aus dem Magazin Rund um Münster

MALTA – die etwas andere Insel, mitten im westfälischen Münster

Aus der Sperre Herbst 2019

Ein Ort, an dem sich Menschen treffen, die es gar nicht gibt

Wer kennt das Lied nicht: „Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer …“? Zugegeben, ganz so wie in der Augsburger Puppenkiste und bei Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer sieht es nicht aus. Die Insel MALTA besitzt nicht wirklich zwei Berge, dafür aber eine – ehemals – blau-weiße Marquise, eine vollgeklebte Eingangstür, einen überquellenden Aschenbecher, eine leicht schief hängende Weltkarte, drei mehr oder weniger moderne Computer sowie – etwas stinkiges Eigenlob muss an dieser Stelle erlaubt sein – mehrere hoch motivierte Praktikanten.

Was jetzt folgt, ist sowohl ein Erlebnisbericht eines ehemaligen Praktikanten (Daniel Krull) als auch von einer aktuellen Praktikantin (Lea Pohl) eine detaillierte Vorstellung aller Angebote, Kurse und Möglichkeiten, die man auf … ähhh … in der Insel mitten in Münster erleben kann. Türen schließen, es geht los…

Die Seele baumelt vor sich hin

Zu einem ordentlichen Studium gehört auch das eine oder andere (Pflicht-)Praktikum. Als (damals) angehender Sozialpädagoge und nach der bestandenen Abschlussarbeit stand am Ende meines Studiums mein dreimonatiges Pflichtpraktikum an. Wo kann man im westfälischen Münster ein Praktikum machen? Na logo, im MALTA, Münsters Arbeitslosentreff Achtermannstraße.
Vor dem ersten Tag meines Praktikums machte ich mir so meine Gedanken, wie ungefähr mein Arbeitsalltag im MALTA aussehen könnte. Da wir ja in Deutschland annähernd Vollbeschäftigung (oder so ähnlich) haben, stellte ich mir den Ablauf meiner täglichen Arbeit ungefähr so vor: Nichtstun, Füße hochlegen, Pistenpläne der Skigebiete der Alpen studieren, mich auf meinen nächsten Skiurlaub freuen, den ganzen Tag herumgammeln und einfach nur die Seele baumeln lassen. Perfekt. Das kann ich. Das kenne ich. Das kenne ich bereits von meinem Studium und einigen langweiligen Veranstaltungen. Da ich aber in den Vorlesungen Statistik 1 und Statistik 2 besonders gut (?) aufgepasst hatte, war die Angelegenheit für mich eine einfache mathematische Gleichung: 0 = 0. Bedeutet: Keine Arbeitslosen = keine Arbeit während des Praktikums für mich. Voller Vorfreude machte ich mich also an meinem ersten Arbeitstag auf den Weg in Richtung Achtermannstraße 10–12.

Verstehen Sie Spaß?

Alle wichtigen und unwichtigen Unterlagen wie die Praktikumsvereinbarung, unzählige Pistenpläne und die neueste Ausgabe der „SPERRE – Münsters Magazin für Arbeit, Soziales & Kultur“ hatte ich mit im Gepäck. Hoch motiviert und überpünktlich kam vor dem cuba an, ging schnurstracks in den Hof zum Eingang des MALTA, wo sich schon gut 10 Personen aufhielten, obwohl das MALTA erst in knapp 15 Minuten öffnen sollte. Ich sagte in freundlichem und fast schon überschwänglichen Tonfall: „Guten Morgen allerseits. Kann ich irgendwo behilflich sein?“. Die Antworten folgten wie aus der Pistole geschossen: Peng, peng, peng! Alle redeten wild durcheinander, wobei ich folgende Aussagen aufschnappen konnte: „Ich brauche Unterstützung bei einem Anschreiben! Ich benötige dringend Hilfe beim Weiterbewilligungsantrag zum Arbeitslosengeld II! Ich habe eine Frage zu einer möglichen Umschulung! Ich bin seit mehr als 10 Jahren arbeitslos und möchte mich in Zukunft selbstständig machen! Ich möchte gerne eine neue Ausbildung beginnen! Ich suche einfach nur jemanden zum Zuhören!“.
Äh? Ähh? Ähhh? Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Bitte? Wie kann denn das sein? Wo kommen denn auf einmal die ganzen Arbeitslosen her? Arbeitslose Menschen in einer so reichen Stadt wie dem schönen Münster? In der Stadt, die im Jahr 2004 zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt wurde? Wir haben doch Vollbeschäftigung!? Schlafe ich noch oder träume ich schon? Versteckte Kamera? Bin ich in der kommenden Sendung bei Verstehen Sie Spaß? mit Guido Cantz? Was ist jetzt mit meinen ganzen (Pisten-)Plänen?

