aus dem Magazin Kinder, Familie & Rente

Altersarmut – ein unterschätztes, verdrängtes Problem

Aus der Sperre Frühjahr 2019

Mindestens 5 Gründe, warum es bereits 5 Minuten vor 12 ist

Armut im Alter: auch für Menschen in Deutsch­land? Dabei muss es sich wohl um eine Fata Morgana, ein Hirngespenst, um Fake News handeln. Zumindest wenn man den Aussagen, Einschätzungen und Bewertungen der Bundes­regierung glaubt: „Ältere Menschen sind heute in Deutschland gut abgesichert. Altersarmut ist weiterhin kein verbreitetes Problem“. Weiter heißt es: Armut im Alter stellt „für die große Mehrheit der Senioren kein drängendes Problem dar“. Ist das wirklich so?

Mal flackert es für ein paar Stunden auf: „Soli­darische Lebensleistungsrente“, „Solidarrente“ und seit wenigen Wochen heißt das neue Zau­berwort „Grundrente“, auch „Respekt-Rente“ getauft. Und an den anderen 364 Tagen im Jahr? Zeitsprung in das Jahr 1986: Argentinien wurde zum zweiten Mal nach 1978 Fußball-Weltmeister, in Tschernobyl ereignete sich die schreckliche Nuklearkatastrophe und Helmut Kohl befand sich im fünften Jahr seiner Amtszeit als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Im Wahlkampf vor der 11. Bundestagswahl plakatierte die CDU deutschlandweit 15000 Wahlplakate an zahlreiche Litfaßsäulen. Medienwirksam ein­gerahmt durch Norbert Blüm, dem damaligen Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung (heutige Bezeichnung: Bundesminister für Arbeit und Soziales), war der Spruch zu lesen: „denn eins ist sicher: Die Rente“. Zeitsprung zurück in die Gegenwart: Was sicher ist, ist, dass nichts sicher ist!
Die Uhr tickt. Gnadenlos.

„Das Alter ist nur eine Zahl. Es ist vollkommen belanglos, außer natürlich, wenn man zufällig eine Flasche Wein ist.“
(Joan Collins)

5 vor 12:
Problemfeld I – Alternde Gesellschaft

Die Altersstruktur in der deutschen Gesellschaft verändert sich. Eine deut­lich sichtbare Alterung der Bevölke­rung ist die Folge dieser Entwicklung. Dabei ist ein dreifaches Altern der Ge­sellschaft erkennbar: Die absolute Zahl der älteren Menschen nimmt kontinu­ierlich zu, der Anteil der 60-Jährigen und Älteren an der Gesamtbevölkerung wächst und die Zahl der sehr alten Menschen im Alter von 80 Jahren und älter steigt deutlich an. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Men­schen mit 80 Jahren und darüber um 40 % zunehmen. In weniger als 50 Jahren werden laut Statistischem Bundesamt sogar „12 bis 13 % der Bevölkerung – das ist jeder Achte – 80 Jahre und älter sein“. Gründe für diese Entwicklung sind der fortlaufende Anstieg der Lebenserwartung und die anhal­tend niedrigen Geburtenzahlen in Deutschland. Eine Alterung der Gesellschaft mit deutlich mehr alten und weniger jungen Menschen wird die direkte Folge sein. Aber auch schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist Deutschland nach Japan das Land mit der im Durchschnitt ältesten Bevölkerung.
Die Uhr tickt weiter. Gnadenlos.

4 vor 12:
Problemfeld II – Niedriglohnsektor

Deutschland hat einen sehr stark ausgeprägten Niedriglohnsektor. 22,5 % der Arbeitnehmer zählen in Deutschland zu den Niedriglohnempfängern. Nur in 5 Ländern der Europäischen Union (EU) liegt der Anteil höher. Da­gegen verzeichnen Länder wie bei­spielsweise Italien mit 9,4 %, Frankreich mit 8,8 %, Belgien mit 3,8 % und Schweden mit 2,6 % deutlich weniger Niedriglohnempfänger. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass in Schweden nur ungefähr jeder Vierzigste im Niedriglohnsektor arbeitet, während es in Deutschland schon fast jeder Vierte ist. Damit liegt Deutschland deutlich über dem EU-Schnitt. Die Organisa­tion für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, weist in diesem Zusammenhang darauf hin: „In Deutschland […] werden die Rentenbezüge für Menschen mit verhältnismäßig kleinem Gehalt gegen Mitte dieses Jahrhunderts so niedrig sein wie in kaum einem anderen OECD-land.“
Die Uhr tickt weiter. Gnadenlos.

