münster, wusste zumindest Anfang März nichts von solchen Verhandlungen. Auf Nachfrage der „Sperre“ hält er von einer Sonderverteilung für Flüchtlinge ohnehin wenig. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Stadt dafür einen Sozialarbeiter bereitstellt“, sagt er. Bei den knappen Ressourcen in der Kommune. „Wir verhandeln nicht mit der Stadt, sondern führen sehr informative Aufklärungsgespräche“, rückt Tafel-Sprecher Schmitte zurecht. Eine Belieferung erfordere mehr Geld, Autos und Personal. „Es geht darum, wie in der Zukunft mit potentiell mehr Flüchtlingen umgegangen werden kann. Dass die Stadt das nicht wünscht, ist uns nicht bekannt.“ Für die Integration der neuen Münsteraner wäre es vermutlich besser, sie dürften in der Ludgerus-Gemeinde weiter mit Einheimischen zusammentreffen. Die Münster-Tafel glaubt allerdings, dass die Verteilstellen langsam an die Grenze ihrer Belastbarkeit stoßen. Personell und räumlich. Zumindest der Ludgerus- Gemeinde zumindest aber glaubt, die Flüchtlinge auch in Zukunft weiter mitversorgen zu können.

MONOPOL DER MILDTÄTIGKEIT

Keine Frage: Die Tafeln in Deutschland sind mächtig. Sie sind in der Öffentlichkeit bekannt und angesehen, deshalb arbeiten die Händler besonders gerne mit ihnen zusammen. Im Laufe der Zeit ist daraus ein Monopol gewachsen, das es anderen Initiativen beinahe unmöglich macht, alternative Hilfsmodelle aufzubauen. Wer Hunger hat, ist deshalb von den Tafeln abhängig und von deren gutem Willen. Einen Anspruch auf Hilfe gibt es nämlich nicht – anders als bei staatlicher Unterstützung etwa. Die Tafeln sind gemeinnützige Vereine und können damit selbst entscheiden, wer Lebensmittel erhält. Das öffnet manchmal der Willkür Tür und Tor: Als ein Mann aus Münster-Coerde vor vier Jahren einer bundesweiten Tageszeitung ein Interview gab, in dem er sich über die Qualität der Waren beschwerte und auch über die zuweilen schlechte Behandlung, schloss die Tafel ihn angeblich kurzerhand von der Verteilung aus. Auch seine Lebensgefährtin, die mit dem Interview nichts zu tun hatte, habe keine Lebensmittel mehr bekommen, so der Mann damals. Es ist nicht das erste Mal, dass die Münster-Tafel die Muskeln spielen lässt. 2009 lag der Verein über Kreuz mit der evangelischen Christus-Gemeinde in Wolbeck. Auch dort bekamen die Ehrenamtlichen plötzlich keine Lebensmittel mehr.

ARMUTSBESCHEINIGUNG UND PASS

Tafel2Eine Zeitlang konnten die engagierten Christen das Angebot durch Spenden weiter aufrechterhalten, dann war Schluss. Die Tafel fand wenig später, so berichtete die Lokalpresse, eine neue Heimat – im Lagerraum eines Schnäppchenmarktes. „Herr Goetz möchte die Bedürftigkeit selbst bestimmen. Die Leute sollen sich bei ihm melden“, klagt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Ludgerus-Gemeinde in Albachten in der WN. Die Flüchtlinge von der Verteilung in der Gemeinde auszuschließen, sei indiskutabel. Ende März hieß es dann plötzlich von Seiten der „Tafel“, sie erhielt nicht mehr genug Lebensmittel, um auch noch die Flüchtlinge zu unterstützen. Die Lager seien gähnend leer. Der Vorsitzende Goetz befürchtet deshalb, es könne an den Verteilstellen zu Streit kommen, wenn auf einmal weniger in den Warenkörben wäre. Deshalb müssen nun die Bedürftigen neben einer Armutsbescheinung nun auch noch den Pass bei der Tafel vorlegen. In Albachten wären damit rund Hundert Ausländer von der Verteilung ausgeschlossen, schätzt die Ludgerus- Gemeinde. „Wir sind nicht bereit, für ein solches Zwei- Klassen-System zu arbeiten“, betont eine Ehrenamtliche aus Albachten.