Rund um Münster

Gedenken am Rathaus: In Gedanken bei den Opfern von Halle

Mit großer Bestürzung haben Münsteranerinnen und Münsteraner den faschistischen Anschlag in Halle aufgenommen. Sie versammelten sich am Donnerstagabend (10. Oktober 2019) zu einer Gedenkveranstaltung am historischen Rathaus. Eingeladen hatte ein Bündnis aus Jugendorganisationen der demokratischen Parteien, der Aktion Sühnezeichen, dem Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) und der antifaschistischen Gruppe „eklat“.

In einer sehr persönlichen Rede gedachte Dana den Opfern von Halle. Foto: Jan Große Nobis.

„Bisher war die Frage, ob man Deutschland verlassen solle, wieder weit entfernt“

Zunächst stehen die zur Gedenkveranstaltung gekommenen über 300 Menschen andächtig in der Dunkelheit des Abends zusammen. Es ist sehr ruhig.

Als erstes hielt Dana, Promovierende an der Uni Münster und Leiterin der jüdischen Hochschulgruppe „Hillel Hub Münster“, eine sehr persönliche Rede über ihre Gedanken als Jüdin nach dem Anschlag:

„Die Nachricht aus Halle hat mich zutiefst schockiert. Bisher war die Frage, ob man Deutschland verlassen solle, wieder weit entfernt. Aber seit gestern ist sie aktuell, ich setze mich intensiv damit auseinander. Es ist ein Dilemma, denn ich bin deutsch! Meine persönliche Wahl war es deutsch zu werden, weil ich dieses Land, die Menschen (und das Bier) liebe“.

Sie fragt sich weiter: „Müssen wir unsere Kinder so erziehen, sich zu verstecken? Ihre jüdische Identität zu verheimlichen? Ist das wirklich das, was wir (als Gesellschaft) möchten? Ich weiß noch nicht, für was ich mich entscheide“. Und sie macht ihre Entscheidung von der kommenden Politik abhängig:

Wir sind alle betroffen“

„Bleibt es bei den üblichen Lippenbekenntnissen? Wird bald gehandelt? Wird endlich gegen antisemitische und rassistische Bewegungen vorgegangen?“

Aber sie sagt auch – und das macht Hoffnung: „Eure Solidarität macht mir Mut. Dass ihr euch heute mit mir hier versammelt habt… Es sagt mir: ‚Es betrifft nicht nur euch. Wir sind alle angegriffen worden. Die ganze Demokratie.‘“

Denn, ja: Die Demokratie und alle Demokrat*innen werde von der faschistischen Gewaltwelle bedroht: „Der Täter hat wahllos andere Menschen ermordet, als er erkannte, dass er keine Juden ermorden wird. Dieses Verhalten ist typisch für den Antisemitismus. Wenn es nämlich keine Juden mehr gibt, wendet sich der Hass gegen jeden Andersdenkenden. Gegen die Muslime. Oder die Linken. Oder die Schwulen. Oder die ‚Anderen‘. Wir sind alle betroffen“.

Und sie schließt mit dem Aufruf:

„Alle Demokraten müssen jetzt etwas tun!“

Danach fordert sie zuerst die Versammelten auf, sich zu Umarmen. Und fast alle tun es auch! Danach gibt es eine Schweigeminute!

„Worte, die deutlich machen: Der Staat hat versagt. Die Zivilgesellschaft hat versagt. Wir alle haben versagt“

Philipp Breder vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Münster zitierte in seiner folgenden Rede zunächst ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Halle:

„Wir haben die Tür zum Gebetsraum mit Stühlen verbarrikadiert. Wir waren bereit, zu kämpfen“.

Er ist erschüttert über diesen Bericht und sagt daraufhin:

„Worte eines Mitglieds der Jüdischen Gemeinde in Halle. Worte, die einen Schrecken hervorrufen. Worte, von denen nur diejenigen überrascht sind, die die Augen vor dem seit Jahren und Jahrzehnten schwelenden Antisemitismus verschließen. Worte, die man in dem Land, das über sechs Millionen Jüd*innen entrechtet und ermordet hat, niemals wieder notwendig werden lassen wollte.

Worte, die deutlich machen: Der Staat hat versagt. Die Zivilgesellschaft hat versagt. Wir alle haben versagt.“

Das ist eine traurige Bilanz zu dem antisemitischen Anschlag in Halle. Worte aber auch, die notwendig sind. Denn er kritisiert die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zu Recht: „Es handelt sich um kein ‚Alarmzeichen‘, dieser geplante antisemitische Massenmord, er war eben nicht ‚unvorstellbar‘. Es war kein Angriff auf uns alle. Es war ein Angriff auf Menschen, die anders markiert werden. Es war ein vom antisemitischen Hass getragener Anschlag“.

