Lebensräume statt Kapitalanlagen

29. Oktober 2018 | Von | Kategorie: Arbeit und Soziales, Münster

Gemeinschaftsprojekte schaffen Wohnraum jenseits von Verwertungsinteressen

Manche Menschen träumen von Wohngemeinschaften auf dem Land. Andere wünschen sich mehr Miteinander in der Nachbarschaft. Vieles ist machbar: Wie wir uns Räume zurückerobern und dadurch der Spekulation entziehen können.

Von Lisa Liesner

Wohnen bedeutet für viele Menschen weitaus mehr als nur ein Dach über dem Kopf zu haben. Das Zuhause trägt maßgeblich zu ihrer Zufriedenheit bei. Es kann ein Ort des Zusammenlebens sein, des Austauschs. Ein Ort, an dem Menschen sich von ihrer Erwerbsarbeit erholen können. Aber ebenfalls ein Ort der Arbeit – meist unbezahlter, mit Glück aber selbstbestimmter, die einen ein Stück weit unabhängiger macht von kapitalistischen Konsumzwängen (Gärtnern, Reparieren etc.).
Die Art des Zusammenlebens hat sich über die Jahrzehnte gewandelt: Immer mehr Single-Haushalte, buntere Familienformen, Wohngemeinschaften. Doch von gelebter Vielfalt ist in vielen Wohngegenden nicht viel zu sehen. Sie vermitteln eher den Eindruck, dass die Bewohner gern für sich bleiben. Das könnte daran liegen, dass die Lohnarbeit viele zunehmend einspannt. Oder dass die Art der Architektur, Gemeinschaft über die eigenen vier Wände hinaus gar nicht zulässt. Der Neoliberalismus der vorangegangenen Jahrzehnte hat wohl auch seinen Teil dazu beigetragen, vielen das Gefühl zu geben, „alles alleine schaffen zu müssen“. Unterstützung in der Nachbarschaft ist für manche ein Relikt aus Großmutters Zeiten. Dabei könnten mehr Gemeinschaftsarbeit und weniger Lohnarbeit uns doch unabhängiger und vermutlich auch zufriedener machen.

Weg von der Anonymität

Es gibt immer mehr Menschen, die nicht in dieser Vereinzelung weiterleben wollen. Viele sind es satt, einen Großteil ihres Einkommens gewinnorientierten Vermieter*innen in den Rachen zu werfen (siehe Artikel: Vermieterin des Grauens). Sie wollen bezahlbaren Wohnraum schaffen, der Möglichkeiten des Miteinanders bietet. Die Vorstellungen von solchen Wohnmodellen sind vielfältig: gegenseitige Unterstützung im Alltag, Realisierung gemeinsamer Projekte (zum Beispiel kulturell oder pädagogisch ausgerichtet), alternative Energie- und Landwirtschaft, autofreie Mobilität, politische und Bildungsarbeit etc. Manche wollen auch einfach nur ein nachbarschaftliches Umfeld und unabhängig werden von spekulierenden Investor*innen. Je nach Zielsetzung und den Bedürfnissen der Bewohner*innen werden im Vorfeld gemeinschaftlich genutzte Flächen und Räume eingeplant: als Repair-Café, Coworking Space, Pflegestützpunkt oder Gemeinschaftsgarten.
Viele Städte und Kommunen zeigen wenig Interesse, selbst Wohnraum für die Umsetzung solcher Modelle zur Verfügung zu stellen. Darum suchen einige Menschen selbst nach konkreten Möglichkeiten, Wohnraum dem teuren Markt für Immobilien zu entziehen und ihn dauerhaft bezahlbar zu machen. Gerade ihnen fehlt es aber oft an finanziellen Mitteln. Der Kauf des Grundstücks, die Renovierung des Bauernhofes oder der ehemaligen Fabrik, die Planung gemeinsamer Infrastruktur – all das kostet Geld, das erstmal beschafft werden muss. Die Erfahrungen zeigen: Es erfordert viel Enthusiasmus und einen langen Atem. Sie zeigen aber auch, dass es funktionieren kann. Hier gilt es einige bürokratische Hürden zu nehmen.

