Rund um Münster

GGUA wird 40: Küppers: „Münster ist heute ohne GGUA nicht denkbar“

Nach über 100.000 Beratungen für Asylsuchende, andere Geflüchtete und Arbeits- und studentische Migranten wurde die GGUA am 5. April 2019 40 Jahre alt. Die Sperre sagt also: Herzliche Glückwunsch!

Dazu luden Marita Otte (Aufsichtsrätin), Volker-Maria Hügel (Projekt Q), Hevron Ala (Migrations- und Flüchtlingsberaterin) und Theresa Küppers (Aufsichtsrätin) zum Pressegespräch. Volker-Maria Hügel, Gründungsmitglied der GGUA, schilderte zunächst die Anfangszeit: Die GGUA bekam zunächst keine Anerkennung durch Politik und Gesellschaft. Nur ein wenig Solidarität kam von den Gewerkschaften.
Durch gute Vernetzungsarbeit von Spyros Marinos (gest. 13.01.2017) und VMH, wie Volker-Maria Hügel auch genannt wird, konnte bald eine gewisse Anerkennung erarbeitet werden.

Aber von Anfang an: Eine der ersten Aktionen war die Unterstützung der Asylsuchenden in der Asylunterkunft Grevener Straße 69. Die Wohnbedingungen waren dort sowieso katastrophal. Dazu kam dann aber noch, dass der Bezirksschornsteinfeger den Schornstein wegen Mängeln außer Betrieb setzte, die Stadt aber sich nicht bemüßigt sah, einen Reparateur zu beordern.

Damals sei die Situation so gewesen, dass Dolmetscher fehlten, das Sozialamt „keine Ahnung“ gehabt habe und das Ausländeramt für Probleme kein einziges offenes Ohr hatte.

Die erfolgreiche Aktion 302 für dauerhaftes Bleiberecht für die 302 Roma, die aus dem ehemaligen Bürgerkriegsland Kosovo geflohen waren und 2009 immer noch kein endgültiges Bleiberecht hatten: Auf dem roten Solidaritätssofa in Münsters Fußgängerzone nahmen über 302 Bürger*innen Platz, um sich aus Solidarität fotografieren zu lassen. Auch viele Prominente wie Ruprecht Polenz (CDU), Manni Spitzer (Kabarettist) und Christoph Strässer (SPD) nahmen Platz. Die Aktion war nötig, da bis heute im Kosovo starker Antiziganismus herrscht und daher eine Rückkehr unmenschlich wäre. Die Aktion im Web: https://www.aktion302.de/index.php?id=250.
Foto: GGUA

Dies habe sich Gottseidank inzwischen radikal geändert. Die Ämter seien nun offen für Probleme und deren Lösungen. Die Parteien würden übergreifend die Hilfe der GGUA dankbar annehmen (außer natürlich die AfD, aber wen interessiert die schon?). Die Stadtgesellschaft habe sich auch geändert: Dank u.a. der GGUA sei die Stadtgesellschaft nun offen für Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete.

Inzwischen habe sich das Team der GGUA auch auf 30 feste und über 250 freie Mitarbeiter*innen ausgebaut. Die Arbeit der GGUA umfasst heute von der klassischen Flüchtlingsberatung über die Arbeitsmarktintegration (MAMBA), das Pat*innen-Projekt „Schlauberger“ für ehrenamtliche Betreuung von migrantischen Schüler*innen bis zum Projekt Q, das bundesweit die Berater*innen selbst weiterqualifiziert. Nicht zu vergessen das Radio Fluchtpunkt im Bürgerfunk (jeden 1. Dienstag im Monat um 20:04 Uhr auf 95,4 MHz und im Kabel 91,2 MHz).

Aber auch heute gäbe es Probleme zu stemmen so VMH: Die bestehenden Arbeitsverbote für nicht anerkannte Asylbewerber, der restriktive und schleppende Familiennachzug (Dank „Vollhorst“ Seehofer) und Traumata-Betreuung für die Geflüchteten seien anzugehen.

Auch heute sei das Thema Roma wieder aktuell: Es gälte die heute aus dem Balkan kommenden Romanes zu unterstützen. Sie haben kein Bleiberecht, da sie als EU-Bürger als Arbeitsmigranten gälten. Trotzdem bräuchten sie Hilfe. Denn schließlich grassiere auf dem Balkan immer noch starker Antiziganismus. Die Situation dort sei für die Nachfahren von Holocaust-Opfern weiterhin nicht tragbar.

Ein großes Problem sei die Durchsetzung der Schulpflicht für minderjährige Geflüchtete. Diese Selbstverständlichkeit sei auch in Münster noch nicht gelöst. Aber VMH sieht da erste Ansätze, dass in Zusammenarbeit mit der Stadt Münster bald eine Lösung geschaffen wird.

Hevron Ala hebt die Schwierigkeiten bei minderjährigen Geflüchteten hervor: Der Familiennachzug dauert zu lange. Durch die bestehenden Regeln würden Familien auseinander gerissen: Die Eltern müssten sich entscheiden: Bleibe ich bei meinen im Heimatland verbliebenen Kindern oder nehme ich den Familiennachzug wahr und ziehe zu meinem Kind in Deutschland? Ebenso fehlten für die doch belastende Situation für die minderjährigen Geflüchteten therapeutische Angebote.

Die GGUA stellen vor: Marita Otte (Aufsichtsrätin), Volker-Maria Hügel (Projekt Q), Hevron Ala (Migrations- und Flüchtlingsberaterin) und Theresa Küppers (Aufsichtsrätin).
Foto: Jan Große Nobis

Volker-Maria Hügel weist auch noch einmal auf die allgemeine politische Situation hin: Es gäbe viele Probleme mit den Ministerien in Land und Bund, Botschaftsangehörige seien mit Wiedereinführung des Familiennachzugs abgezogen worden, trotz besonderem Schutz für Kinder würden ganze Familien abgeschoben.

Der für Geflüchtete zuständige NRW-Minister Stamp (FDP) würde sich zwar für eine Bleibeperspektive für „integrationswillige“ Geflüchtete einsetzen. Gleichzeitig würde er aber auf zentrale Flüchtlingsunterbringung setzen, die genauso schlimm ist, wie die unmenschlichen Ankerzentren a la Seehofer in Bayern.

Volker-Maria Hügel habe mit so einem heftigen Rollback in der Flüchtlingspolitik nicht gerechnet. Leider sei die Willkommenskultur bundesweit schnell durch eine repressive Abschiebepolitik nach Seehofer abgelöst worden.

Aber für Münster gelte: Die Münsteraner Stadtgesellschaft sei weiterhin weltoffen und unter anderem die GGUA das Rezept gegen die AfD. Das Bundestagswahlergebnis belege dies. Wie bekannt blieb die AfD damals – bundesweit einmalig – unter 5 Prozent!

Die GGUA im Web: https://www.ggua.de/.

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