aus dem Magazin Zum Leben zu wenig

Ohne den roten gibt’s keinen blauen

Aus der Sperre Winter 2019

Eine kleine Geschichte über den Münster-Pass

Alle sozialen Errungenschaften wurden einmal erkämpft. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Sozialticket der Stadt Münter: der Münster-Pass. Hier nun die holprige Geschichte in vielen Akten, die am Ende doch noch gut ausging und zum städtischen Sozial-Pass führte.

Foto: Agneta Becker

Aus heutiger Sicht mag es verwundern, dass es bereits vor 35 Jahren öffentliche Aktionen gab, die die Einführung eines Sozial-Passes für Münster zum Inhalt hatten.
Und dies ziemlich schrill und laut: Menschen mit schwarz angemalten Gesichtern stürmten die Stadtbusse: „Wir zahlen nicht, wir wollen das ermäßigte Ticket!“, hieß die Parole, die manchen erschrockenen Bürgern entgegenschallte. Und vor dem öffentlichen Freibad kam es zu spontanen Bade-Happenings. Die Mensa im Stadthaus 1 (heute die erst jüngst eröffnete Gastronomie „1648“) wurde als Verpflegungsort auserkoren, denn nicht nur der Bürgermeister, auch Arbeitslose sollten Anspruch auf ermäßigtes Essen haben.

Hinter diesen Aktionen stand der Arbeitskreis Münster-Pass, im Wesentlichen ein loser Zusammenschluss damaliger Arbeitsloseninitiativen. Das Ziel der Aktiven war es, auf die finanzielle Misere von Arbeitslosen und ihren Familien aufmerksam und Stimmung für einen Sozial-Pass zu machen. Einen ersten politischen Widerhall fand das Anliegen 1985. Die seinerzeit oppositionelle SPD stellte zusammen mit den Grünen einen Antrag auf Einführung eines Münster-Passes. Dieser wurde aber mit den Stimmen der Mehrheitsfraktionen (CDU und FDP) abgelehnt. Unter anderem mit dem Argument, dass dann ja auch die arbeitslose Zahnarztgattin einen Anspruch auf den Pass hätte, was es doch zu verhindern gälte.

Damit gaben sich die Arbeitsloseninitiativen natürlich nicht zufrieden. Sie brachten kurzerhand einen eigenen „vorläufigen“ Münster-Pass in Rot heraus und warben bei privaten Anbietern um Unterstützung. Die Vergünstigungen, die es mit diesem Ausweis gab, konnten sich sehen lassen: Ermäßigungen bei den münsterschen Kinos, in zahllosen Sportvereinen, bei diversen Veranstaltern (Kreativ-Haus, SoBi etc.) und viele andere mehr.

Ermäßigte Theaterkarten waren zunächst ein Flop

Was aber immer fehlte, waren Vergünstigungen im öffentlichen Nahverkehr oder überhaupt durch die Stadt Münster. Jedenfalls bis zum Jahr 1993. Damals kam es im Sozialausschuss des Stadtrats plötzlich zu einer politischen Mehrheit für einen ermäßigten Eintritt ins Stadttheater Münster. Zeitzeug*innen berichteten, dass einige Politiker*innen in der entscheidenden Sitzung nicht an ihrem Platz waren. Dieses Missgeschick wurde dann aber später durch die Ratsmehrheit in der Durchführungsanweisung wieder ausgebügelt.

Und das ging so: Der oder die Arbeitslose, die eine bestimmte Theateraufführung besuchen wollte, musste dies zunächst bei der Christlichen Theatergemeinde CTG kundtun, um an die gewünschte Eintrittskarte zu kommen. Alsbald – zumindest am nächsten Tag – machte sich die CTG auf den Weg, um das Ticket zu besorgen. Später konnten dann die Theaterfreund*innen ihr Ticket bei der CTG abholen. Dann zum ermäßigten Preis – allerdings nur, wenn es noch Karten gab. Der Erfolg dieses Verfahrens war „bahnbrechend“: Es gab in einem Jahr nicht einen Antrag auf ein ermäßigtes Theaterticket! Die SPERRE hatte sich den Spaß erlaubt und eine Sonderausgabe dazu herausgebracht mit dem Spiel: „Wie komme ich an meine Theaterkarte?“.

Was 1993 noch nicht ging, das ging dann 1994. Münster erhielt zum ersten und bisher einzigen Mal eine Oberbürgermeisterin, Marion Tüns von der SPD. Bei den Kommunalwahlen gab es eine rot-grüne Mehrheit. Und der Münster-Pass (der blaue) wurde – allerdings mit fünfjähriger Verspätung – 1998 eingeführt.

Erst rein in die Kartoffeln, dann wieder raus aus den Kartoffeln

Die Freude der Betroffenen währte aber nur relativ kurz, denn bei der Kommunalwahl 1999 änderten sich wieder die politischen Mehrheiten und der Münster-Pass wurde Ende 2001 abgeschafft. Dafür wurde ab 2002 seitens der Stadt die Münster-Card (Familienpass) eingeführt. Bis auch dieses Projekt 2007 beerdigt wurde. Erst mit der Kommunalwahl 2009 kam wieder Bewegung bei dem Thema Münster-Pass. Die sogenannte „Six-Pack-Koalition“ wurde aus der Taufe gehoben: SPD, Grüne, Linke, Piraten, UWG und ÖDP bildeten ein Bündnis mit gemeinsamer Mehrheit. Und diese Mehrheit führte den Münster-Pass 2010 wieder ein.

Heute ist er über Parteigrenzen hinweg unumstritten. Unabhängig hiervon hat der „vorläufige“ (rote) Münster-Pass immer seine Gültigkeit behalten. Und wurde in der gesamten Zeit gut nachgefragt. Am Ende war es auch dieses hartnäckige Beharren auf sozialer Teilhabe für alle, das zu diesem Erfolg führte. Der Einsatz für den roten (vorläufigen) Münster-Pass hat den blauen erst möglich gemacht. Es ist nun einmal so: Alle sozialen Errungenschaften sind erkämpft worden, können aber wieder verschwinden. Diese Erkenntnis scheint heute nicht mehr ganz selbstverständlich zu sein. Zu häufig wurde in den vorangegangenen Jahren das „Uns geht es doch gut“ über jede Diskussion gestellt, die nach sozialer Gerechtigkeit fragte. „Unser“ Vermögen wächst doch kontinuierlich und „Wir“ verdienen immer mehr. Von dem Vermögenszuwachs profitiert jedoch nur ein Teil der Bevölkerung. Gemessen an der heutigen sozialen Wirklichkeit müsste der Kampf für ein besseres Leben aller aber jetzt erst richtig losgehen. Die Kinderarmut wächst genauso wie die Armut im Alter. Und die Schere zwischen Arm und Reich geht scheinbar unaufhaltsam weiter auseinander. Eine gute Gelegenheit, aktiv zu werden.