aus dem Magazin Verschiedenes

Nicht neu kaufen – Bring’s ans Laufen!

Egal, ob die BesucherInnen aus Not oder aus Überzeugung kommen:
Das Repair-Café schont Ressourcen und stiftet Gemeinschaft

Von Lisa Liesner

Eines Tages ist es soweit: Der gute alte Staubsauger gibt den Geist auf. Die Naht am Lieblingpulli ist endgültig hinüber. Das Display des Handys zeigt nur noch Leere – und das gerade nach Ablauf der Garantie. Für viele bedeutet das Wegschmeißen und Neukaufen. Menschen mit wenig Geld können sich das oft nicht leisten. Andere wiederum sehen nicht ein, noch mehr Ressourcen zu verschwenden. Ihre konstruktive Lösung: Reparieren statt konsumieren.

„Reparieren verbindet Menschen und Dinge“ – Unter anderem das sagt das Reparaturmanifest, welches gut lesbar am Schrank hängt. Und das sehe ich auch, wenn ich mich im Repair Café des Jugendinformations- und -bildungszentrums (JIB) umsehe. Nele hat das Küchenradio aus ihrer WG mitgebracht. „Eigentlich gehört es meinem Mitbewohner“, erzählt sie mir. „Seit es mir herunter gefallen war, ging es leider gar nicht mehr.“ Nachdem sie es mit Günter und Johannes aufgeschraubt hat, ist der Fehler schnell gefunden und auch behoben. Ein paar Tische weiter findet auch ein Kassettenrekorder Kinderlieder dudelnd zurück ins Leben. Die Besitzerin freut sich: „Endlich kann mein Sohn meine alten Benjamin-Blümchen-Kassetten hören, die schon seit Langem bei meiner Mutter herumliegen.“

Schrauben, löten, nähen

Langwieriger gestaltet sich die Instandsetzung eines Verstärkers. Hans-Gerd begutachtet das Innenleben des Gerätes, andere Helfer kommen dazu. Sie überprüfen Verbindungen, schließen verschiedene Fehlerquellen aus. Ratlosigkeit. „Raimund, hast du gleich mal Zeit, hier einen Blick drauf zu werfen?“, ruft Hans-Gerd schließlich durch den Raum. Zwischendurch betritt noch ein Ehepaar mit einem antiken Waffeleisen im Gepäck den Raum. Am Nebentisch möchte eine Studentin ein paar ihrer Klamotten umnähen. Margarete kann ihr Tipps geben und zeigen, wie sie die Nähmaschine nutzen kann. Die steht hier immer. „Manche Menschen kommen nur hierher, um einfach die Nähmaschine zu nutzen. Andere haben eine auf Omas Dachboden gefunden und wollen wissen, wie sie funktioniert“, erläutert Margarete.
Schrauben, löten, nähen – all das geht im Repair Café, denn Werkzeuge und Materialien sind hier für alle möglichen Reparaturen vorhanden. Keine Ahnung, wie’s geht? Auch das ist kein Problem: Ein Team aus freiwilligen kundigen Helfer*innen ist auch da. „Wir ergänzen uns hier super“, meint Hans-Gerd. „Ich bin Metall-Experte und eher so für’s Grobe zuständig. Andere haben mehr Ahnung von Software, Feinelektronik und so.“ Bastler, Tüftler und Nerds sind hier gefragt. Sie teilen ihre Kenntnisse gerne und geben so wertvolles Wissen weiter. „Von den anderen habe ich hier schon viel dazu gelernt“, erzählt Günter, der schon von Anfang an dabei ist. So wird das Repair Cafe zu einem Raum der Gemeinschaft. Wer es hier schafft, seinen Mixer wieder in Stand zu setzen, geht außerdem mit dem Gefühl nach hause, endlich wieder Macht über die Technologie zu haben.

Der eingebaute Verschleiß

Doch geht es nicht nur ums Reparieren. Kaffee gibt es auch. Und Kuchen. Und natürlich Zeit zum Plaudern. Dabei geht es unter anderem – wie sollte es anders sein? – auch um den schnellen Verschleiß der Geräte, um Kinderarbeit in der Produktion und die Frage, ob jemand tatsächlich explizit für die „geplante Obsoleszenz“ der Dinge zuständig ist.
Hier zeigt sich, dass das Reparieren einen anderen Charakter hat als noch Generationen zuvor. Viele sehen darin einen Protest gegen die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft unserer Zeit mit all ihren globalen ökologischen und sozialen Konsequenzen. Finanzschwache Menschen können an diesem Konsumwahn ohnehin kaum teilhaben. Während die Einen in ihrem Reparieren also eine Art gelebte Nachhaltigkeit sehen, ist es für Andere schlichte Notwendigkeit, da aus dem Hartz4-Regelsatz sowieso nichts Neues angeschafft werden kann. (Wodurch arme Menschen – by the way – sowieso schon große Klimaschützer sind!)

