Arbeit und Soziales Gesundheit & Pflege Zum Leben zu wenig

Sozialbenachteiligte sind besonders Corona gefährdet

Lange gab es kein Wissen, nur Mutmaßungen. Arme Menschen sind besonders oft und schwer von Covid-19 Erkrankungen betroffen. Menschen vom Rand der Gesellschaft machen längst den Großteil der Patienten auf den Intensivstationen aus. Verlässliche Daten, um diese Vermutung zu verifizieren, fehlten bislang – deutsche Behörden haben sich bislang kaum um die sozialen Faktoren von Corona gekümmert.

Ganz anders in anderen Ländern. In den USA ergaben Analysen schon zu Beginn der Pandemie, dass im Verhältnis etwa doppelt so viele Schwarze wie Weiße an Covid-19 starben. Und in Großbritannien hatten bereits im Frühjahr statistische Daten gezeigt, dass die Sterblichkeit nach einer Corona-Infektion mit der Armut des Viertels stieg, in dem die Menschen lebten. In der Folge wurde in Großbritannien die Forderung laut, Armut und ebenso dringlich Migrationsstatus als gleichberechtigte Risikofaktoren neben hohem Alter anzuerkennen – und betroffene Gruppen bevorzugt zu impfen. Ist das Thema jetzt auch in Deutschland angekommen? Nachrichtenbilder aus Köln Chorweiler haben in den letzten Tagen nun auch hier im Lande diesen wichtigen Aspekt in den Wahrnehmungsfokus gerückt. (Am 8.Mai-Wochenende hat es in Münster/Coerde ebenfalls eine solche Impfaktion gegeben.)

Dennoch gilt weiterhin: „Die angelsächsischen Länder haben das Thema der sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit viel mehr auf dem Schirm“, so Felix Römer, Historiker, der fast sieben Jahre lang am Deutschen Historischen Institut in London gearbeitet hat.

Die wenigen Daten, die es hier gibt, zeigen aber unmissverständlich: Auch in Deutschland verbreitet sich das Virus nach sozialen Gegebenheiten, denn das international weltweit agierende Virus kennt keine nationalen Hürden.

Der Medizinsoziologe Morten Wahrendorf (Universitätsklinikum Düsseldorf):  „Wenn Sie jemanden auf der Straße nach Risikogruppen fragen, wird Ihnen wahrscheinlich jeder sagen: Alte und Vorerkrankte. Wir wissen aber inzwischen, dass es in dieser Aufzählung auch heißen sollte: Arme, weniger gebildete Personen und solche mit benachteiligter beruflicher Position“.

Die Coronaerkrankung verläuft in anderen Ländern, auch in Deutschland bei ärmeren Menschen schwerer. Sie haben in der Regel mehr Risikofaktoren, z.B. Vorerkrankungen, sind häufiger übergewichtig und rauchen, eine schlechte Versorgung, Stichwort Vereinzelung kommt hinzu. Ja, Armut ist ein Gesundheitsrisiko – auch im „reichen“ Deutschland. Ganz unabhängig von Corona stirbt ein Mann aus der niedrigsten Einkommensgruppe im Durchschnitt etwa acht Jahre früher als ein Mann aus der höchsten, bei Frauen beträgt die Differenz circa vier Jahre. Corona verstärkt die eh schon vorhandene Lücke zwischen NOTwendig arm und reich sein dürfen um ein weiteres Mal in erheblichem Maße .

Christoph Theligmann
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