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Editorial - Herbst 09

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Christoph Theligmann

 Sprechen wir vom „Ich“, schwingt das „Du“ oder das „Andere“ in unseren Aussagen mit. „Ich“ ist ein Begriff der Abgrenzung. (Dasselbe gilt natürlich auf für das „Wir“: „Wir und die Anderen“) So werden wir uns unseres Daseins bewusst, ganz individuell oder in trauter Gemeinschaft. Allein dieses identitätsstiftende Selbst, das sich Selbst-Bewusstmachen ist alles andere als sicher: Die moderne Hirnforschung stellt das sinnstiftende „Ich“ in Frage, zumindest in Form einer gültigen Realität. Gerhard Roth, Neurologe und Philosoph (Universität Bremen), behauptet: „Das „Ich“ ist lediglich ein Modell unseres Gehirns, mithin eine Illusion.“ Seine Analysen fußen auf empirische Untersuchungen: Wie lassen sich zum Beispiel Phantomschmerzen erklären? Abgetrennte Gliedmassen, die schmerzen, obwohl sie nicht mehr vorhanden sind!
Gerhard Schröder hängt als illustere Bebilderung im Kanzleramt und ist pure Vergangenheit. Merkel II ist Hausherrin und ihr ständiger Gast hört die nächsten vier Jahre auf den Namen Guido Westerwelle. Aber unsere Schmerzen werden gefühlt. „Agenda 2010“ ist vor allem (wenn wir’s denn bis zum Jetzt überlebt haben) ein Phantomschmerz und so richtig erst zu spüren, wenn im nächsten Jahr, die Wirtschaftskrise auf dem Arbeitsmarkt durchschlägt. Die Wortschöpfung „Agenda 2010“ der ehemaligen Kanzlergattin Doris wird eine Realität erlangen, die schmerzen wird, mit oder ohne der Gliedmassenprothese, Modell „Guido“.
Habe in der Presse der letzten Tage über „Listige Pilze“ gelesen, Stichwort „ Gaming the system“ (Süddeutsche Zeitung, 05.10.2009). Eine Wortschöpfung, die annähernd übersetzt werden kann mit „einem System, welches mit den eigenen Mitteln auf UNLAUTERE Weise überlistet“. Ist es Hinterlist, ist es List, wenn in Italien Silvio Berlusconi demokratische Standards schleift, indem er sich demokratisch durch seine Medienmacht zu legitimieren versucht? Gibt es etwa nicht die russische Variante der Demokratiefindung „á la Vladimir Putin“? (Während ich dies schreibe, ist nicht sicher und dies bestimmt überholt, wenn es um die Frage geht, ob wir die „Russen“, was den Fußtritt angeht, am kommenden / überholten Samstag vom Kunst-Rasen hinwegfegt haben werden).
Frage: Sind denn WIR gefeit gegen die demokratisch sich gebärenden Meinungsmacher in diesem, unserem Lande? Das Titelthema dieser Sperre-Ausgabe heißt „Wer uns denkt“. Ein Versuch hinter die Kulissen zu schauen. Meinungsmache, Meinungsmanipulation ist gemeint. Aber in emanzipatorischer Absicht hinterfragt!

Wenn wir den Boden, auf dem wir stehen nicht mehr sehen,... wird es zumindest Herbst! (Eintagesskulptur im Wienburgpark MS, Bäume mit transparenter Folie) Foto: Wilfried Ebert

„Wir haben die Kraft“ war der Slogan der „Union“ im zurückliegenden Wahlkampf. Erste Reaktion: wie inhaltsleer. Zweite Reaktion, auf die nicht mehr zu reagieren ist: der Slogan war von Erfolg gekrönt! Werden wir die Westerwelle darin hindern, zur Dauerwelle zu werden? Mit unseren publizistischen „Sperremöglichkeiten“: Ja – wir werden! Wir, die Redaktion, werden es zumindest versuchen! Denn wir erregen uns darüber, wenn die Schere zwischen Reich und Arm sich immer weiter öffnet. Wir bleiben optimistisch: Das stete Wasser höhlt den Stein - Welle um Welle!
„Wer uns denkt“ ist das eine. „Wer uns dankt“ ist ein weiteres. Seit vier Ausgaben hat die „Sperre“ ein anderes Gesicht. Kultureller, so ist es, auch was die Titelbildauswahl betrifft. Die Redaktion hofft, dass dies anspricht. Ebenso, das Layout. Wir freuen uns über die positiven Rückmeldungen innerhalb des letzten Jahres. (Danke Ulrike!). Durch unseren neuen Online – Auftritt (www. sperre-online.de) wissen wir, dass die Rechtstipps und Urteile ein Hauptaugenmerk der Sperre ist – das wird bleiben und gepflegt!
Wenn die Tage kürzer werden, die dunkle Zeit länger – so what, it’s Indian summer,
Ihr Christoph Theligmann

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