Rund um Münster

Rojava-Demos: „Kämpferisch sind wir schließlich immer“

Am Donnerstag, den 10. Oktober 2019, und am Samstag, den 12. Oktober, fanden zwei Demonstrationen angesichts des Angriffskrieges der Türkei auf das selbstverwaltete Rojava in Nordsyrien statt. Dabei macht die Türkei für ihren Angriff „berechtigte Sicherheitsinteressen“ geltend, obwohl die „Syrian Democratic Forces“ SDF und die YPG (kurdische Volksverteidigungseinheiten) nie eine Bedrohung für die Türkei waren.

Am Donnerstagabend demonstrierten circa 1.000 Münsteraner Kurd*innen und Unterstützer*innen in Münsters Innenstadt und vor dem türkischen Konsulat. Am Samstag, auf der Solidaritätsdemonstration, die maßgeblich von den Gruppen „Perspektive Rojava“, „Interventionistische Linke Münster“, „ROSA“ und dem Odak-Kulturzentrum organisiert worden war, demonstrierten 800 Menschen, die solidarisch mit Rojava sind, gegen den Krieg.

SPERRE-Redakteur Jan Große Nobis hat Ekrem Atalan vom Demokratisch-Kurdischen Gesellschaftszentrum Münster (DKGZ) und Thomas Siepelmeyer, Mitglied der Gruppe „Perspektive Rojava“, am Rande der zweiten Demonstration getroffen und zur Lage befragt.

SPERRE: Ich habe Euch schon am Donnerstag auf der Demo begleitet. Da wart Ihr sehr kämpferisch. Wie ist momentan die Stimmung?

Ekrem Atalan: Die Stimmung ist weiterhin sehr kämpferisch. Wir sind sauer und entsetzt über die nationale, europäische und die NATO-Politik. Wir sind entsetzt über unsere angeblichen Freunde, die uns jetzt im Stich lassen. Die Münsteraner Kurd*innen sind heute in Münster bei der Demo etwas weniger vertreten. Die meisten sind zur überregionalen Demo nach Köln gefahren. Dort sind in diesem Augenblick mehrere 10.000 Menschen auf der Demo.

Der Widerstand des kurdischen Volkes wird aber immer aktuell sein und wird sich immer erneuern. Kämpferisch sind wir schließlich immer. Aber entsetzt sind wir über die Politik!

Ekrem Atalan und Thomas Siepelmeyer sitzen auf der Friedensskulptur „Toleranz durch Dialog“ von Eduardo Chillida im Rathausinnenhof kurz vor dem Interview. Foto: Jan Große Nobis.

Man darf aber dann nicht der Illusion verfallen, dass der Trump, weil er irre ist, schlimmer ist

Du hast eben schon von Verrat gesprochen. Trump hat Euch verraten. Die USA waren Eure Verbündeten im erfolgreichen Kampf gegen den IS. Er hat gesagt, wo wart Ihr Kurden in der Normandie 1944. Wo wart Ihr denn im Zweiten Weltkrieg?

Ekrem Atalan: [Ekrem schmunzelt] Da wollen wir auch nicht wissen, wo der Trump gewesen ist? So einem verrücktem Mann, der so viel Macht hat, da darf die Menschheit eigentlich die Entscheidungen dieses verrückten Mannes nicht akzeptieren. Wir hoffen, dass er von Vernünftigen, von der Stimme der Vernunft, besänftigt wird. Und jetzt hat er sich so entschieden. Aber wir nehmen den Trump nicht mehr ernst! Mal entscheidet er so, mal so. Den können wir nicht ernst nehmen, dem können wir nicht mehr vertrauen!

Thomas Siepelmeyer: Auf der einen Seite hast Du da Trump, der ja nach außen wirkt, wie ein Idiot. Aber, wenn Du schaust, wer gestern in der Türkei war: Da ist der Stoltenberg, der Generalsekretär der NATO hingeflogen und hat im Endeffekt sich nicht so verrückt geäußert, er hat das Gleiche ganz rational gesagt: „Ihr könnt da ruhig rein, dass die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien beseitigt wird. Seid nur ein bisschen anständig, bombardiert nicht Wohnviertel“.

Auf der Ebene ist das rational erzählt und übelst dargelegt. Man darf aber dann nicht der Illusion verfallen, dass der Trump, weil er irre ist, schlimmer ist. Nein, ich denke dieser rationale Stoltenberg und die NATO-Kreise, die da hinter stehen, die sind eine wirkliche Gefahr für das kurdische Volk!

