aus dem Magazin Zum Leben zu wenig

Der EU-Vergleich: mal mehr, mal weniger für Arbeitslose

Aus der Sperre Sommer 2019

Die Höhe der Leistungen fällt in den Mitgliedsländern sehr unterschiedlich aus

Wer in Deutschland Geld von der Agentur für Arbeit bezieht, weiß, dass die Zusammenarbeit mit den zuständigen Ämtern streng geregelt und hürdenreich abläuft. Doch wie schneiden die anderen Länder der Europäischen Union (EU) im Vergleich ab? Wir haben uns drei verschiedene Länder der EU angeguckt und fassen deren Modelle der Arbeitslosenversicherung zusammen.

Foto: Agneta Becker

Griechenland: für Familienmitglieder wird aufgestockt

in Griechenland gibt es zwei Konzepte der Arbeitslosenversicherung: Einmal das Konzept des Arbeitslosengeldes und andererseits das der saisonalen Sonderbeihilfe. Das Arbeitslosengeld richtet sich an Arbeitssuchende, die vor Kurzem ihren Job verloren haben und noch erwerbsfähig sind. Die saisonale Sonderbeihilfe richtet sich an Arbeitnehmer*innen mit einer saisonbedingten Tätigkeit, die ihre Beschäftigung außerhalb der Saison nicht ausüben können. Um das Arbeitslosengeld beziehen zu können, muss sich der*die Arbeitssuchende bei der örtlichen Geschäftsstelle der OAED (ΟΡΓΑΝΙΣΜΟΣ ΑΠΑΣΧΟΛΗΣΗΣ ΕΡΓΑΤΙΚΟΥ ΔΥΝΑΜΙΚΟΥ) melden. Dies muss in einem Zeitraum von maximal 60 Tagen nach dem Verlust der bisherigen Tätigkeit passieren. Die Zahlungen werden eingestellt, wenn der*die Bezugsberechtigte dreimal ein Stellenangebot oder eine Weiterbildungsmöglichkeit ablehnt. Der*die Arbeitssuchende muss bei erstmaligem Erhalt die Beitragssätze für 80 versicherte Arbeitstage gezahlt haben und 125 Tage Erwerbstätigkeit in den letzten 14 Monaten nachweisen können. Die letzten beiden Monate werden dabei nicht berücksichtigt. Arbeitssuchende im Alter von über 49 Jahren müssen dagegen 210 Tage Erwerbstätigkeit nachweisen können.

Der Grundbetrag des Arbeitslosengeldes entspricht 360 Euro pro Monat, plus zehn Prozent für jedes weitere Familienmitglied. Das Arbeitslosengeld wird je nach Situation fünf bis zwölf Monate ausbezahlt. Ab diesem Zeitpunkt greift für ein weiteres Jahr noch eine Unterstützung von 200 Euro pro Monat. Anschließend bekommt der*die Arbeitssuchende keine staatliche Unterstützung mehr.

Polen: hohe Arbeitslosenquote am Wohnort – längere Leistungen

Damit der*die Arbeitssuchende in Polen Arbeitslosengeld beziehen kann, muss dieser 365 Arbeitstage in den vergangenen 18 Monaten nachweisen können. Ehemals selbstständige können auch Arbeitslosengeld bekommen. Dazu müssen sie während ihrer Selbstständigkeit in den Arbeitslosenfonds eingezahlt haben. Je nach Arbeitserfahrung könnten auch Vorruhestandsregelungen in Frage kommen, diese können aber erst nach sechsmonatiger Arbeitslosigkeit beantragt werden. Die Höhe der Leistungen bestimmt sich durch die Länge der geleisteten Arbeitszeit und fällt nach drei Monaten wieder ab. in einer Arbeitszeitspanne von fünf bis 20 Jahren wären es zum Beispiel 831,10 PLN (Polnischer Złoty; umgerechnet 192,96 Euro) und dann nach drei Monaten 652,60 PLN (umgerechnet 151,52 Euro). Wenn der*die Arbeitslose entweder 50 Jahre alt ist und in dieser Lebenszeit 20 Jahre lang gearbeitet hat oder in einem Kreis wohnt, in dem die Arbeitslosenquote das 1,5-fache des Landesdurchschnitts beträgt, wird diesem das Arbeitslosengeld für zwölf Monate bewilligt. Dies ist auch der Fall, wenn der*die Arbeitslose ein Kind unter dem 15. Lebensjahr und eine*n arbeitslose*n Partner*in hat. Ansonsten wird nur eine Leistung für sechs Monate bewilligt. Nach dem Ablauf der Leistungen fällt der*die Arbeitssuchende in eine Grundsicherung, die dem deutschen Hartz IV entspricht.

