Arbeit und Soziales

Gib mir etwas, was ich wählen kann

Langzeitarbeitslose wählten Anfang September bei den Landtagswahlen in Sachsen 41 Prozent und im Bundesland Brandenburg 43 Prozent die AfD. Gemessen am allgemeinen Wahlverhalten ist dies ein weit überdurchschnittliches Wahlergebnis gewesen. Dafür muss es nachvollziehbare Gründe geben. Eine umfangreiche Studie wollte Ursachen ergründen, erarbeitet wurde diese vom Evangelischen Fachverband für Arbeit und soziale Integration und der Diakonie in Bayern.

Zurzeit gibt es 740.000 Langzeitarbeitslose in Deutschland. Da mag es wenig repräsentativ sein, wenn lediglich 70 langzeitarbeitslose Menschen befragt werden. Doch laut Studienleiter Franz Schultheis ist es die Art und Weise der Befragung gewesen, welche die Studie so aussagekräftig und glaubwürdig macht, denn die Menschen befragten sich gegenseitig nach ihren detaillierten Lebensumständen. Dabei wurde deutlich, dass Menschen, die selbst über einen langen Zeitpunkt ohne Erwerbsarbeit sind, nicht häufiger zu extremen politischen Überzeugungen neigen als Leute in vergleichbar anderen Lebensumständen. Doch das Leben am Existenzminimum erlaubt eben kein menschenwürdiges Überlebeben und das hat Konsequenzen.

Vorrangiges Gefühl ist das der Scham, der Scham von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein. Weil ein Leben in dieser Gesellschaft auch schlicht kostet und das zur Verfügung stehende Geld dazu nicht reicht. Das Amt verwalte einen nur mit Maßnahmen, die ergebnislos seien, das verstärke nur die eigene Hilflosigkeit. Bei Verteilungskämpfen, Stichwort Armutsschere, befände man sich stets und immer wieder nur auf der einen Seite, der Seite der Benachteiligung. Sich nicht wert fühlen in der Gesellschaft schafft Distanz zur politischen Teilhabe und Willensbildung. Meistens findet sie gar nicht mehr statt, dann gehört man schnell zu der Gruppe der Nichtwähler*innen. Sich nicht mehr parteipolitisch vertreten zu fühlen, reduziere das eigene Wahlverhalten auf eine generelle Protesthaltung, die auf Protestparteien trifft, deren inhaltliche Ausrichtung nicht interessiere. Protest um des Protestes willen, die AfD biete sich da gerade an.

Verloren als Wähler*innen sind diese Menschen nicht. Eine*r der in der Studie befragten Personen sagte, es müsste eine Partei geben, welche sich in der programmatischen Ausrichtung vorrangig für Arbeitslose einsetzen würde und die nebenbei auch koalitionsfähig sein solle.

Aber: Langzeitarbeitslose Wähler*innen sollten sich bewußt sein: Sie wählen damit ihre eigenen Henker*innen.

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Christoph Theligmann

Redakteur bei der Sperre
Redakteur des Magazin Sperre sowie dem Online-Portal des Magazins
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