Seit 2009 haben weltweit zahlreiche Menschen Repair-Cafés eröffnet, um so die „Hidden Experts“ mit denen zusammen zu bringen, die nicht einsehen wollen, ein defektes Gerät gleich zu verschrotten. Sie möchten keine bequemen Konsument*innen sein. Anstelle der Wegwerf-Wirtschaft wollen sie lieber ihre Geräte am Laufen halten. In Anbetracht endlicher Ressourcen werden Wissen und Fertigkeiten des Reparierens in Zukunft wieder wichtiger. Willkommen in der Postwachstums-Gesellschaft!

Viele schätzen die Gemeinschaft

Nicht alle sehen sich aber gleich als Teil einer Revolution. „Ich habe schon immer gern mit meinen Händen gearbeitet“, erläutert Margarete an der Nähmaschine. „Als ich dann nicht mehr im Beruf war, wollte ich einfach das machen, was mir Spaß macht. Ich finde es toll, dass wir hier gemeinsam etwas schaffen mit Menschen, die auch nicht gern wegschmeißen.“ Dominic, der zurzeit die Leitung von Helen übernommen hat, schätzt auch sehr die Gemeinschaftlichkeit des Repair Cafés. „Da wird viel Hand in Hand gearbeitet.“

Genau das zeigen auch Glücksforscher um Daniel Gilbert von der Harvard University in ihrer Studie: Menschen helfen und Kleinigkeiten wertschätzen haben sie unter anderem als Regeln zum Glücklichwerden identifiziert. Den Kauf eines überflüssigen Konsumartikels nicht. Also:

„Das ist doch noch gut…“

 

Termine:

Jeden 2. und 4. Dienstag im Monat von 15 bis 19:30 Uhr im
Jugendinformations- und –Bildungszentrum (Jib) im Atelier im 2. OG
Hafenstr. 34
48145 Münster
Ansprechpartner: Zurzeit Dominic Sehak (0251-93295476)

Jeden 3. Samstag im Monat von 14 – 18 Uhr im
SKA-Treff
Skagerrakstraße 2
48145 Münster
Ansprechpartnerin: Sema Franke (0251-98622566)

Literatur:

Wolfgang M. Heckl: Die Kultur der Reparatur.
Hanser-Verlag München 2013
Der Generaldirektor des Deutschen Museums in München und selbst leidenschaftlicher Reparateur hält ein Plädoyer für die Kultur der Reparatur. Im Anhang findet man außerdem eine bundesweite Liste von Repair Cafés und außerdem hilfreiche Links, wenn es um Sharing und Tauschen geht. Das Buch gibt es auch in der Stadtbücherei Münster.

Stefan Schridde: Murks? Nein danke! Was wir tun können, damit Dinge besser werden.
Oekom Verlag München 2014
Der Betriebswirt kritisiert die „Geplante Obsoleszenz“ und belegt diese an zahlreichen Beispielen wie Smartphones, Waschmaschinen, Kleidung etc. Er liefert eine fundierte Analyse der ökonomischen wie gesellschaftlichen Hintergründe und zeigt in der Kreislaufwirtschaft einen möglichen Ausweg. Der Autor initiierte außerdem die gleichnamige Verbraucherorganisation (http://www.murks-nein-danke.de).
Das Buch gibt es auch in der Stadtbücherei Münster.

Andrea Baier / Tom Hansing / Christa Müller / Karin Werner (Hg.):
Die Welt reparieren: Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis.
Transcript-Verlag Bielefeld 2016

Online:

https://repaircafe-muenster.de/:
– Konzept der Münsteraner Repair Cafés
– aktuelle Termine sowie bebilderte Nachlese

https://repaircafe.org/de/:
– Übersicht über mehr als 1100 Repair Cafés weltweit
– Professionelle Unterstützung bei der Eröffnung
– Weltweite Nachrichten zu Repair Cafés

https://de.ifixit.com/:
– Weltweite Plattform: Anleitungen zur Reparatur zahlreicher Geräte von allen für alle
– fotobasierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen
– Bestellung von Ersatzteilen