Kein Einzelfall

Denn dies sei kein Einzelfall: Die Tat in Halle reihe sich ein in eine Kette antisemitischer Angriffe: „Antisemitische Schmierereien, Beschimpfungen, Friedhofsschändungen, das Bespucken und Treten von Jüdinnen und Juden sind keine Einzelfälle“, so Philipp Breder. „Der gestrige Angriff auf den Kultusvorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien war kein Einzelfall. Der Schuss auf die Münsteraner Synagoge im Jahr 2015 war kein Einzelfall. Sie sind es nie gewesen.“ Dabei erinnert er daran, dass alleine 2018 1.799 antisemitische Straftaten registriert worden seien.

Der letztlich auf Vernichtung gerichtete Antisemitismus sei nichts Neues, so Breder: „Deshalb kann der Täter von Halle auch ‚ideologisch‘ nie Einzeltäter sein. Er handelte vielleicht ohne Komplizen, aber er handelte nicht allein. Im rechtsradikalen Milieu ist eine Saat aufgegangen, stehen mordbereite Schergen bereit. Diese Saat ist gewachsen auf dem Boden der Geschichtsrelativierung und der Menschenverachtung“.

Während der ganzen Gedenkveranstaltung konnten Münsteranerinnen und Münsteraner im Gedenken der Opfer von Halle Kerzen auf den Stufen des Rathauses anzünden. Foto: Jan Große Nobis.

„Aber vor allem braucht es endlich den politischen Willen der staatlichen Stellen, rechte Straf- und Gewalttaten konsequent und mit allen Mitteln zu verfolgen und zu bekämpfen“

Deshalb fordert Philipp Breder mehr antifaschistisches Engagement: „Engagement in der Schule und der Uni, im Betrieb und in der Nachbarschaft. Engagement für eine offene und freie Gesellschaft, in der für Antisemitismus kein Platz mehr ist. Es braucht auch mehr öffentliche Förderung für Projekte gegen jeden Antisemitismus“, so Breder.

Und es brauche „endlich den politischen Willen der staatlichen Stellen, rechte Straf- und Gewalttaten konsequent und mit allen Mitteln zu verfolgen und zu bekämpfen“.

Abschließend erinnert er an den Schwur, den die deutsche Gesellschaft mal den Jüdinnen und Juden gegeben hat:

„‚Nie wieder!‘. Dieser Schwur an die Welt, dieser Schwur an alle Jüd*innen, er darf nicht zur leeren Hülse verkommen. ‚Nie wieder!‘ sollten Juden auf deutschem Boden Furcht um ihr Leben haben müssen. Dieser Schwur darf nicht länger nur ein Schwur bleiben.

„Rechte Agitator*innen – auch in den Parlamenten – isolieren, ihnen keine Bühne bieten, ihre Selbstverharmlosung zurückweisen“

Im anschließenden Redebeitrag forderte die antifaschistische Gruppe „eklat“ ebenso:

„In Trauer und Wut fordern wir: rechte Agitator*innen – auch in den Parlamenten – isolieren, ihnen keine Bühne bieten, ihre Selbstverharmlosung zurückweisen“.

Siehe auch:

Lokalzeit Münsterland
Betroffenheit im Münsterland nach Halle-Attentat

RedaktionsNetzwerk Deutschland
„Waren kurz davor zu sterben“: Rabbinerpaar schildert Minuten in der Synagoge
Er überlebte den Anschlag in Halle, war währenddessen in der Synagoge: Der Rabbinerstudent Jeremy Borowitz. Im Interview erzählt er von seiner Angst und der Reaktion der Gemeinde. Unbeschwert hatte sich der US-Amerikaner mit seiner Frau in das jüdische Leben in Deutschland gestürzt – der Anschlag wirft sie aus der Bahn.

Spiegel online
Rechtsextremismus: Wieder Angst vor Deutschland
Diese Kolumne über die Gefahr der neuen Rechten hatte Sibylle Berg schon vor dem Attentat in Halle verfasst. Jetzt hat sie sie um einen Appell an die Regierung ergänzt: Bekämpfen Sie Rechtsradikale! Oder treten Sie zurück!

die tageszeitung
Antisemitischer Terror: Hässliche Worte, hässliche Taten
Angesichts von Halle kann unser Autor keinen Schock vorspielen: Längst sei es wieder normal, dass Nazis in Deutschland Menschen umbringen.

Update: Unter dem Titel Die AfD und das Verhältnis zum Antisemitismus“ veranstaltet das Junge Forum der DIG Münster am 16. Oktober 2019 um 19:00 Uhr im Universitätsgebäude an der Johannisstraße 4 ihre erste Vortragsveranstaltung im Wintersemester 2019/20.

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