Arbeit

Neoliberal

Wenn Begriffe in den Brunnen der Vergangenheit fallen: Das vorherrschende, marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem, welches die Menschen vermehrt mit Sorge betrachten, wird regelmäßig mit dem Adjektiv neoliberal umschrieben. Neoliberal ist die Vorgehensweise, wenn Arbeitsplätze gestrichen werden, um die Unternehmensrendite zu erhöhen, neoliberal sind die Akteure, die verantwortlich das TTIP Abkommen aushandeln, neoliberal sind Streichungen von Kultursubventionen. Wenn sich der Staat seinen grundsätzlichen, dem Gemeinwohl verpflichtenden Aufgaben entzieht und diese den Marktkräften überlässt, heißen diese Vorgänge begleitenden Schlagwörter ebenfalls neoliberal. Die Fortsetzung dieser Liste wäre nicht beliebig, aber zahlenmäßig sehr unübersichtlich.

©Foto: Rosel Eckstein/www.pixelio.de
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In den USA ist die Bezeichnung Liberals ein Schimpfwort, adressiert an angeblich politisch links orientierte Menschen. In Europa werden Liberale fast ausschließlich mit marktwirtschaftlichen Attributen in Verbindung gebracht. Freiheitsrechte oder Schutzrechte vor staatlicher Willkür, die Individuen abseits ihrer ökonomischen Rolle als Staatsbürger zustehen, werden mit dem Begriff Liberalismus immer seltener verbunden.

Der historische Ursprung des Begriffs Neoliberal liegt in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Begründer der sogenannten „Freiburger Schule“- hier seien die Namen kurz genannt: Walter Eucken, Alfred Müller-Armack, Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke-, waren nicht marktradikal. Sie zogen klare Grenzen der Ökonomisierung, nicht jeder Lebensbereich sollte ihr unterstellt sein. Als Gegner der Planwirtschaft, aber auch in deutlicher Ablehnung gegenüber staatlichem Vorgehen, welches nur wirtschaftliches Interesse bedient, favorisierten sie einen Staat in der Funktion des Schiedsrichters bzw. Vermittlers, der die differenten Interessen innerhalb der ihr anvertrauten Gesellschaft ausgleicht. Das verlange einen starken, unparteiischen Staat, legitimiert durch rechtliche und moralische Motive, so die Begründer der Schule, die auch als „neoliberal“ bezeichnet wurde.

©Foto: Wolfgang Pfensig/www.pixelio.de
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So finden sich zum Beispiel in Wilhelm Röbkes Schriften sehr zeitlos klingende Formulierungen. An einer Stelle ruft er dazu auf, den „Kapitalismus vor den Kapitalisten“ zu retten, an anderer Stelle kritisiert er scharf den permanenten Versuch der Finanzwirtschaft, ihre Risiken der Gemeinschaft aufzubürden und spricht kritisch von der „Sozialisierung der Verluste“.

Heraklit, Panta rhei (πάντα ῥεῖ): Alles fließt! Mitunter lohnt es, auch die Herkunft der Kampfbegriffe in den Blick zu nehmen.

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Christoph Theligmann

Redakteur bei der Sperre
Redakteur des Magazin Sperre sowie dem Online-Portal des Magazins
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