Einmal falsch abgebogen – mehrere Lebensjahre verschenkt

11. Februar 2019 | Von | Kategorie: Arbeit und Soziales

Das Studium, das aus gesunden Menschen kranke macht

Von Daniel Krull

Irgendwann kommt jeder Mensch an diesen Punkt: Der Rückblick auf das vergangene Leben, das berühmte (Zwischen-)Fazit-Ziehen oder auch nur das Reflektieren über die zurückliegenden Jahre und Jahrzehnte. Die eine Person kommt unvorbereitet an diesen Punkt, die andere schon früh in ihrem Leben, wiederum andere Menschen erst auf dem Sterbebett in einem personell unterbesetzten Altenheim. Diese Reflexion macht einem wieder bewusst: Was passiert, wenn man einmal im Leben falsch abbiegt? Was erleidet die Seele, wenn das selbst gewählte Studium das falsche ist? Kann ein Studienabbruch das Allheilmittel sein?

Ein x-beliebiger Tag im unerträglich heißen Wüstensommer 2018: Der nette Briefträger bringt pünktlich die Post und wirft außer Rechnungen, Rechnungen und nochmals Rechnungen auch eine unerwartete Einladung in den alten, rostigen Briefkasten: die Einladung zum 20. Jahrestag des Abiturs. Das kann nicht sein, oder? Ist das etwa schon 20 Jahre her? Wie doch die Zeit vergeht! Zeit für einen Rückblick.

Reife(?)-Zeugnis

Vier Jahre Grundschule, neun Jahre Gymnasium (G9) und am Ende erhält man das – vermeintliche – Reifezeugnis. Das Reifezeugnis ist nicht nur eines der bekanntesten und beliebtesten Tatort-Folgen mit Nastassja Kinski, der zweitjüngsten Tochter von Klaus Kinski, sondern dieses Abitur ermöglicht auch zahlreiche Chancen. Wo vermehrt Chancen liegen, existieren aber auch ganz schnell ganz viele Risiken. Warum Risiken? Wer viele Möglichkeiten hat, kann auch schnurstracks auf das falsche Pferd setzen und den schwarzen Peter ziehen. Gesagt, getan, gezogen.
Die Schulzeit liegt hinter mir und fortan kann endlich die große weite Welt erobert werden. Der Himmel ist wolkenlos und alles ist eitel Sonnenschein. Und beruflich? Na logo. Studium an einer deutschen Universität! Wer Abitur hat, muss auch studieren!? Fehler Nummer eins.

Das Studium: die schönste Zeit im Leben? Mitnichten!

Da ich auf dem Gymnasium in der Oberstufe als Leistungsfach Mathematik belegt hatte und somit dieses Fach auch in der Abiturprüfung hatte: Wie wäre es denn dann mit einem Mathematikstudium – schließlich war ich im Fach Mathematik immer der Beste … mit Abstand … zumindest in der Grundschule. Fehler Nummer zwei.
Das Studium beginnt, die ersten Klausuren gehen daneben, das Niveau des Studiums ist insgesamt höher als der schneebedeckte Mount Everest, die weiteren Klausuren gehen wiederholt daneben, und die Tage vergehen und die Tage vergehen und die Tage …
Erst ein paar Jahre später realisiere ich, dass irgendetwas gehörig falsch läuft, aber nicht nur die Leistungen im Studium liegen unter dem Strich, sondern auch die Psyche und Seele befinden sich ganz unten im tiefroten Bereich. Echte Mathematiker*innen würden an dieser Stelle wohl schreien: „Minus mal minus ist doch gleich plus!“ Nee, leider nicht immer.