Unsichtbare werden sichtbar(er)

Gedanken- beziehungsweise Emotionssprung: Natürlich war ich mir vor dem Beginn meines Praktikums nicht zu 99,9 %, sondern zu 100 % bewusst, dass meine Arbeitskollegen und ich mit den unterschiedlichsten Arbeitslosen zu tun haben werden beziehungsweise mit unzähligen Formen der Arbeitslosigkeit in Berührung kommen werden. Schade nur, dass die Politik diese arbeitslosen Menschen und allgemein die Arbeitslosigkeit nicht (mehr) sehen will. Ich sehe sie nämlich während meines Praktikums mehr als deutlich: Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde. Ich sehe sie. Ich sehe sie glasklar. Die Arbeitslosigkeit existiert. Sie ist da. Sie geht auch nicht einfach so weg. Auch wenn die deutsche Politik mit geschönten, verdrehten und kaschierten Zahlen das Gegenteil behauptet. Ich falle auf diese Fake News nicht herein. Nun stand ich also vor dem Eingang des MALTA mit ungefähr 10 hilfesuchenden und zum Teil auch stark frustrierten und verzweifelten Arbeitslosen. Das war der Startpunkt meines dreimonatigen Praktikums im MALTA.
Nach den ersten Tagen des Praktikums zog ich ein erstes, kleines Zwischenfazit: Ich bin immer noch hoch motiviert, habe jeden Tag eine ganze Menge zu tun und die annähernd 100 verschiedenen Pistenpläne der deutschen und österreichischen Alpen liegen immer noch unausgepackt und ungelesen in meinem schwarzen löchrigen Beutel. Wie lässt sich das MALTA, die etwas andere Insel mitten im westfälischen Münster beschreiben? Etwa so steril, kalt, grau und unübersichtlich wie das Jobcenter? Massenabfertigung und so anonym wie bei der Agentur für Arbeit? Bestimmt nicht!

Jeder ist im MALTA willkommen!

Alle Menschen sind im MALTA willkommen! Egal, ob Mann, Frau oder drittes Geschlecht. Egal, ob Arm oder Reich, ob Jung oder Alt, Klein oder Groß, Dick oder Dünn, hetereo-/homo- oder bisexuell/etc., Schwarz oder Weiß, arbeitssuchend oder nicht arbeitssuchend, religiös oder nicht religiös, mit oder ohne Migrationsvorgeschichte, FC Bayern München- oder Borussia Dortmund-Fan, Schlager- oder Metal-Hörer, BILD-Zeitung- oder SPERRE-Leser. Ohne Wenn und Aber gilt: Jeder ist im MALTA willkommen! Jeder! Einfach vorbeikommen!
Was es dort nämlich alles für tolle, interessante, spannende und wichtige Angebote, Kurse und Möglichkeiten gibt, folgt sogleich. Praktikantin Lea, bitte übernehmen!

Bewerbungschancen vergrößern

Danke, Ex-Praktikant Daniel! Und danke auch für Deine über 6000 Zeichen. Ein Satz der Marke „Es existiert in Deutschland keine Vollbeschäftigung!“ und somit knapp unter 60 Zeichen hätten eigentlich auch ausgereicht. Hahaha!
Zurück zum MALTA in Münster: Wer in unserer gnadenlosen Ellbogen- und Leistungsgesellschaft in Deutschland eine Arbeit finden möchte, muss sich mit diversen Unterlagen bewerben. Leider, aber Hilfe naht. Das MALTA bietet die Möglichkeit, zusammen mit den fachkundigen Mitarbeitern einen adäquaten Lebenslauf und ein passgenaues Anschreiben zu verfassen, die den Besuchern den Konkurrenzkampf um freie Stellen erleichtern sollen und ihnen so die bestmöglichen Chancen für einen Weg aus der Arbeitslosigkeit zu eröffnen.