3 vor 12:
Problemfeld III – Definition der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung

Die Grundsicherung ist eine seit dem 1. Januar 2003 bestehende So­zialleistung, die das soziokulturelle Existenzminimum unter anderen für ältere Menschen absichern soll. Die Gesetze zu der Grundsicherung im Al­ter und bei Erwerbsminderung sind in § 41 bis § 46b des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch (SGB XII) geregelt. Nach § 19 Absatz 2 Satz 1 SGB XII haben aber nur Personen Anspruch auf Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, die „ihren notwendigen Lebensunterhalt nicht oder nicht ausreichend aus eigenen Kräften und Mitteln, insbesondere aus ihrem Einkommen und Vermögen, bestreiten können“. Nicht nur die eigenen Einkommens- und Vermögensverhältnisse sind davon abhängig, ob die Leistungen bewilligt werden, sondern nach § 43 Absatz 1 SGB XII werden auch das Einkommen und das Vermögen des nicht getrennt lebenden Ehegatten oder Lebenspartners berücksichtigt. Das bedeutet also, dass die Personen, die eigentlich die Voraussetzungen für die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung erfüllen, aufgrund der Einkommens-­ und Vermögensverhältnisse des Lebenspartners diese Leistungen möglicherweise nicht erhalten.
Die Uhr tickt weiter. Gnadenlos.

2 vor 12:
Problemfeld IV – Regelaltersgrenze und Renteneintrittsalter

Die Regelaltersgrenze trennt die Phasen des Erwerbslebens und des Rentenalters. Bis zum 31. Dezember 2011 betrug die Regelaltersgrenze 65 Jahre. Seit dem 1. Januar 2012 wurde sie stufenweise vom 65. auf das 67. Lebensjahr angehoben. Das bedeu­tet, dass für die Menschen, die am oder nach dem 1. Januar 1964 geboren sind, die Regelaltersgrenze mit Vollendung des 67. Lebensjahres erreicht wird. Es ist heute schon absehbar, dass die Regelaltersgrenze in den nächsten Jahren eher erhöht als gesenkt wird. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirt­schaftlichen Entwicklung, auch die „Fünf Wirtschaftsweisen“ genannt, plädiert dafür, dass die Regelaltersgrenze bis zum Jahr 2060 auf 69 Jahre und infolge bis zum Jahr 2080 auf 71 Jahre erhöht wird. Das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln geht noch einen Schritt weiter und fordert, dass die Regelaltersgrenze stufenweise bis zum Jahr 2041 auf 73 Jahre angehoben wird. Auch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gibt zu bedenken, dass die Regelaltersgrenze „bis 2050 auf nahezu 75 Jahre erhöht werden [müsste]“. Es stellt sich an dieser Stelle die Frage: Wie sollen Arbeitnehmer in dieser Altersspanne noch ihrer regulären Arbeit nachgehen? Es ist nahezu un­möglich, dass die Beschäftigten, erst recht in körperlich belastenden Berufen, wie zum Beispiel Straßenbauer, Maurer, Fliesenleger, Dachdecker, Kranken- und Altenpfleger, ihrer gewohnten Tä­tigkeit noch mit 75 Jahren nachgehen können. Schon ge­genwärtig ist es nicht realistisch anzunehmen, dass diese Berufsgruppen im Alter von Mitte sechzig noch täglich ihre Arbeit ausüben. Bei einer möglichen, nicht unwahr­scheinlichen Erhöhung der Regelaltersgrenze auf 69, 71, 73 oder sogar 75 Jahren wäre dieses so gut wie ausge­schlossen und die betroffenen Menschen müssten vor der Regelaltersgrenze aus dem Berufsleben ausscheiden. Bereits heute liegt in vielen Fällen das Renteneintrittsalter vor der eigentlichen Regelaltersgrenze. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat in diesem Zusammenhang ermittelt, dass unter den 55- bis 59-Jährigen, die vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, fast doppelt so viele von Armut bedroht sind und „sogar viermal so viele Grundsicherung [beziehen] als bei der Gesamtheit aller Rentner“.
Die Uhr tickt weiter. Gnadenlos.

1 vor 12:
Problemfeld V – 5 weitere Problematiken

Weitere Problemfelder lassen sich ohne mit der Wimper zu zucken aus­machen und sind für alle, die die Au­gen nicht verschließen (wollen), glas­klar sichtbar. Als da wären: die verän­derten Erwerbsbiografien der Men­schen mit mehreren Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit, wechselnden Arbeitgeber und Phasen der Arbeitslosigkeit. Die ver­deckte Altersarmut, wenn Menschen aus Angst vor Stigmati­sierung und Scham keinen Antrag auf Grundsicherung im Alter stellen. Weitere Gründe, zustehende Leistungen nicht in Anspruch zu nehmen, können Unwissenheit, Informationsdefizite und Fehleinschätzungen sein und die Angst, das Amt könne auf einen Um­zug in eine andere, billigere Wohnung bestehen beziehungsweise den Familienangehöri­gen (Kinder etc.) durch einen Antrag auf Grundsicherung ein (finanzieller) Nachteil entstehen. Doch damit ist die lange Reihe der Probleme noch nicht zu Ende: etwa die (Langzeit-)Arbeitslosigkeit und prekären beziehungsweise atypischen Beschäfti­gungsverhältnisse wie Teilzeitbeschäf­tigungen, Zeitarbeitsverhältnisse, ge­ringfügige sowie befristete Beschäf­tigungen. Erschwerend kommt hinzu, dass in den nächsten Jahren und Jahr­zehnten die sogenannten „Babyboomer“, die geburtenstarken Jahrgänge, in Rente gehen werden.
Die Uhr tickt weiter. Immer weiter.
Immer weiter…immer weiter…

