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Wie nützlich bist Du?
| 02. April 2009
Feindbild Arbeitslose
• Aktuelle Studien belegen es: Die Arbeitslosenfeindlichkeit hat die Fremdenfeindlichkeit als ein gesellschaftliches Grundübel längst abgelöst.
Die Ökonomisierung des Sozialen schreitet munter voran. Sozial ist: was nützlich ist und Arbeit schafft. Egal zu welchem Preis. Nur die Starken überleben im ‚modernen’ Forder-Staat. Viel zu oft und viel zu lange wird nur zugeschaut, wenn man ‚Florida-Rolf’ zur allgemeinen Gaudi durchs Dorf treibt. Der Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Prof. Wilhelm Heitmeyer bringt es so auf den Punkt: „Wir müssen uns davon verabschieden, dass ausschließlich politische Ideologien - wie die des Rechtsextremismus - die abwertenden oder feindseligen Mentalitäten erzeugen.“
Das Thema Arbeitslosenfeindlichkeit reicht weit in die Gesellschaft hinein. In seiner auf zehn Jahre angelegten Langzeitstudie über ‚gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit’ hat der Sozialwissenschaftler sich erstmals auch damit beschäftigt, welche Rolle wirtschaftliches Denken in der Bevölkerung spielt.
„Wir können uns in dieser Gesellschaft nicht zu viel Nachsicht leisten“.
Die Antworten sind alarmierend. Für die Aussage: „Menschen, die wenig nützlich sind, kann sich keine Gesellschaft leisten“, erhielten Heitmeyer und seine Mitarbeiter Zustimmung von exakt einem Drittel der Befragten. 44 Prozent waren der Ansicht: „Wir können uns in dieser Gesellschaft nicht zu viel Nachsicht leisten.“ Der Befund hat Heitmeyer beunruhigt. Langzeitarbeitslose würden in breiten Teilen der Öffentlichkeit stigmatisiert. Ihnen werde ein Image zugeschrieben, nachdem ihre mangelnde Arbeitsmoral der entscheidende Grund für ihre Arbeitslosigkeit ist. Für den Satz: „Ich finde es empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen“, bekamen die Bielefelder Forscher eine Zustimmungsquote von 60 Prozent. Der Aussage: „Wenn man Langzeitarbeitslose zu öffentlichen Arbeiten heranzieht, stellt sich bald heraus, wer arbeiten will und wer nicht“, stimmten sogar 88,5 Prozent der Befragten zu.
„Abwertungs- und Ausgrenzungstendenzen sind besonders stark bei Menschen verbreitet, welche selber schon mit einem Bein im Prekariat stehen.“
Eine so breite Akzeptanz bei der Ausgrenzung von Arbeitslosen ist nicht neu. Im England der frühen dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts waren Millionen Menschen aufgrund der Weltwirtschaftskrise arbeitslos. Die zunehmende Armut war täglich auf den Straßen zu beobachten. Die Folgen konnte fast jeder spüren. Damals waren die Zeitungen jedoch voll von Berichten über Arbeitlose, die in der ‚sozialen Hängematte’ liegen. Auch in Schröders ‚Fördern und Fordern’ steckt diese Verurteilung. Arbeitslose werden in den Generalverdacht gebracht, faule ‚Sozialschmarotzer’ zu sein (Wolfgang Clement, Bild-Zeitung etc.). Professor Heitmeyer dazu: “Wir machen die Beobachtung, dass zum Teil auch politische Eliten - bis in die Talkshows hinein - diese Gruppe in den Fokus der Abwertung zieht.“Interessanterweise sind aber Abwertungs und Ausgrenzungstendenzen besonders stark bei Menschen verbreitet, welche selber schon mit einem Bein im Prekariat stehen. Bei sinkender Soziallage, so die Bielefelder Forscher, nähmen Vorurteile gegenüber Langzeitarbeitslosen zu. Hier wachse das Bedürfnis, „sich von Personen am unteren Rand der Sozialhierarchie abzugrenzen, indem man diesen eine negativere Arbeitshaltung zuschreibt als sich selbst.“ Sozusagen ein kollektives Pfeifen im Walde.