Anträge und Formulare leicht gemacht

Beamtendeutsch ist für niemanden leicht zu verstehen. Weder für Beamte, noch für Deutsche und erst recht nicht für jene Menschen, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Und wenn es dann noch um Formulare und Anträge geht, die nicht nur gefühlt aus einem Wörtersalat bestehen, sondern auch noch dringlich oder entscheidend für das weitere Vorgehen mit dem Amt sind, kann ein einfaches DIN-A4-Blatt schnell mal zum unüberwindbaren Hindernis werden. Im MALTA wird versucht, gemeinsam einen Weg durch diesen Wörterdschungel zu finden. Hier füllen die kompetenten Mitarbeiter zusammen mit den Besuchern Arbeitslosengeld I- beziehungsweise Arbeitslosengeld II-, Weiterbewilligungs-, Wohn- und Kindergeld, Kinderzuschlag- oder sonstige Anträge und Formulare aus, die beim alleinigen Durchlesen oft Kopfzerbrechen, manchmal sogar Kopfschmerzen bereiten können. Beim gemeinsamen Bearbeiten der Dokumente können so offene Fragen schnell geklärt und zusammen das Hindernis der Bürokratie überwunden werden.

Der Weg zu einer Wohnung wird geebnet

Dass die Wohnungssuche in Münster problematisch sein kann, ist nicht neu. Zwar hat das MALTA leider keine freien und bezahlbaren (!) Wohnungen im Angebot, kann aber Wohnungssuchenden beratend und unterstützend zur Seite stehen. Ob es um das Aufzeigen der Möglichkeiten bei der Wohnungssuche, das Informieren über auf die Wohnungssuche spezialisierten Vereine oder um das Formulieren einer adäquaten Wohnungsbewerbung geht – die versierten MALTA-Mitarbeiter tun was sie können, um die Besucher bei ihrer Suche nach einem neuen Zuhause so gut wie es geht zu unterstützen.

„Aber heißt Frauensolidarität nicht auch, dass man sich was abgucken kann?“
(Maren Kroymann)

Frauenvormittag: Zusammen ist Frau weniger allein

So schön Frauensolidarität auch ist, sie wird heute oft mit radikalem Feminismus gleichgesetzt. Aber wie Schauspielerin und Kabarettistin Maren Kroymann einmal dazu bemerkte: „Aber heißt Frauensolidarität nicht auch, dass man sich was abgucken kann?“. Dies wird beim Frauenvormittag, der immer donnerstags in der Zeit von 10:00 Uhr bis 12:00 Uhr im MALTA stattfindet, versucht. Auch hier wird das typische Beratungsangebot geboten: Bewerbungen schreiben (Anschreiben, Lebensläufe etc.), Arbeitsplatz- und Wohnungssuche, Formularhilfen usw. Nur, dass hier eine rein weibliche Belegschaft den Besucherinnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Und auch wenn man nur auf einen Kaffee vorbeikommen möchte – unter Frauen schnackt es sich manchmal eben doch am besten (leicht augenzwinkernder Einwurf von Daniel: “Bitte waaass?!? Lea, Du spinnst wohl!?! Dir ist wohl der Kaffee nicht bekommen.“).

Ämterbegleitung: Zusammen ist man weniger allein

Ein Gang nach Canossa ist es zwar offiziell nicht, anfühlen tut es sich manchmal aber trotzdem so: Einem Termin mit dem Amt sieht man selten freudestrahlend entgegen. Erst recht nicht, wenn man auf sich allein gestellt ist. Wer sich wohler fühlt, einen solchen Termin nicht allein wahrnehmen zu müssen, kann sich rechtzeitig im MALTA melden. Nach § 13 Absatz 4 Satz 1 SGB X gilt nämlich: „Ein Beteiligter kann zu Verhandlungen und Besprechungen mit einem Beistand erscheinen“. Das bedeutet, jeder, der sich beim Gedanken unwohl fühlt, alleine zum Jobcenter, Agentur für Arbeit, Rechts- und Ausländeramt etc. zu müssen, kann einen Beistand mitnehmen.
Einfach im MALTA persönlich vorbeikommen, kurz anrufen oder eine E-Mail schreiben: Das MALTA wird den Wunsch realisieren und zeitnah eine Ämterbegleitung organisieren. Dabei wird ein Mitarbeiter Dich/Sie zum Amt begleiten und unterstützend zur Seite stehen! Dieser Mitarbeiter wird sein Bestes geben, die jeweiligen Interessen zu vertreten. Ebenso können Informationsdefizite, Fehleinschätzungen etc. ausgeräumt werden als auch die mögliche Angst vor einem Termin abgemildert werden. Denn: Zusammen ist nicht nur Frau, sondern auch man(n) weniger allein.

