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Gleichheit ist Glück

Daniel Stricker pixelio.de
Daniel Stricker/pixelio.de

Wie die Gesellschaft doch noch glücklich werden kann

Beim jährlich erscheinenden „World Happiness Report“ der UNO liegt Deutschland regelmäßig im Ranking weit abgeschlagen, zur Zeit auf Platz 26, hinter Ländern wie Oman (Platz 22) oder Panama (Platz 25). Ganz vorne liegt die Schweiz, gefolgt von Dänemark. Aber auch Finnland, die Niederlande und Schweden sind unter den Top Ten zu finden, in denen die Menschen am glücklichsten sind. Deutschland als eines der reichsten Länder müsste eigentlich deutlich weiter vorne rangieren. Tut es aber nicht. Woran liegt das?

Dafür hat der Epidemiologe Richard Wilkinson eine bestechend einfache Antwort: „Gleichheit ist Glück“ lautet sein Credo. Gemeint ist der soziale Ausgleich zwischen Arm und Reich. Seine Feststellung: Gesellschaften, in denen die Schere zwischen Arm und Reich besonders stark auseinander geht, werden insgesamt unglücklicher – die Armen und die Reichen. Das lässt sich sogar messen. Ungleiche Gesellschaften schneiden bei der Lebenserwartung schlechter ab. Es gibt mehr Drogensüchtige, mehr psychische Erkrankungen wie Depressionen, mehr Kriminalität. Als Beispiel führt Wilkinson die USA an, die in den 1950er-Jahren mit der höchsten Lebenserwartung glänzen konnten. Heute liegen sie im weltweiten Vergleich zwischen Platz 25 und 30. Der Grund: Die Ungleichheit ist in den USA seit den 1950er-Jahren geradezu explodiert. Ganz im Gegensatz zu Japan, das nach dem Krieg bezüglich Lebenserwartung ganz weit hinten lag – und nun, nachdem die soziale Ungleichheit rapide zurückgedrängt wurde, ganz vorne liegt.
Laut Wilkinson gibt es in den USA und Großbritannien sogar arme Regionen, in denen die Lebenserwartung um 20 Jahre niedriger ist als in den wohlhabenden Gegenden. Was ja zunächst nicht weiter überrascht. Unzählige Studien zeigten aber auch, dass solche Ungleichheiten die Lebenserwartung in allen sozialen Schichten negativ beeinflussen. Sein Fazit: 95 Prozent einer Gesellschaft könnten gesünder leben, wenn mehr Gleichheit herrscht.

Aber damit mehr Gleichheit herrscht, müssten die reichsten zehn Prozent auch dazu bereit sein, etwas von ihrem Reichtum abzugeben. Und genau hier hakt es. Denn es gibt ein Phänomen, das unter Soziologen geläufig ist: Ungleichheit bringt die Besitzenden eher dazu, noch mehr auf den eigenen Vorteil zu achten. Der Psychologe Takuya Sawaoka von der Stanford University hat beispielsweise in mehreren Experimenten nachgewiesen, dass Menschen eine Ungerechtigkeit sofort bemerken, wenn sie sich mächtig fühlen – zumindest dann, wenn sie selbst betroffen sind. Wenn dagegen andere die Opfer sind oder sie selbst gar profitieren, erweisen sie sich als deutlich weniger sensibel. So wundert es auch nicht, dass Reiche aus besonders Staaten mit großer Ungleichheit weniger spendenfreudig sind.
Wobei das Abgeben eigentlich leicht fallen sollte, denn mehr Geld kann glücklich machen, aber viel mehr Geld macht nicht glücklicher. Wer nur 5000 Dollar im Jahr zur Verfügung hat, so eine aktuelle Studie, dem geht es sicher schlecht. Und so steigt auch das subjektive Glücksempfinden mit jedem Dollar, der mehr zur Verfügung steht, und es nimmt kontinuierlich bis zu einem Betrag von 50.000 Dollar im Jahr zu. Aber das Glücksempfinden steigt nicht mehr im gleichen Maße von 50.000 nach 5 Millionen Dollar an. Dieses Phänomen wird auch als das „Easterlin-Paradox“ bezeichnet, so benannt nach seinem Entdecker Richard Easterlin, US-Ökonom an der University of Southern Carolina in L.A. Seine Erkenntnis: Das Glück einer Nation nimmt trotz steigenden Wohlstands über Jahrzehnte hinweg kaum zu. Das Easterlin-Paradox gilt gerade für viele der weltweit reichsten Länder und im besonderen Maße für Deutschland: In Deutschland ist das Glücksempfinden in den jüngsten drei Jahrzehnten trotz stetig gestiegenem Bruttosozialprodukt sogar gesunken.