Hohe Verhandlungen über die Nützlichkeit von Menschen

„Die Gesellschaft bewegt sich weg von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft.“
Die Verurteilungen lassen sich mit wirtschaftlichen Interessen erklären, denn diese sind auf breiter Linie auf dem Vormarsch. Ob als Kunde oder als Partner: „Die Gesellschaft bewegt sich weg von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft.“ Laut Heitmeyer werden selbst soziale Beziehungen zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit und Effizienz
gesehen. Eine Studie der Uni Leipzig kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung haben Prof. Dr. Elmar Brähler und Dr. Oliver Decker einen ‚Blick in die Mitte’ gewagt. Wobei sie ebenfalls zu der Erkenntnis gelangten, dass das gesellschaftliche Klima zunehmend von Druck und Ausgrenzung geprägt ist: „Es wird ein hoher gesellschaftlicher Normierungsdruck empfunden; gleichzeitig werden Sanktionen gegenüber abweichendem Verhalten akzeptiert. Dadurch kommen insbesondere Migrantinnen und Migranten sowie Arbeitlose unter Anpassungsdruck und werden ausgegrenzt.“
„Wer nützlich ist für die Gemeinschaft, ist akzeptiert, ist drin. Aber wehe, man ist es nicht.“
Laut ihrer Studie geraten Arbeitslose und Migranten von zwei Seiten unter Beschuss: “Wer abweicht, ist dem psychischen Normierungsdruck der Gemeinschaft ebenso ausgesetzt wie dem Zugriff staatlicher Stellen.“ Es gilt die Kraft des Stärkeren. Wer nützlich ist für die Gemeinschaft, ist akzeptiert, ist drin. Aber wehe, man ist es nicht. Professor Brähler fasst es so zusammen: “Eine offene und demokratische Gesellschaft ist auch daran zu messen, wie stark der Integrationsdruck auf jedem ihrer Mitglieder lastet. ... (Sie ist) auch daran zu messen, wie stark sie ihre Mitglieder durch die Auslieferung an Instanzen bedroht.“ Diese Erkenntnisse offenbaren eine Gefahr für die Demokratie. Die Leipziger Forscher sehen bei dem festgestellten Druck auf Minderheiten und Ressentiments gegen ‚Asoziale’ (etwa Arbeitslose) einen Zusammenhang mit rechtem Gedankengut. Ihrer Erkenntnis nach habe der ‚Blick in die Mitte’ gezeigt, dass viele Deutsche das Scheitern der nationalsozialistischen Größenfantasie als Kränkung erfuhren und die entstandene Lücke durch eine ‚narzisstische Plombe’ ersetzten: das Wirtschaftswunder. Eine Plombe, „die in der Zeit gestiegener ökonomischer Unsicherheiten seit den 1990er Jahren ihren Halt verloren hat und den Blick freigibt, auf antidemokratische Einstellungen nahe an der Wurzel.“
Beim Thema Arbeitslosenfeindlichkeit geht es um mehr als eine bloße Bestandsaufnahme über den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Es geht im Kern um die Grundfesten unserer Demokratie. Hier ist ein radikales Umdenken gefordert. Wieso darf Arbeitslosen immer wieder Leistungsmissbrauch unterstellt werden, wenn alle seriösen Untersuchungen zu einem völlig anderen Ergebnis kommen? Wieso werden Millionen Menschen immer wieder als potentielle Sozialschmarotzer an den medialen Pranger gestellt? Wieso wird bei jedem Fördern immer wieder das misstrauische Fordern eingestreut? Die Entmenschlichung der Armen schreitet voran: „Sozial Schwache“ sind im öffentlichen Sprachgebrauch nicht hartherzige, oder ähnliche Asoziale, sondern Menschen, die wenig Geld haben. Hiermit einher geht das Attribut „bildungsfern“, welches ebenfalls gern für finanzschwache Familien benutzt wird. Gerade so, als ob Arme auch automatisch dumm wären. Was sich in der Sprache verrät ist in der Gesellschaft bereits voll angekommen. In einem kürzlich ausgestrahlten Selbsterfahrungsbericht zum Thema „Leiharbeit“ kommt der Arbeitgeber erst nachdem sich das Fernsehen angemeldet hat, auf die Idee für die Arbeiter ein Dixie-Klo aufzustellen und nach vier Stunden Arbeit eine Pause einzuführen. Vorher schien ihm völlig entgangen zu sein, dass Arbeitslose auch Menschen sind. Der Volkswirtschaftsprofessor der Uni Bayreuth, Peter Oberender, will Menschen, die von Armut betroffen sind dazu animieren, ihre Organe zu verkaufen. Aus dem Bundesvorstand der Union kommt der Vorschlag, für Arme das Wahlrecht einzuschränken. All diese Vorgänge finden ihre geistigen Wurzeln in einem Sozialdarwinismus, der Mildtätigkeit und Hilfsbereitschaft als Schwäche auslegt, die das „natürliche“ Überleben des Stärkeren nur unnötig verfälscht. Hilfe soll deshalb auch nur den „wirklich“ Bedürftigen zukommen und die beste „Hilfe“ entsteht in dieser Logik durch Leistungskürzung. Die Stärksten überleben. Diese Grundüberzeugungen sind auch im Faschismus zu finden. Die Durchdringung unserer Gesellschaft mit diesem Gedankengut ist eine handfeste Gefahr für die Demokratie. Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang bereits von der Postdemokratie. Aufwachen ist angesagt. Arbeitslosenfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit sind die zwei Gesichter der Menschenfeindlichkeit. Und Menschenfeindlichkeit ist Demokratiefeindlichkeit. Es muss ein Ruck durch unsere Gesellschaft gehen, die Reihen müssen geschlossen werden. Lichterketten und Solidaritäts-Konzerte sind da gar nicht notwendig.Wichtig ist auf dem Platz. Der Alltag entscheidet.
Mein Kumpel ist arbeitslos, ja und?
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