Rund um Münster

Schwarz, deutsch, Journalist: Ewig anders

Am 25. Juni 2019 hatte Marvin Oppong einen Gastauftritt in seiner Heimatstadt. Marvin Oppong ist investigativer Journalist, gebürtiger Münsteraner und seine Hautfarbe ist schwarz.

Einem größeren Kreis ist Marvin Oppong bekannt geworden als er eine kleine Auskunft vom WDR erfragen wollte: Er wollte wissen, mit welchen Unternehmen der WDR in geschäftlichem Kontakt stehen würde. Er wollte herausfinden, ob der WDR Unternehmen beauftragt, die mit Rundfunkratsmitgliedern verbunden sind. Die Antwort auf diese einfache Frage wurde ihm verwehrt. Er klagte nach dem Informationsfreiheitsgesetz bis zum Bundesverwaltungsgericht und bekam Recht. Für diese Arbeit bekam er 2014 den Alternativen Medienpreis für Medienkritik. Aber das ist ein anderes Thema.

Marvin Oppong bei seiner Lesung in der Kneipe „leo:16“. Foto: Jan Große Nobis

Bei seinem Gastauftritt in der Kneipe „leo:16“ spielte ein anderes Thema eine Rolle: Nämlich seine Hautfarbe. Es wurde der Alltagsrassismus in der deutschen Gesellschaft diskutiert. Denn: Marvin Oppong las aus seinem jüngst erschienenen Buch „Ewig anders: Schwarz, deutsch, Journalist“.

Einleitend wurde der Begriff „Heimat“ diskutiert: Für Marvin ist nicht die „Nation“ seine Heimat, sondern der Stadtteil Hiltrup, wo er aufgewachsen ist. „Heimat ist da, wo ich geboren und aufgewachsen bin“, so Marvin Oppong. Und: jetzt sei Bonn seine Heimat, denn dort lebe er jetzt.

Aufgewachsen in Hiltrup

Marvin Oppong beschreibt seine Heimat Münster als einerseits eine piefige Provinzhauptstadt, geprägt von der dauerwährenden CDU-Regentschaft. Andererseits sei Münster aber auch eine offene Stadt gewesen: Das hätte an den ASten der Hochschulen und der alternativen Szene gelegen. Das zeige sich auch daran, dass die erste Homosexuellen-Demo Deutschlands Anfang der 1970er Jahre in Münster stattgefunden hat.

Er sei schon in der Kindheit rassistisch beschimpft worden: Er sei „in den Kakao gefallen“ sei schon das Harmloseste gewesen. Dabei wundert sich Marvin Oppong, dass gerade dieser positiv besetzte Begriff „Kakao“ für eine Herabwürdigung benutzt worden sei.

Oppong zeigte daran: Diese Floskeln würden zur Herabsetzung, Kränkung und Ausgrenzung benutzt. Man sei halt nicht nur anders, sondern auch „schlechter“.

Im Kindergarten seien es meist die „Jungs“ gewesen, die ihn gekränkt hätten. Meist sei dies auch sanktionslos gemacht worden. In den seltensten Fällen hätte es mal einen Rüffel gegeben.

Auch seine später besten Freunde hätten ihn zunächst gehänselt. Einer von den beiden sei geprägt worden von den „Tim und Struppi“-Comics. Später hätte er herausbekommen, diese Comics waren sehr geprägt von rassistischen Zuschreibungen aus der Kolonialzeit. Heute würde er diese Comics nicht ohne begleitende Erklärungen seinen Kindern zum Lesen geben.

„Rassismus ist wie Hunger“

Dies habe einmal ein Leipziger Schwarzer gesagt, so Oppong. Und das stimme: Die Rassist*innen würden reflexhaft ihre Ablehnung artikulieren. Bei diesen Menschen herrsche eine Uneinsichtigkeit und Besserwisserei vor. Kritikfähigkeit sei nicht vorhanden. Meist würde Rassismus auch negiert. Sie hätten Hunger ihren Rassismus zu artikulieren.

Dabei stellte Marvin Oppong auch klar: Man solle die Kritik der betroffenen Menschen ernst nehmen und nicht als Überempfindlichkeit abtun. Denn: meistens haben sie Recht. Schließlich könne man schon in der Abweisung der Kritik einfach den herrschenden, auf der deutschen rassistischen Vergangenheit basierenden Diskursen auf den Leim gegangen sein.

Deshalb seien auch die von vielen Rassist*innen vorgebrachten „Argumente“ wie „Ich habe aber ganz viele Freunde, die…“ Scheinargumente. Schließlich, so Oppong: „Nazis essen auch Döner!“

An seiner eigenen Biografie machte Marvin Oppong deutlich, dass für eine*n Schwarze*n in Deutschland die Energie, auf rassistische Argumente oder einfach der Fixierung auf seine*ihre Hautfarbe einzugehen, immens sei.

Rassismus ein generelles Problem?

Auf die Frage, ob Deutschland ein generelles Problem mit Rassismus habe, konnte Marvin Oppong nur mit einem eindeutigen „Ja! Der Rest der Welt aber auch!“ beantworten. Denn:

  • Seit der Wiedervereinigung gab es fast 200 rassistische Morde.
  • Aussagen wie von Philipp Amthor (Bundestagsabgeordneter der CDU), dass alle bei einer Veranstaltung die Nationalhymne singen könnten, denn: „Hier ist keiner von uns Moslem, der das jetzt nicht singen kann“ (Amthor hat sich inzwischen entschuldigt), oder von Joachim Herrmann (CSU), dass Roberto Blanko ein „wunderbarer Neger“ sei, seien immer noch alltäglich.

Aber er sieht auch Fortschritte: Ein gutes Zeichen sei einfach, dass an dieser Veranstaltung „so viele Interessierte teilgenommen“ hätten. Es könne also, wenn alle wollten, nur besser werden.

Sein Buch birgt also viele interessante Facetten zum Thema Alltagsrassismus aus Sicht eines betroffenen Menschen. Es sei darauf hingewiesen, dass er in seinem Buch darstellt, wie er sich mit einer Bekannten in den Regionalzug stellt und zufällige Zugreisende zum Thema Rassismus interviewt. Wiedererwarten habe es sehr vielfältige und differenzierte Aussagen gegeben. Ebenso sei auf die Ausführungen zum Racial Profiling hingewiesen.

Oppong, Marvin: Ewig anders – schwarz, deutsch, Journalist, 240 Seiten, Klappenbroschur, 22,00 Euro. ISBN 978-3-8012-0542-3.

Jan Große Nobis
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