Heike Berse/pixelio.de
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Ob das Bruttosozialprodukt überhaupt zur Messung für gesellschaftliches Glück taugt, darf getrost bezweifelt werden. Steigt es doch auch nach Naturkatastrophen, denn dann muss wieder repariert und mehr gebaut werden. Oder bei der Zunahme von Kriminalität: Gestohlene Autos müssen durch neue ersetzt werden, sonstige materielle Schäden müssen ersetzt werden und physische geheilt. Oder wie Robert F. Kennedy so treffend sagte: „ Das Bruttoinlandsprodukt misst alles – außer dem, was das Leben lebenswert macht.“
Weshalb von vielen Forschern nicht mehr das Wachstum per se als Grundlage genommen wird, sondern das qualitative Wachstum, wie Wilkinson es praktiziert, oder wie es zum Beispiel der „Happy-Planet-Index der New Economic Foundation vorsieht. Bei ihm wird die subjektiv erhobene Lebenszufriedenheit mit der Lebenserwartung multipliziert und das Ergebnis durch den ökologischen Fußabdruck (Umweltschäden) des Landes dividiert. Norwegen und die Schweiz belegen hier erwartungsgemäß vordere Plätze. Aber aufgrund des geringen Ressourcenverbrauchs auch Länder wie Albanien oder Costa Rica.

Eine noch weiter gehende Variante der Glücksmessung ist das sogenannte „Bruttonationalglück“ des Landes Bhutan. Diesen Begriff prägte der König von Bhutan schon 1972, als er von einem Journalisten gefragt wurde, wie groß denn das Bruttosozialprodukt des Landes wäre. Er vertrat die Auffassung, dass die reine Betrachtung der Wirtschaft und des Bruttosozialprodukts zu wenig über das Wohlergehen der Einwohner eines Staates aussagt. Um dies zu erforschen und jährlich zu steigern, setzte er eigens eine Staatskommission ein: die sogenannte „Kommission für das Nationalglück“.
Das Bruttonationalglück beruht auf vier Säulen: Die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, die Bewahrung und Förderung kultureller Werte, der Schutz der Umwelt und den Aufbau guter Regierungs- und Verwaltungsstrukturen. Bhutan hat als einziges Land ein nicht wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell in seiner Verfassung verankert. Darin ist ebenfalls festgelegt, dass 60 Prozent des Landes von Wald bedeckt sein müssen. Ein Umstand, der heute davor schützt, noch deutlich mehr Wasserkraftwerke in Betrieb zu nehmen für den energiehungrigen Nachbarn Indien. Statistisch betrachtet ist Bhutan zwar eines der ärmsten Länder der Welt. Dennoch liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen seiner Bevölkerung deutlich höher als im Nachbarland Indien. Und – aber dies nur am Rande: In Bhutan werden die Häuser über die Frauen vererbt.

Ist Bhutans Bruttonationalglück also ein Vorbild für den Rest der Welt? Vielleicht. Was auf jeden Fall verändert werden muss, ist die Ausrichtung der Politik auf den sogenannten „Homo oeconomicus“. Diese von den Wirtschaftswissenschaften entwickelte künstliche Figur besagt, dass der Mensch immer zuerst an sich selber denkt. Auf die Politik übertragen heißt das: Es wird unterstellt, dass immer nur die Partei regieren wird, die den Menschen in seinem Egoismus anspricht. Ganz nach dem Motto: „Hauptsache, mir geht‘s besser, was mit den anderen ist, das ist egal.“ Oder, wie der Altkanzler Helmut Kohl es formulierte: „Die Wahl entscheidet sich bei dem Bimbes.“ Dieses Denken ist veraltet, löst keine Probleme und entspricht nicht der Realität. Es spiegelt sich wieder im Verhalten gegenüber Griechenland („Sollen sie doch sehen, wie sie klar kommen.“) und in der mangelnden Solidarität in der Flüchtlingskrise.
Anders als der Homo oeconomicus ist der Mensch aber viel komplexer, viel sozialer und dem Gemeinsinn zugewandt als die Politikberater aus der Wirtschaft es wahr haben wollen. Beispielsweise wäre ohne die übergroße Zahl ehrenamtlichen Engagements in der Flüchtlingskrise aus dem „Wir schaffen das.“ schon längst ein „Wir sind gescheitert.“ geworden. Eben weil die Bürger gar nicht so dumpf egoistisch und nationalistisch sind, wie es rechte Parteien gerne glauben machen wollen. Ganz im Gegenteil. Eine realistische mehrheitsfähige moderne Politik ist sozial und auf den Ausgleich bedacht. Ohne Angst und Scheuklappen. Mit offensiv vertretenem Gemeinsinn würden sich auch Wahlen gewinnen lassen. Und – dies zeigt die Glücksforschung – eine Gesellschaft, die sich dem Gemeinsinn verpflichtet, ist einfach zufriedener.
Das Glück beinhaltet eben immer auch das Glück der anderen.