Systemisch beraten über Hartz IV

12. Februar 2019 | Von | Kategorie: Kommentar, Kultur

Rezension von Arnold Voskamp

Intensivkursus für Hartz-IV-Beratende, so lässt sich dieses kleine, gehaltvolle Bändchen beschreiben. Tanja Kuhnert hat als Sozialarbeiterin und in der Weiterbildung von Beratenden mit Armut und Hartz IV zu tun.

„Das Behördensystem Jobcenter spricht eine eigene Sprache. Diese zu verstehen und selbst anwenden zu können … [ist] selbst für Fachleute … nicht immer einfach.“ (S.40) Tanja Kuhnert beginnt mit den rechtlichen Rahmenbedingungen von Hartz IV: Leistungsberechnung, Meldepflichten, Erreichbarkeit, Mitwirkungspflichten, vorrangige Leistungen, Erstattungspflichten, Bedarf für Wohnraum, Heizkosten, Umzugsregelungen, Eingliederungsvereinbarungen, zumutbare Arbeit, Sanktionen. Diese Regeln zu verstehen, sei existentiell für das Beraten im Kontext von Hartz IV.
Mit dem Eintritt in das komplexe Hartz-IV-System entwickle sich bei den Betroffenen häufig ein Ohnmachtsgefühl, sogar bei den Fachleuten. Im Zwangssystem Hartz IV hüten sich Menschen aus guten Gründen vor Offenheit und Authentizität. Die Anforderungen des Jobcenters greifen in vielen Fällen stark in das Privatleben ein. Sie regen Leistungsbeziehende nicht an, eine Perspektive aufzubauen, sondern erzeugen oder verstärken Scham und wirken damit lähmend, schreibt Kuhnert. Scham erzeugt Rückzug, sie verhindert positive Veränderung. Ein Berater, der dann mit schnellen Lösungen kommt, hilft nicht, er verstärkt das erlebte Ohnmachtsgefühl noch. Solches Beraten hilft nicht, tatsächlich Mut, Hoffnung und Energie für Veränderungsschritte zu finden. Kuhnert vergleicht die Phasen der Verarbeitung von Arbeitslosigkeit mit einem Trauerprozess.
Die Autorin beschreibt anhand von Fallbeispielen, wie systemisches Beraten wirkt. Sie formuliert durchgehend den politischen Bezug vom Beraten im Rahmen von Hartz IV. Gleichzeitig regt sie zu Austausch und Weiterbildung an, und dazu, sich laufend die eigene Biografie, Motive, Rollenverständnis und Belastungen bewusst zu machen.

Tanja Kuhnert, Leben in Hartz IV – Armut und Menschenwürde, V&R, Göttingen 2017

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