Leiter ohne Stufen

Da ich keine Energie mehr habe, Vorlesungen, Seminare etc. zu besuchen, kann ich jeden Tag ausschlafen und habe mehr Freizeit als mir lieb ist. Genial, oder? Nein, leider ganz und gar nicht, um nicht zu sagen: einfach nur furchtbar und kräftezehrend. Die Kraft lässt immer weiter nach und das Studium, nein, sogar das gesamte Leben wird zu einer einzigen Qual. Das Loch, in dem ich mich befinde, ist nicht nur tief, auch die morsche Leiter zum Herausklettern hat keine Stufen. Um es auf den Punkt zu bringen: Überforderung, Überforderung, Überforderung.
Irgendwann kommt der Moment, der alles verändert … nicht nur zum Positiven: die freiwillige Exmatrikulation. Die Aufgabe, die in Wahrheit keine Aufgabe ist, ist eigentlich eine Meisterleistung. Es gibt nun keinen Plan A mehr, aber auch keinen Plan A2 oder B oder C oder D oder Z. Nichts. Doch, es gibt etwas: die Arbeitslosigkeit! Über zehn Jahre nach dem Reifezeugnis ist nicht nur der Himmel pechschwarz gefärbt, sondern auch das eigene Leben befindet sich irgendwo zwischen Stillstand, Niedergeschlagenheit, Lethargie und Frustration hoch 1000.
Ab jetzt kann es nur noch aufwärts gehen. Nicht sofort, da noch die Kraft fehlt und das Loch viel zu tief und zu dunkel ist, aber langsam und sicher geht es wieder in die richtige Richtung. Das Licht am Ende des Tunnels ist zum Glück nicht der entgegenkommende Zug, sondern der (richtige) Weg in eine bessere und vor allem gesündere Zukunft.

Zwischenfazit: Es ist kein Makel, wenn Plan A scheitert. Es ist auch kein Fehler, wenn Plan A ohne Rücksicht auf Verluste aufgegeben wird. Anstatt jahrelang und Unmengen an Arbeit, Zeit, Kraft, Ausdauer und auch Geld in etwas Sinnloses zu investieren, sollte vielmehr überlegt werden, wie eine sinnvolle Alternative aussehen könnte. Egal, ob das ein anderes Studienfach, eine Ausbildung, eine Umschulung, ein Praktikum, der Bundesfreiwilligendienst (BFD), ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), ein Jahr im Ausland, eine Arbeit oder eine ehrenamtliche Tätigkeit, etwa beim Verein Arbeitslose brauchen Medien (AbM e.V.), bedeutet. Alles kann besser sein als ein krankmachendes falsches Studium. Nicht nur auf dem aus dem Ruder gelaufenen Arbeitsmarkt ist nicht alles eitel Sonnenschein, sondern auch an den Hochschulen liegt einiges im Argen, da der Leistungsdruck kontinuierlich steigt und immer mehr Leistungen in immer kürzer werdenden Abständen erbracht werden müssen.

Psychische Erkrankungen nehmen aktuell spürbar zu

Sommersemester 2018: Die Hörsäle und Seminarräume der Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland platzen aus allen Nähten. Aktuell studieren über 2,8 Millionen Menschen an den deutschen Hochschulen. Ob alle diese Menschen den Anforderungen des Studiums gewachsen sind?
Die Barmer, zweitgrößte deutsche Krankenkasse, weist in ihrem 281-seitigen „Arztreport 2018“ darauf hin, dass „immer mehr junge Erwachsene […] unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken [leiden]“. Mehr als jede*r Vierte der 18- bis 25-Jährigen von heute leidet an einer psychischen Erkrankung, im Vergleich zum Jahr 2005 eine Zunahme um 38 Prozent. Bei Depressionen beträgt der Anstieg sogar 76 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prognostiziert, dass „Depressionen in den Industrieländern in naher Zukunft die Hauptursache für vorzeitigen Tod sein werden.“
Im Hinblick auf die Studierenden stellt die Barmer-Studie ebenso erschreckend fest: „Nahezu jede*r sechste Studierende (17 Prozent) ist von mindestens einer Diagnose psychischer Störungen betroffen.“ Gründe für diese psychischen Störungen sind der zunehmende Leistungsdruck, Zukunftsängste und finanzielle Sorgen. „Die Probleme können bei den betroffenen Studierenden so groß werden, dass der normale Studentenalltag nicht mehr zu bewältigen ist, es vielfach zu Studienabbrüchen kommt und ein beträchtlicher Teil in existenzielle Krisen gerät“, lautet die alles andere als erfreuliche Feststellung.

Fazit: Es wäre zu einfach, zu behaupten, mit einem Studienabbruch verschwänden alle (psychischen) Probleme. Was aber nicht vergessen werden darf, ist die Tatsache, dass ein Studienabbruch keinen Makel, keinen Fehler und erst recht kein Zeichen von Schwäche darstellt. Der Abbruch kann der Schritt in die richtige Richtung sein. Er kann auch als Stärke gewertet werden … auch wenn unsere herz-, empathie- und erbarmungslose Leistungsgesellschaft etwas anderes verlangt. Trotzdem, ohne Wenn und Aber: Ein Studienabbruch ist kein Beinbruch und „das Ziehen der Notbremse“ kann dafür sorgen, dass das eigene Leben nicht entgleist.

Beratungsstellen und Hilfsangebote für Studierende in Münster

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