Wohnen

Energiearmut

Es gibt einen neuen Vorschlag der Europäischen Union, jährlich die Energiearmut zu messen. Energiearmut ist ein neuer Begriff: Er bedeutet, dass Menschen so arm sind, dass sie die Stromkosten nicht mehr begleichen können. Und wenn sie die Stromrechnung mehrmals nicht beglichen haben, wird ihnen von den Energieversorgern der Strom abgedreht. Sie sind dann von sogenannten Stromsperren betroffen.

Für die Bundesregierung scheint dieser Vorschlag wenig Relevanz zu haben. Sonst hätte es nicht einer kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag bedurft, um die vorliegenden Zahlen für 2017 bekannt zu machen. Demzufolge ist den deutschen Stromkunden im Jahr 2017 ca. 340.000 mal der Strom abgestellt worden. Auch der durchschnittliche Zahlungsrückstand pro Einzelfall wurde in der Antwort der Bundesregierung genannt: Er betrug 117 Euro. Dabei ist zu bedenken, dass weitere Folgekosten entstehen – durch Kosten für Mahnungen, Entsperrungen, Wiederaktivierungen. Von der Energiearmut ist in fast jedem 2. Fall ein Hartz-IV-Empfänger* betroffen.

Der sozialpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen/Bündnis 90, Sven Lehmann, kommentiert die kleine Anfrage so: „Seit der Einführung von Hartz IV sind die Stromkosten stärker gestiegen als der Stromkostenanteil im Regelsatz.“ Er fordert deshalb eine jährliche Anpassung der Stromkostenpauschale an die Strompreisentwicklung. Doch auch andere Maßnahmen seien denkbar, so Lehmann: Warum die Stromkosten nicht direkt an den Stromerzeuger zahlen? (Anm.: Ein Vorschlag, der jedoch auch ein Moment der Entmündigung hat!) Der Einwand, diese Lösung laufe dem Sparzwang zuwider, kann z.B. dadurch entkräftet werden, dass gerade ärmere Haushalte nicht genügend Geld haben, ältere stromfressende Haushaltsgeräte gegen Neuere auszutauschen, die weniger Energie benötigen. Auch Gutbetuchte werden doch bei der klimaneutralen Wohnungsbausanierung staatlich subventioniert. Warum also nicht auch hier.

Viele Energieversorger haben dafür, so auch die Stadtwerke Münster, Beratungsstellen, die Hilfe anbieten. Sei es die Erstellung langfristiger Entschuldungspläne oder eine Begutachtung der Wohnung, um Sparpotentiale zu ermitteln, letzteres zum Beispiel durch den „Stromsparcheck“. Der Basisaustausch, nicht nur von Strom betroffenen Geräten (Energiesparlampen, Wasserausstoß reduzierende Duschköpfe) ist in den meisten Fällen bei solchen Beratungsterminen vor Ort unentgeltlich.

Die Weigerung der Bundesregierung die Energiearmut zu messen und sie erst auf Anfrage zu benennen ist beschämend, allemal beschämender als die Scham der betroffenen Menschen.

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Christoph Theligmann

Redakteur bei der Sperre
Redakteur des Magazin Sperre sowie dem Online-Portal des Magazins
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