„Jeder Idiot kann eine Krise haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.“
(Anton Tschechow)

Musikmachen für jedermann und jedefrau

„Jeder Idiot kann eine Krise haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag“. Nicht willkommen, aber trotzdem sehr penetrant schleicht sich der Alltag manchmal in unser Leben, bietet bei seinem Einzug Raum für Routine und sorgt dafür, dass unser Leben sich anfühlen kann wie eine Zugfahrt ohne Halt. Umso schöner sind die Zeiten, in denen man dem Alltag für einen Moment entfliehen kann. Und womit geht das besser als mit Musik? Für Hobbymusiker, Anfänger und die, die gerne einfach mal vorbeischauen möchten: Jeden Freitag von 18:00 Uhr bis 20:00 Uhr kann man im MALTA mit einem mitgebrachten Instrument seiner Wahl gemeinsam musizieren, komponieren und auch improvisieren. Der Fantasie sind hier so gut wie keine Grenzen gesetzt. Und so wird der kleine gemütliche MALTA-Raum im Innenhof des cuba schnell mal zur Insel abseits der Alltagssorgen. „Eine Insel mit …“.

„Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer.“
(Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Angebote im Angebot

Nicht wirklich im Angebot, dafür aber im Angebot:

● Computerkurs: Hier kann man sich grundlegende Computerkenntnisse aneignen oder bisheriges Wissen nach Bedarf und eigenem Belieben auffrischen. Wie immer im MALTA: ganz ohne Zwang und mit viel Geduld.

● MALTA-Chor: Für jene, die Lust auf gemeinsames Singen und Einstudieren von Liedern haben, ist der MALTA-Chor genau richtig. Auch hier gilt uneingeschränkt: Jeder ist willkommen!

● Spanischkurs: Ab September 2019 bietet das MALTA zusätzlich einen Anfängersprachkurs für Spanisch an, der von einer ehemaligen – und ebenfalls hoch motivierten – Mit-Praktikantin geleitet wird. Perfekt, um lang vergessen geglaubte Spanischkenntnisse wieder hervorzukramen oder einen ersten Einstieg in die fremde Sprache zu wagen. Wer Interesse hat, kann einfach im MALTA anrufen oder vorbeikommen und sich anmelden.

„Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten!“
(Rabindranath Tagore)

● Der Pflanzendoktor: Gerade nach diesem unerträglich heißen Sommer stehen unsere behüteten Zimmer-, Balkon- und/oder Gartenpflanzen nicht unbedingt im vollen Glanz. Wer mehr darüber lernen möchte, wie man sie nun am besten pflegt, oder insgesamt an Tipps und Tricks rund ums Gärtnern interessiert ist, ist herzlich dazu eingeladen, unserem Pflanzendoktor einen Besuch abzustatten. Oder um es anders zu sagen: „Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten!“.
Apropos: Daniel, bitte wieder übernehmen. Und bitte: Fasse Dich diesmal k.u.r.z.!

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„Ah, jetzt, ja.“
(Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer)

„Ah, jetzt, ja“: Eine (DIE!) Insel in Münster

„Ah, jetzt, ja“. Kurzfassen? Ich? Puh, ich probiere es.
Um zum Abschluss wieder zum Anfang und zu Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer zurückzukommen – an dieser Stelle bleibt nämlich nur noch eine kleine Frage offen: „Nun, wie mag die Insel heißen“, die arbeitslose Menschen so gut wie es geht unterstützt? Darauf kann es eigentlich nur eine Antwort geben: „Jeder sollte einmal reisen in das schöne Lummerland … ähhh … MALTA, Münsters Arbeitslosentreff Achtermannstraße!“. Erfinder und Schriftsteller Michael Ende hätte es nicht besser sagen können. Apropos „Ende“: Ende.

„Jeder sollte einmal reisen in das schöne Lummerland.“
(Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer)

P. S.: Wer einmal ein Praktikum im MALTA machen möchte, einfach mal auf die Seite 11 dieser Ausgabe (Ausgabe: „SPERRE – Münsters Magazin für Arbeit, Soziales & Kultur“ / Herbst 2019) schauen und sich bei uns melden.

MALTA – Münsters Arbeitslosentreff Achtermannstraße
Achtermannstraße 10–12 (Hof vom cuba)
48143 Münster
Telefon: 0251 4140553
E-Mail: malta@maltanetz.de
Internetseite: www.maltanetz.de

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Daniel Krull

„Mädchen für alles“ sowie Redakteur und Autor bei der Broschüre „fast umsonst – mit dabei! Münster-Ratgeber für ein preiswertes Leben“ als auch Redakteur und Autor bei „SPERRE – Münsters Magazin für Arbeit, Soziales & Kultur“
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