Rund um Münster

Abschiebung: Trotz Ausbildungsplatz und neuer Familie

Letzte Woche war es: An einem Dienstagmorgen – es war der 25. Juni 2019 – wurde der 34-jährige Goran aus Münster nach Serbien abgeschoben. Seit sieben Monaten hatte er eine neue Freundin Georgina. Deren 5-jähriger Sohn sagte schon Papa zu ihm. Es ist eine neue Familie entstanden. Einen Vertrag für eine Ausbildung als Friseur in einem Mecklenbecker Salon hatte er auch schon fest in der Tasche.

Nun ist er weg: Eigentlich hatte er um 8:00 Uhr einen Termin bei der Ausländer*innenbehörde zur Verlängerung seiner Duldung. Aber stattdessen war das Einsatzkommando im Amt. Sechs Polizisten holten ihn ab. Sachen durfte er nicht packen. In Kabelbindern wurde er direkt nach Düsseldorf zum Flughafen gebracht – obwohl er ganz ruhig war. Nun ist er in Serbien.

Nach der Pressekonferenz des Bündnis gegen Abschiebungen und des Integrationsrates: Deler Saber, Dr. Georgios Tsakalidis (beide Integrationsrat), die Lebensgefährtin Georgina, Dr. Ömer Lütfü Yavuz (Vorsitzender Integrationsrat), Benedikt Kern (Bündnis gegen Abschiebungen) und ein Freund von Goran. Foto: Jan Große Nobis.

Die Post vom 5. Mai mit der Androhung der Abschiebung ist nie bei Goran angekommen, berichtet der Integrationsrat. Der zuständige Sozialarbeiter hat dies bestätigt. Sonst hätte sich Goran einen Anwalt nehmen können. Abhilfe schaffen. Zur Not wäre er auch ausgereist, bis er die Ausbildung hätte aufnehmen können.

Der Integrationsrat kritisiert: Das Ausländer*innenamt hätte da Spielraum gehabt – auch wenn die Bundesbehörde schon den Ausweisungsvorgang angeschoben hat. Schließlich hatte er ja einen Ausbildungsvertrag. Es müsse in solchen Fällen eine bessere Zusammenarbeit zwischen Ausländer*innenbehörde und Integrationsrat stattfinden. Dr. Georgios Tsakalidis fordert: Früher wurden alle Fälle, in denen Abschiebungen drohten, zwischen Amt und Integrationsrat besprochen. Eine solche institutionelle Zusammenarbeit müsse wieder her. „Es geht um Schicksale“, so Georgios Tsakalidis. Im Falle von Goran sei die gesamte Lebensplanung nun „futsch“!

Seit 2015 hat Goran in Münster gelebt. Sein Deutsch war gut. Bis das Ausländer*innenamt ihm die Arbeitserlaubnis entzog, hatte er immer gearbeitet. Da Serbien inzwischen ein sogenanntes „Sicheres Herkunftsland“ ist, sollte er freiwillig ausreisen. Durch Vermittlung des Projektes MAMBA der GGUA konnte er aber einen Ausbildungsplatz finden. Die Ausbildung hätte er am 1. August antreten können.

Der Integrationsrat geht davon aus, dass Goran falsch beraten wurde. Von wem ist leider nicht bekannt. Das Paar hatte überlegt zu heiraten. Hätte sie gewusst, dass eine Heirat genutzt hätte, um die Abschiebung zu verhindern, hätten sie schnell geheiratet. So wollten sie warten. Sparen für eine zünftige Hochzeit. Sich Zeit nehmen für die Vorbereitung. Heiraten tut man ja nicht so oft im Leben.

Jetzt ist er getrennt von seiner neuen Familie und hat eine Einreisesperre für zwei Jahre. Die beiden wollen nun schnell heiraten. Aber auch eine Heirat würde die nun verhängte Einreisesperre nicht aufheben. Und das nur, weil der Ausweisungsbescheid auf dem Postweg verloren gegangen scheint.

Sein neuer Sohn vermisst seinen neuen Papa, erzählt die Lebensgefährtin von Goran, Georgina Klass. Jeden Abend telefoniert die Familie über Whatsapp. Der Sohn fragt jedes Mal, wann der Papa denn wiederkommen würde. Und jedes Mal, wenn ihm dann gesagt wird, dass der Papa erstmal nicht wiederkommt, steht ihm die Trauer ins Gesicht geschrieben.

„Der Skandal ist, dass der Ermessensspielraum der Ausländerbehörde Münster auf jeden Fall so groß gewesen wäre, dass die Duldung hätte verlängert werden können bis zum Beginn der Ausbildung, die er dann regulär hätte antreten können. Hier wurde offensichtlich ein Exempel statuiert seitens der Behörde, diese Spielräume eben nicht auszunutzen. Humanitäre Gesichtspunkte wurden offensichtlich in keiner Weise beachtet“, so Benedikt Kern vom Bündnis gegen Abschiebungen Münster.

Dr. Georgios Tsakalidis befürchtet, dass das „humanitäre Gesicht“ der Münsteraner Flüchtlingspolitik verloren gehen werde. Er fordert: Dem Druck von Rechtsaußen standhalten. Wir müssen uns unsere Humanität bewahren!

Jan Große Nobis
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