Rund um Münster

„Der Moment ist da, uns zu erheben! Wir fordern die Botschaft Jesu ein“: 1.500 Menschen fordern eine Erneuerung der Kirche

Am Samstag zogen 1.500 Frauen und Männer durch Münsters gute Stube. Sie forderten für die weiblichen Gläubigen Gleichberichtigung in der katholischen Kirche ein. Von der Bühne kam der Aufruf: „Es ist schon fünf nach zwölf! Die Kirche steht am Abgrund!“ Die Demonstrant*innen reagierten mit den Demo-Sprüchen „Mit-Bestimmen! Mit-Entscheiden! Mit-Gestalten!“ und „Wir sind Kirche, wir sind hier, gleichberechtigt. Amen!“. Damit forderten sie lautstark den Zugang für Frauen zu allen kirchlichen Ämtern. Sie zogen deshalb von der Lamberti-Kirche durch die Innenstadt bis vor den Sitz von Bischof Felix Genn.

Der Unmut ist groß: Ein bunter Strauß an Forderungen… Foto: Jan Große Nobis.

Die Demonstration war von der kfd im Bistum Münster und der Initiative Maria 2.0 organisiert worden. Die meisten Demonstrant*innen kamen deshalb aus dem Bistum Münster. Dabei waren aber auch Frauen und Männer aus den Bistümern Hildesheim, Hamburg, Paderborn, Mainz und Osnabrück.

Frauen muss wie Männern das priesterliche Amt offenstehen

Auf der Auftaktkundgebung betonte Dr. Andrea Qualbrink, Referentin für Strategie und Entwicklung im Bistum Essen, dass es auch bei kirchlichen Weiheämtern darum gehen müsse, wer dafür begabt und berufen sei – egal ob Mann oder Frau, verheiratet oder unverheiratet. Propst Jürgen Quante aus Recklinghausen schloss sich mit der Frage an, was eigentlich so furchtbar daran sei, dass geweihte Frauen als Priesterinnen Leitungsaufgaben in den Gemeinden wahrnehmen. Er stellte fest: „Missbrauchsskandal, Klerikalismus, Sexualmoral, Machtmissbrauch: Priester haben Macht. Und sie wollen sie nicht hergeben“. Monika Eyll-Naton, Pastoralreferentin am Niederrhein, konstatierte: „Es geht mir gar nicht nur um uns Frauen. Es geht mir um den kirchlichen Umgang und die kirchliche Sichtweise auf so viele, die sich als ausgegrenzt erleben: z.B. die Wiederverheirateten und die Menschen in konfessionsverbindenden Partnerschaften, die Homosexuellen und Transgender.“

Generalvikar stellte sich den Demonstrant*innen

Generalvikar Reidegeld stellte sich den Demonstrant*innen. Foto: kfd/Andrea Niemann.

Bei der Zwischenkundgebung vor dem Bischofssitz am Domplatz äußerte der stellvertretende Generalvikar Jochen Reidegeld in Vertretung für Bischof Felix Genn, und mahnte zur Geduld: Man müsse sich jetzt an viele Tische setzen, um gemeinsam einen Weg für die Katholische Kirche zu finden. Man wurde das Gefühl, er wolle Konsequenzen aus den Forderungen von Maria 2.0 um weitere 40 Jahre aufschieben, nicht los. Deshalb reagierten die Demonstrant*innen auch mit ihrer klaren Botschaft: „Handeln! Handeln!“

„Eine Kardinälin würde mehr bringen als 1.000 Anti-Gewalt-Seminare“

Die Demonstrant*innen reagierten prompt mit Buhrufen, als Reidegeld von der Verantwortung gegenüber der „Weltkirche“ sprach. Lisa Kötter, Initiatorin von Maria 2.0, entgegnete spontan: „Immer wird von der Weltkirche geredet. Das ist wie ein Fels, gegen den wir laufen. Wenn der Vatikan jahrzehntelang weiß, dass z.B. in Kamerun Nonnen und Äbtissinnen von Priestern an die Prostitution verkauft werden und der Vatikan das weiß und jahrzehntelang duldet, dann sage ich dazu: Eine Kardinälin würde mehr bringen als 1.000 Anti-Gewalt-Seminare.“

„Wir können nicht nur brave Kirchenmaus“. Foto: Jan Große Nobis.

Die Initiatorin von Maria 2.0 setzte dem aktuellen Zustand der katholischen Kirche ein neues Zukunftsbild entgegen: „Wenn eine solche politische Organisation wie die Katholische Kirche sich einsetzen würde für die Würde der Frauen und gegen das Ächzen der Frauen weltweit unter Männergesetzen – das würde so ein Zeichen setzen, dass es die Welt aus den Angeln heben würde!“

Auf der Abschlusskundgebung auf dem Prinzipalmarkt sprachen Adelheid Kellinghaus und Sigrid Kammann, beide Maria 2.0, den Protestierenden Mut zu: „Der Moment ist da, uns zu erheben! Wir fordern die Botschaft Jesu ein. Wir sind für eine Kirche, die wir glaubwürdig vertreten können.“

Aber die Frage bleibt: Hat die katholische Kirche den Wandel verschlafen? Auf die Frage, wo denn die jungen Menschen seien, antwortete eine Demonstrantin: „Die erziehen die Kinder!“. Auf die nochmalige Frage, wo denn die noch jüngeren Menschen seien, die noch nicht mit Kindererziehung beschäftigt sind, antwortete sie, dass die nicht mehr in der Kirche seien!

Derweil wurde am Montag über einen Pfarrer in der Heilig-Geist-Gemeinde debattiert, der Vergebung für die Priester, die sexuellen Missbrauch begangen haben, gepredigt hatte und damit die Taten relativiert hatte. Die Gemeinde stellte sich gegen die Pfarrer. Bischof Genn hat ihn bis auf Weiteres untersagt zu predigen:

Der Tagesspiegel und Kirche+Leben berichten:

Eklat nach Missbrauch-Predigt: Gemeinde stellt sich gegen Pfarrer
Ein Pfarrer wirbt in seiner Predigt in Münster um Vergebung für Priester, die sexuellen Missbrauch begangen haben. Die Empörung ist gewaltig.

Diskussion in Heilig-Geist-Münster
Nach Eklat um Predigt von Zurkuhlen: Heftige Kritik aus der Gemeinde.

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