aus dem Magazin Wohnen

Die Häuser denen, die darin wohnen

Aus der Sperre Sommer 2019

Spätestens seit im Frühjahr das Volksbegehren gegen Mietwucher in Berlin initiiert wurde und Juso-Chef Kevin Kühnert mit seinen kapitalkritischen Äußerungen für heftige Unruhe sorgte, wird vermehrt über die richtige Wohnungspolitik gestritten. Deshalb an dieser Stelle die Vertiefung eines Themas, welches die SPERRE print bereits in der letztjährigen Sommerausgabe 2018 („Lebensräume statt Kapitalanlagen“) aufgegriffen hatte.

Es klingt wie im Märchen! Du lebst in einer Wohnung oder in einem Haus mit einem ganz normalen Mietvertrag. Nein, nicht ganz normal, da die Miete in der Regel lediglich die Hälfte der ortsüblichen Höhe ausmacht. Du bist kein*e Eigentümer*in, dennoch gehört Dir der Wohnraum, allein deshalb, weil du darin wohnst. Du kannst nicht gekündigt werden, und die Miete bleibt auch in der Zukunft dauerhaft niedrig. All das kann gelingen und ist gelebte und nicht erträumte Wirklichkeit, weil Du nicht allein „klein“ bist, sondern mit anderen zusammen „stark“.

„Mietshäuser-Syndikat“ heißt dieses Wohn- und Besitzmodell und hat bereits Bestand seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Abgesehen mal davon, dass dieser Wohnzustand allein deshalb als utopisch angesehen wird und uns diese Tatsache als widernatürlich vorkommt, da übliches Mietwohnen inzwischen als selbstverständlich gewinnorientiert wahrgenommen wird und fast jeder Weiterverkauf mit einer Mietverteuerung verbunden ist: Nichts, auch das Wohnen, ist, wie es so schön neudeutsch heißt, alternativlos.

Wie gelingt es Menschen, den Wohnraum dem Immobilienmarkt zu entziehen? Alles fängt mit einer rechtlichen Konstruktion an. Doch die zuerst in den Sinn kommende Bildung einer Genossenschaft ist hier nicht gemeint. Denn bei einer genossenschaftlichen Konstruktion haben Vorstand und Aufsichtsrat zu viel Einfluss.

Echte Solidarität und Autonomie haben die Beteiligten bei einer Wirtschaftsform, die auf den ersten Blick rein kapitalistisch daherkommt: der GmbH. Üblich hat bei ihr der*diejenige das Sagen, der*die das meiste Geld einbringt. Dieses bekannte Vorgehen („die meiste Kohle“) ist jedoch nicht zwangsläufig erforderlich. Die Bewohner*innen eines „Mietshäuser-Syndikats“ investieren lieber in Solidarität. So lässt sich über den Gesellschaftsvertrag das gegenseitige Miteinander regeln. Das erfordert zwar Zeit und Einvernehmen und kann anstrengend sein, ist aber auch sehr gewinnbringend und hat erhebliche Spareffekte.
Zur Finanzierung: Als Gruppe ist es einfacher, an Direktkredite zu kommen und somit die Banken außen vor zu lassen. Der Vorteil: Die Laufzeiten für die Rückzahlungen der Direktkredite sind in der Regel wesentlich länger, das senkt die Raten für die Tilgung. Wenn in einem Mehrfamilienhaus zusätzlich noch Sozialwohnungen gebaut werden, können auch günstigere Förderkredite beantragt werden.

Die Gruppe ist gemeinsam allein am elementaren Grundbedürfnis Wohnen interessiert, nicht an einem Verdienst daran, wie bei Investoren oder Wohnungsverwaltungen. Das ermöglicht dauerhaft niedrige Mieten. Niemand kann jemanden kündigen, der Kredit belastet nicht den Einzelnen persönlich. Das sind Vorteile, die sehr viel Bedeutung haben und „nur“ eine menschliche Tugend erfordern: Solidarität!

Soziologen diagnostizieren zumindest in unseren westlichen Gesellschaften immer weniger solidarisches Miteinander. Insofern ist in dem beschriebenen Modell eine Gegenbewegung erkennbar. Gab es in Deutschland im Jahr 2004 erst 14 Syndikatsmietshäuser, sind es inzwischen bundesweit gut 150, Tendenz steigend.
Fazit: Gemeinschaft gibt (Wohn-)Sicherheit!

Info: https://www.syndikat.org

Christoph Theligmann
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