Die Häuser denen, die darin wohnen

Dabei können die potentiellen Bewohner*innen wie lokale Entscheidungsträger*innen der Stadtplanung mittlerweile auf die Erfahrung aus bereits bestehenden Projekten zurückgreifen. Viele Beispiele finden sich im Mietshäuser Syndikat, das bereits seit Beginn der 1980er-Jahre besteht. Ein bunter Strauß von mehr als 120 Projekten wurde mit seiner Unterstützung bundesweit realisiert. Neben Wohnhäusern entstanden dadurch selbst verwaltete Jugendzentren oder Räume für Kleingewerbe und Handwerk. Das Syndikat, eine GmbH, ist ein solidarischer Verbund von Projekten und Einzelpersonen. Gemeinsam mit dem jeweiligen Hausverein als gleichberechtige Gesellschafter organisieren sie den Hauskauf und die Sanierung. Hausprojekte profitieren dabei einerseits vom bestehenden Know-how der anderen. Andererseits werden die niedrig kalkulierten und stabilen Mieten zum Anschub neuer Hausprojekte genutzt, sobald die Kredite getilgt sind. Das erworbene Haus ist damit in Besitz der GmbH, aber in Verantwortung der Bewohner*innen. Diese treffen selbstbestimmt alle Entscheidungen. Die GmbH als Gesellschafter hat lediglich ein Veto-Recht, falls das Haus doch in Privateigentum übergehen soll. So sollen Häuser langfristig vom Markt genommen und Räume der Gemeinschaft jenseits von privaten Verwertungsinteressen geschaffen werden.
Im Süden Münsters hat die Grafschaft 31 diese Form gewählt. Ein gutes Dutzend Menschen lebt hier in einem Bauernhaus mit vier Hektar Land, Obstbäumen und Garten. Das „entprivatisierte“ Gebäude mussten die Bewohner*innen erst einmal sanieren, bevor sie einziehen konnten. Die Kosten beliefen sich insgesamt auf mehr als 500.000 Euro – Geld, das niemand von ihnen aufbringen konnte. Möglich wurde es durch Unterstützung durch das Syndikat sowie zahlreicher Direktkredite von Unterstützer*innen, die die Idee gut fanden. Die Bewohner*innen zahlen nun Miete – aber nicht viel: etwa 6,10 Euro Fix-Miete pro Quadratmeter. „Wir haben ja keine Einlagen gezahlt. Und die Person, die hier ausziehen möchte, die kann einfach gehen. Und dann zieht die nächste Person ein“, erklärt eine Bewohnerin dem WDR. Wer hier wohnt, trägt dann aber auch die Verantwortung mit. Die Mieter*innen treffen selbst Entscheidungen, beispielsweise über einen Aus- oder Umbau. Aber auch anfallende Arbeiten, seien es Reparaturen oder Gartenarbeit, sind gemeinschaftliche Aufgaben der Bewohner*innen.
Es gibt weitere Wege, um das Ziel des gemeinschaftlichen Wohnens zu verwirklichen. In einer Wohnungsgenossenschaft sind die Mitglieder über ihre Genossenschaftsanteile Eigentümer und zugleich Mieter im gemeinsamen Haus. Im Gegensatz zum Syndikat-Modell muss die „Entprivatisierung“ hier aber nicht immer endgültig sein: Durch einen Mehrheitsbeschluss könnte der Wohnraum auch wieder in Privateigentum übergehen.
Eine Genossenschaft in Münster ist der Grüner Weiler eG. Sie planen, Wohnraum für 250 Menschen in der Stadt zu schaffen. Der Anteil von zehn Prozent an gemeinschaftlichen Flächen am Gesamtareal zeigt: Das Projekt setzt auf verdichtetes Wohnen, will so Ressourcen schonen und ein Miteinander fördern. Wirtschaftliche, ökologische, soziale und kulturelle Nachhaltigkeit sind von zentraler Bedeutung. Raum für experimentelles Wohnen soll es ebenso geben wie Flächen für Gewerbe und Kultur. Auch in diesem Fall lauten die Ziele: Wohnraum den Spekulanten entziehen und langfristig günstige Mieten ermöglichen.

Nachbarschaft möglich machen

Immobilien der Spekulation entziehen und mehr nachbarschaftliches Miteinander – das wollen auch manche Stiftungen. Es lohnt sich, einmal zu schauen, ob und wie sie welche Vorhaben fördern können. Sei es, um selbst Unterstützung anzufragen oder um sich auch mal von Projekten inspirieren zu lassen.

  • Boden, Ökologie und gemeinschaftliches Wohnen sind die Themen der Stiftung Trias. Sie unterstützt neben Einzelpersonen und Familien auch gemeinnützige Organisationen. Besondere Beachtung finden Projekte mit ökologischem Zusatznutzen oder solche, die bei Inklusion oder Pflege neue Wege einschlagen.
  • Die Stiftung Edith Maryon will Grundstücke vor der Spekulation schützen, damit sie oder andere sie dauerhaft sozialverträglich nutzen können. Möglich wird dies durch Schenkungen oder Vererbung. Unterstützt werden Projekte nicht finanziell, sondern mit Know-how und Strukturen der Stiftung.
  • Die Montags-Stiftung Urbane Räume hat den Schwerpunkt nachhaltige Stadtentwicklung. Sie fördert Nachbarschaftsinitiativen wie zum Beispiel Stadtteilcafés, Familienzentren, Schwimmbäder, Gemeinschaftsgärten. Nützlich sind auch ihre Infobriefe.
  • Die anstiftung fördert, vernetzt und erforscht Räume und Netzwerke des Selbermachens. Dazu gehören neben Urbanen Gärten, Reparaturinitiativen unter anderen auch Initiativen zur Belebung von Nachbarschaften oder Interventionen im öffentlichen Raum.

Zurück nach Münster: Wen hat die Stadt bei der Planung eigentlich im Blick? Immobilien werden hier immer noch gern zum besten Preis verkauft, ohne zu schauen, welche Bedürfnisse die Menschen haben, die dort leben. Städte und Kommunen können aber durchaus bei der Vergabe von Grundstücken und Objekten Investoren bevorzugen, die solidarische und nachhaltige Konzepte vorlegen. So zum Beispiel passiert es in Tübingen oder in Zürich.
Doch in Münster haben Menschen mit geringem Einkommen noch immer wenig Raum: wenig Wohnraum und auch kaum konsumfreie öffentliche Räume, an denen sie sich aufhalten können.

 

Weitere Infos und Hinweise im Internet:

Bündnis urbane Wohnformen – Netzwerk von Initiativen, die aktuell gemeinschaftliche Wohnprojekte in Münster umsetzen wollen

„Das ist unser Haus“ – Spannender Film über das Mietshäuser Syndikat, dort verwirklichte Projekte und eine verständliche Erklärung des Modells

Das Mietshäuser Syndikat

Zusammenstellung von Arbeitshilfen für Gemeinschaften

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