Rund um Münster

Offener Brief der Initiative „Münster Bahnstadt-Süd“: „Die Menschen wahrnehmen, welche sich politisch kein Gehör verschaffen können“

Die Initiative „Münster Bahnstadt-Süd“ hat sich am Mittwoch, den 24. Juli 2019, aus Solidarität mit der Besetzung der „Zentrale“ in der Hafenstraße 70 gegründet. Auch sie sehen – wie die Besetzer*innen – das Viertel von der Gentrifizierung bedroht. In der Initiative haben sich verschiedene Organisationen zusammengetan, um deren Anliegen zu unterstützen. Inzwischen wurde die „Zentrale“ zwar geräumt, aber am 1. August haben sie sich zu Wort gemeldet: In einem Offenen Brief haben sie sich an die Deutsche Bahn, an Münsters Stadtpolitik und alle Bürger*innen der Stadt gewandt. Gleichzeitig fand am Abend eine Tanz-Demonstration rund um Bahnhof und Hansaviertel statt, um auf das Anliegen aufmerksam zu machen.

„Dirty Dancing: Das Viertel bleibt dreckig“ war der provokante Titel der Demo. Foto: Jan Große Nobis.

Im Folgenden dokumentieren wir den Offenen Brief der Initiative:

Offener Brief der Initiative Bahnstadt-Süd

„Münster ist eine schöne Stadt. So wird es von Besuchern und Bewohnern Münsters gerne ausgesprochen. So positiv kann man leider über das Plangebiet noch nicht urteilen.“

Das schreibt das Schlaun-Forum bei der Wettbewerbsbeschreibung des Gebiets. Das Schlaun-Forum ruft seit Wintersemester 2011/2012 NRW-weit Bauwettbewerbe aus. Diesmal soll es das Viertel Bahnstadt-Süd treffen. Ein großer Teil des Plans sieht auch die Umgestaltung des Alten Güterbahnhofs vor.

In den Entscheidungsprozess sind wir als Anwohner*innen, Organisationen und Initiativen nicht beteiligt worden. Daher spiegelt der Umstrukturierungsplan auch nicht die Wünsche und Bedürfnisse der verschiedenen Menschen im Viertel wieder. Wir haben uns daher zusammengeschlossen und die Initiative Münster Bahnstadt-Süd gegründet. Die Initiative widerspricht den Aussagen und Behauptungen des Schlaun-Forums und möchte mit diesem offenen Brief der Stadt sowie der Deutschen Bahn aufzeigen, was mit der Umstrukturierung beziehungsweise der Gentrifizierung des Viertels alles verloren gehen würde.

„Gentrifizierung“ bezeichnet einen Prozess, der oft beschönigend „Strukturwandel“ genannt wird, und beispielsweise dazu führt, dass finanziell benachteiligte Mieter*innen aus ihrem Wohnraum verdrängt werden.

Das was das Schlaun-Forum als Plangebiet bezeichnet, ist unser kultureller Freiraum. Solche freien kulturellen Räume werden in Münster ohnehin immer knapper. Alleine am Alten Güterbahnhof sind unter anderem die Proberäume für hunderte Bands, Ateliers, Kollektivbetriebe, ein Gitarrenladen und das Kunstprojekt Sozialpalast angesiedelt. Aber auch soziale Vereine, die sich für Interessen von Menschen einsetzen, die von der Stadt nicht gesehen werden, sind gefährdet. Zum Beispiel liegt das H.u.K., eine Nachtunterkunft für Wohnungslose, genau in der Schneise für den vierspurigen Ausbau des Albersloher Wegs, welcher nicht den Verkehr entlasten, sondern lediglich verlagern würde. Und wenn sie nicht primär den Bauvorhaben zum Opfer fallen, besteht eine große Gefahr der Verdrängung durch die geplante Umgestaltung. Dies könnte Vereine wie beispielsweise Chance e.V. treffen.

Nun haben sich verschiedene junge Menschen zusammengetan und ein altes Bahngebäude mit dem Namen Zentrale Münster an der Hafenstraße 70 besetzt. Die Besetzer*innen haben sich bewusst für eine gewaltfreie Protestform entschieden, mit welcher wir uns solidarisieren. Wir begrüßen die Intention und das Vorhaben der Besetzer*innen, aus dem Haus einen nicht-kommerziellen kulturellen und diskriminierungsfreien Raum zu schaffen.

Daher bitten wir die Deutsche Bahn, den Strafantrag zurückzuziehen und die ohnehin bereits geräumten Besetzer*innen nicht weiter strafrechtlich für ihr Engagement zu verfolgen und außerdem mit den Menschen und der Stadtverwaltung ins Gespräch zu kommen.

Zudem appellieren wir auch an die Stadtverwaltung Münster, die Besetzer*innen nicht zu kriminalisieren und mit ihnen und uns gemeinsam, in offenen Gesprächen, die Gestaltung des Viertels zu planen. An dieser Stelle möchten wir einmal daran erinnern, dass auch heutige „Vorzeigeprojekte“ wie die Grevener 31, die Frauenstraße 24 oder die Häuser am Breul/Tibusstraße ehemals kriminalisiert waren und heute zum festen Bestandteil der Stadt geworden sind.

Wir fordern zudem von der Stadt Rückhalt für die bereits vorhandenen kulturellen Freiräume und sozialen Vereine.

Auch fordern und wünschen wir uns von der Stadt Münster, die Menschen wahrzunehmen, welche sich politisch kein Gehör verschaffen können: die Menschen, die viel zu oft durch solche Gentrifizierungsvorhaben aus ihren Vierteln vertrieben werden und wurden. Für uns und alle anderen Menschen, die aus ihren Vierteln vertrieben werden, wird der Platz im innenstadtnahen Bereich immer kleiner. Da hilft auch nicht die Regelung von 30% Sozialwohnungen mit sehr kurzer Sozialbindung pro Bauvorhaben, dies ist nur der Tropfen auf dem heißen Stein.

Wir als neugegründete Initiative bieten uns an und würden uns freuen, mit der Stadt Münster und der Deutschen Bahn ins Gespräch zu kommen und somit zu vermeiden, dass die Anwohner*innen des Viertels übergangen werden. Die DB hat vor der Räumung behauptet, in Verhandlungen einzutreten, sobald die Besetzer*innen das Gebäude verlassen haben. Die Besetzer*innen sind raus, also sollte einem Gespräch ja nichts mehr im Wege stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Initiative Münster Bahnstadt-Süd

Unterstützer*innen:

  • Grüne Hochschulgruppe
  • Leo:16 Kultur- und Kneipenkollektiv
  • All My Friends Are Criminals Kultur- und Partykollektiv
  • AK Zu Recht
  • Seebrücke Münster
  • Not*loesung
  • Studentisches Kulturzentrum Baracke Münster
  • Bündnis gegen Abschiebungen Münster – I love Bleiberecht Münster
  • DIE LINKE. Münster
  • HAIE AM HAFEN
  • Die Falken Münster
  • Ateliers Hafenstr. 64
  • Sudden Cricket Konzerte
  • Osmose Kasetten
  • Liste Shalom Münster
  • Verein zum Erhalt preiswerten Wohnraums
  • Das Gehölz
  • Das Andere

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