Dänemark: Bis zu 90 Prozent des Nettoeinkommens als Arbeitslosengeld

In Dänemark gibt es zwei Arten von Arbeitslosenversicherungen: die vollversicherte und die teilversicherte (für Teilzeitkräfte) Arbeitslosenversicherung. Welche der beiden Versicherungsarten der*die dänische Staatsbürger*in abschließen darf, bestimmt sich durch die Tätigkeit erzielte Monatsarbeitszeit (unter oder über 145,53 stunden im Monat). Damit der*die Arbeitssuchende in Dänemark Arbeitslosengeld beziehen kann, muss die Person im regulären Fall für mindestens ein Jahr bei einer teilversicherten oder vollversicherten Arbeitslosenkasse gemeldet sein. Dazu müssen die Antragsteller*innen in den letzten drei Jahren ein bestimmtes Mindesteinkommen nachweisen können. Bei Vollversicherten wären das 223.596 DKK (Dänische Kronen; umgerechnet 29.942 Euro) und bei Teilversicherten 152.232 DKK (umgerechnet 20.385 Euro). Als Selbstständige*r muss man zusätzlich einen Arbeitsumfang von mindestens 52 Wochen während der letzten drei Jahre nachweisen können. Ist der Verlust der Arbeit selbstverschuldet, darf der*die Arbeitssuchende erst nach einer Karenzzeit von drei Wochen Arbeitslosengeld beantragen. Zusätzlich muss sich der*die Arbeitssuchende bei der Website der staatlichen Arbeitsvermittlung (jobnet.dk) anmelden. Darauf muss er*sie einmal wöchentlich die vorgeschlagenen Jobangebote checken, einen aktuellen und beglaubigten Lebenslauf hochladen und sich als verfügbar für den Arbeitsmarkt melden. Die höhe des Arbeitslosengeldes kann bis zu 90 Prozent des vorherigen Lohns betragen und bestimmt sich durch das Alter und die Art der Versicherung. Begrenzt ist es auf 18.633 DKK (zirka 2786 Euro) pro Monat für Vollzeitversicherte und 12.422 DKK pro Monat für Teilzeitversicherte. Arbeitslosengeld kann in einem Zeitraum von drei Jahren maximal 24 Monate lang bezogen werden. Diese Frist lässt sich je nach Beschäftigungszeitraum vor dem Bezug des Geldes auf 36 Monate verlängern. Um danach nochmals Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben, ist Voraussetzung, dass er*sie innerhalb von drei Jahren 52 Wochen in Vollzeit oder 34 Wochen in Teilzeit gearbeitet hat. Arbeitssuchende nach einer kürzlich abgeschlossenen Ausbildung bekommen 13.323 DKK (zirka 1993 Euro) pro Monat (8882 DKK für Teilversicherte) Arbeitslosengeld. Wenn der*die Arbeitssuchende erst kürzlich seine*ihre Ausbildung abgeschlossen hat und für ein Kind sorgen muss, erhält er*sie 15.279 DKK (zirka 2285 Euro) pro Monat (10.186 DKK Teilzeitversicherte). Falls dies nicht zutrifft und der*die Bezieher*in jünger als 25 Jahre ist, greift auch ein fester, aber trotzdem relativ hoher Satz von 9857 DKK pro Monat (1474 Euro). Für Teilzeitversicherte sind es 6211 DKK pro Monat.

Fazit: Deutschland macht keine schlechte Figur

Im Gesamtvergleich macht Deutschland keine schlechte Figur. Stellt man Deutschland neben Griechenland oder Polen, merkt man, dass der*die Deutsche, auch unter Berücksichtigung der Lebenserhaltungskosten der jeweiligen Länder, besser dasteht. Dazu kann die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes in Deutschland – unter Umständen – auf 24 Monate gestreckt werden. Das wäre im Idealfall doppelt so lange wie in Polen oder in Griechenland. Im Vergleich zu Griechenland muss der*die Deutsche auch nicht mit der Angst leben, nach einer bestimmten Zeit komplett ohne staatliche Hilfe dazustehen. Doch vergleicht man Deutschland mit Dänemark, merkt man, dass es immer noch besser geht. Während Deutschland die Arbeitssuchenden mit 60 Prozent (oder mit 67 Prozent, solange der*die Bezieher*in Kinder mit Kindergeldanspruch hat) des Nettoeinkommens unterstützt, schafft es Dänemark, den Arbeitsuchenden mit bis zu 90 Prozent des Nettoeinkommens zu unterstützen. Mit einer Bezugsdauer von zwei bis höchstens drei Jahren steht Dänemark auch deutlich besser da als sein südliches Nachbarland. Insgesamt macht Deutschland keine schlechte Figur. Die Arbeitssuchenden in Deutschland haben in Sachen staatlicher Unterstützung vergleichsweise nicht die schlechtesten Möglichkeiten in der EU. Nur haben sie auch nicht die besten.

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