„Wenn ich die Folgen geahnt hätte, wäre ich Uhrmacher geworden.“ (Albert Einstein)

„Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?“, erklang es schon im Jahr 1973 im Abspann der Zeichentrickserie „Der rosarote Panther“. Ja, es ist tatsächlich schon so spät, fast zu spät. Die Uhr zeigt mittlerweile we­niger als eine Minute vor 12 und die Zeit drängt. Um der großen Problematik der Altersarmut entgegenzuwir­ken, müssen nachhaltige Konzepte (Plural!) entwickelt werden, die bereits vor dem Renteneintritt der Men­schen greifen, um somit der Armut im Alter vorzubeugen. Dazu gehören: Ein flächendeckender gesetzlicher Mindest­lohn, der ausreichend vor Altersarmut schützt. Der aktu­elle Mindestlohn von 9,19 Euro pro Stunde reicht auch bei 45 Jahren sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung bei Weitem nicht aus. Leih- und Zeitarbeit sollte auf ein Mini­mum begrenzt werden. Für arbeitslose Menschen müssen sinnvolle – nicht sinnlose – und individuell angepasste Maßnahmen und Arbeitsmarktprogramme konzipiert wer­den, um den arbeitssuchenden Menschen Perspektiven und Chancen zu eröffnen, damit der Weg aus der Arbeits­losigkeit in den Arbeitsmarkt gelingen kann. Dagegen wäre eine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze auf eventuell 70 oder mehr Jahre kontraproduktiv und würde die gesamte Situation noch weiter verschlim­mern. Darüber hinaus ist ein durchdachtes, gerechtes und zielführendes Rentenkonzept vonnöten, das auch die Menschen mit einschließt, die aufgrund von Kinder­erziehung, Pflege von Familienangehörigen, Krankheit, Arbeitslosigkeit und anderen Gründen, nicht mindestens 35 („Solidarrente“) oder 40 Jahre („solidarische Lebensleistungsrente“) Beiträge in die gesetzliche Rentenver­sicherung gezahlt haben. Die mögliche Einführung einer „Grundrente“, die nur einen kleinen Teil der Menschen erreicht, wird das Problem in seiner Gesamtheit nicht mal ansatzweise lösen können. Dafür ist die Problematik, die es die kommende Jahre und Jahrzehnte zu bewältigen gilt, zu komplex, zu groß und viel zu vielschichtig.

Fazit: Die Altersarmut existiert. Heute schon. Sie be­trifft leider Millionen von Menschen und ist – ohne Wenn und Aber – bereits jetzt ein „drängendes Problem“. Dabei wird sich die Situation in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch weiter verschärfen. In Deutschland. Das ist – leider – tatsächlich sicher. Die Rente ist es nicht. Es hilft eigentlich nur noch ein Wunder … aber ob es das immer wieder gibt?

 

10 Aussagen, Einschätzungen und Bewertungen zum Thema Altersarmut

(1) „Altersarmut ist ein sichtbares und trotzdem oft geleugnetes Problem in Deutschland.
(Der Paritätische Gesamtverband)
(2) „Altersarmut droht künftig immer mehr älteren Menschen.
(Der Paritätische Gesamtverband)
(3) „Eine ausreichende Alterssicherung ist auch deshalb wichtig, weil Altersarmut eine besonders schwerwiegende Form von Armut ist.
(Der Paritätische Gesamtverband)
(4) „Armut im Alter bedeutet für die Betroffenen fast immer lebenslänglich.
(Der Paritätische Gesamtverband)
(5) „Man kann nicht erst dann von Armut sprechen, wenn Menschen sich mit Pfandflaschensammeln ihre kleine Rente aufbessern müssen.
(Sozialverband VdK Deutschland e.V.)
(6) „Das deutsche Rentensystem ist nicht ausreichend vorbereitet auf die steigende Zahl von Personen mit flexiblen Arbeitsverhältnissen, unterbrochenen Erwerbsbiografien und geringen Einkommen.
(Bertelsmann-Stiftung)
(7) „Bis 2036 wird das Risiko für Altersarmut weiter steigen. Am stärksten davon betroffen sind allein­ stehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung und Langzeitarbeitslose.
(Bertelsmann-Stiftung)
(8) „Die aktuellen Reformdebatten gehen oft an der Wirklichkeit vorbei und lösen kaum die grundlegenden Ursachen der Altersarmut.
(Bertelsmann-Stiftung)
(9) „Da droht millionenfache Altersarmut, wenn es keinen Kurswechsel in der Rentenpolitik gibt.
(ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft)
(10) „[Es ist] nicht verständlich, dass die Bundesregierung weiterhin behauptet, es gebe keine Altersarmut in Deutschland.
(Sozialverband VdK Deutschland e.V.)

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Daniel Krull

„Mädchen für alles“ sowie Redakteur und Autor bei der Broschüre „fast umsonst – mit dabei! Münster-Ratgeber für ein preiswertes Leben“ als auch Redakteur und Autor bei „SPERRE – Münsters Magazin für Arbeit, Soziales & Kultur“
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