„Die Bundesregierung muss die Waffenexporte völlig stoppen und ein EU-weites Embargo fordern

Belgien, Niederlande und Norwegen haben gefordert: EU-Waffenembargo sofort. Was sagt Ihr zu der Position der Bundesregierung?

Thomas Siepelmeyer: Die Bundesregierung hat ja zumindest in der Nacht vorher im UN-Sicherheitsrat zusammen mit England, Frankreich und auch Estland, dass im nächsten Jahr im Sicherheitsrat vertreten sein wird, sie haben einen gemeinsamen Antrag gestellt, der auch ein bisschen Wischiwaschi war, aber zumindest aussagt, der Krieg muss gestoppt werden und die Türkei muss sich zurückziehen. Auch da ist wieder eine Situation entstanden, dass die USA und auch Russland ein Veto eingelegt haben. Wo man sieht: Die Interessen dieser beiden Großmächte sind zwar entgegengesetzt: Aber beide unterstützen die Selbstverwaltung in Rojava nicht. Du hast nun beide, USA und Russland, als Gegner.

Und natürlich: Die Bundesregierung muss die Waffenexporte völlig stoppen und ein EU-weites Embargo fordern!

Ekrem Atalan: Grundsätzlich haben wir als kurdisches Volk verstanden, dass diese heuchlerische Politik, im Nahen Osten Demokratie einführen zu wollen, verlogen ist. Denn: Das kurdische Volk setzt sich schon immer für die Gleichheit und Freiheit aller Menschen ein.

„Frauen in Rojava eine Gleichberechtigung erlangt

Ekrem, was ist denn das besondere an Rojava?

Ekrem Atalan: Ein System, das demokratischer, friedlicher und hoffnungsvoller, wie das, das in Rojava aufgebaut worden ist – gemeinsam mit allen Volksgruppen, Ethnien und Religionen –, sieht man in dieser Region überhaupt nicht. In einer Region, in der patriarchalische Strukturen herrschen, wo die Frauen nichts wert sind, haben die Frauen in Rojava eine Gleichberechtigung erlangt, die ihresgleichen – auch weltweit – sucht.

Die Werte, die wir hier in Europa kennen, Rechtsstaatlichkeit und so weiter, die werden dort verinnerlicht, sie sind noch radikaler verinnerlicht worden. Fakt ist aber, dass wirtschaftliche Interessen über diesen Werten stehen.

Wenn die deutsche, europäische Bevölkerung sich nicht dahingehend solidarisiert, erwarten wir von der deutschen, europäischen Politik nichts mehr. Denn sie wird dann auch nichts machen!

„Biji Rojava“ („Es lebe Rojava“) wurde auf der Demo gerufen. Hier: Die Solidaritätsdemonstration ist auf dem Prinzipalmarkt angekommen. Foto: Jan Große Nobis.

„Wenn die Weltgemeinschaft nicht aufsteht…“

Ihr erwartet also zunächst nichts von den Regierungen, ihr erwartet Solidarität der Bevölkerung? Ihr erwartet eine große internationale Solidaritätsbewegung?

Ekrem Atalan: Warum wir hier auf der Straße sind, ist natürlich, der Bevölkerung in der Heimat, die jetzt einem NATO-Staat entgegenstehen muss, zu zeigen, dass wir solidarisch sind.

Das NATO-Land Türkei ist hoch gerüstet, trotzdem werden wir Widerstand leisten. Auch wenn nur einer von uns übrig bleiben wird. Genauso, wie wir dem IS Widerstand geleistet haben, auch als der IS 95 Prozent von Kobane eingenommen hatte.

Das soll die ganze Weltgemeinschaft wissen: Es wird Verletzte und Tote geben. Die Türkei wird keinen Unterschied zwischen Zivilist*innen und Kämpfer*innen machen.

Wenn die Weltgemeinschaft nicht aufsteht und die Politik nicht dahingehend reagiert, wird es zu vielen Opfern auf beiden Seiten kommen.

Ich danke für das Gespräch.

Siehe auch:

Türkische Offensive in Syrien: „Das wird ein Ethnozid“
Die Türkei will wieder in den Norden Syriens einmarschieren. Recep Tayyip Erdoğan geht es nicht nur um Schutz vor Terror, er will offenbar den Landstrich verändern.

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